Sich so zu präsentieren, wie man ist – persönlich,

Bretter, die kaum Geld bedeuten

Beliebt, beneidet – und immer wieder arbeitslos: Bühnenkünstler beschreiben ihre mühsame Suche nach Jobs.  

TEXT SARAH WEIK

Mandy-Marie Mahrenholz kann sich noch genau an dieses eine Vortanzen erinnern. Vor etwa zwei Jahren lud ein Stadttheater zum Casting für eine Musicalproduktion. Mit ihrem Kollegen und vielen anderen Bewerbern tanzte sie auf der Bühne. In einer Pause betrachtete sie ihre Konkurrenz: »Da fiel mir auf: Wir waren die Ältesten – und zwar mit Abstand!« Mahrenholz war damals 28 und dachte kurz: »Was mach’ ich denn noch hier.« Ihr wurde klar, dass sie eigentlich keine Chance hatte. Dass ihre Erfahrung, ihre Erfolge hier nichts zählten. Dass sie so gut singen und tanzen konnte wie sie wollte, die Wahl aber auf eine junge, frische Absolventin fallen würde: motiviert und bereit, auch für weniger gute Konditionen zu arbeiten. Nach mehr als 20 Jahren im Geschäft war der ehemalige »Kinderstar« an diesem Tag vor allem frustriert. Und müde. »Ständig in diesem Bewerbermodus zu hängen, ohne Aussicht auf etwas Beständiges, Sicheres – das geht an die Substanz.« 

Schauspieler, Sänger, Tänzer oder Musicaldarsteller: Traumberufe, die Tausende junger Menschen an Schulen und Universitäten locken, an staatliche Einrichtungen und immer mehr private. Die alle die Hoffnung verbindet, den Durchbruch zu schaffen. Allein in der Kartei der Künstlervermittlung der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) – eine Einrichtung der Bundesagentur für Arbeit – stehen 50.000 Namen. Von Komparsen über Zauberer bis zum Tatort-Darsteller. »Längst nicht alle haben das Glück, nur von der Kunst leben zu können«, sagt Altera Piccolo, die bei der ZAV-Vermittlungsstelle in Köln für die Bereiche Musiktheater, Schauspiel sowie Film und Fernsehen zuständig ist. Feste, gut bezahlte Stellen sind rar. Nicht selten verdienen die Künstler weniger als die nicht selten festangestellten Beleuchter. Und selbst wer ein Engagement an einem Stadt- oder Staatstheater erhält, bekommt in der Regel nur einen befristeten Vertrag. Und danach wieder. Und wieder. »Erst nach 15 Jahren beim gleichen Arbeitgeber, wird aus einem befristeten ein unbefristetes Arbeitsverhältnis«, erklärt Piccolo. Und dieses Zeitfenster haben die Theater im Blick. Für die Künstler bedeutet das: Sie sind quasi ständig auf Jobsuche, müssen zeitlich und örtlich flexibel sein und sich ständig neu in Erinnerung bringen. Unterstützung bekommen sie dabei von der ZAV Künstlervermittlung, privaten Agenturen und verstärkt auch durch das Internet mit seinen Jobportalen und sozialen Netzwerken.  

Mit sechs Jahren spielte Mandy-Marie Mahrenholz in ihrem ersten Kinofilm. Sie wurde bei einem Casting an ihrer Schule ausgesucht und hatte am Set so viel Spaß, dass sie unbedingt weitermachen wollte. »Die Angebote kamen dann fast von selbst.« Weitere Fernseh- und Kinoproduktionen folgten, mit 13 wurde sie für die Kinderserie »Schloss Einstein« engagiert und übernahm für vier Jahre die Rolle der Laura Marwege. »Eine unglaublich tolle Zeit.« Sie beschloss, den Beruf richtig zu erlernen. Da sie seit dem sechsten Lebensjahr Ballett tanzt und auch gern singt, entschied sie sich für eine Musicalausbildung. »Ich dachte, dann bin ich vielfältiger, breiter aufgestellt.« Mahrenholz machte ihre Ausbildung an der Joop van den Ende Academy, eine private Berufsfachschule in Hamburg mit staatlicher Anerkennung. Seit ihrem Abschluss ist sie auch in der Musical-Kartei der ZAV. »Wir haben den Vermittlern unser Abschlussprojekt präsentiert, die meisten wurden danach in die Kartei aufgenommen.« 

Der reibungslose Übergang von der Ausbildung in den Beruf sei ein Hauptanliegen der Künstlervermittlung, betont Bereichsleiter Werner Kleinfeld. »In kaum einer anderen Branche ist es so wichtig, schnell Fuß zu fassen.« 75 Prozent bekämen nach dem Abschluss an einer staatlichen Hochschule ein erstes Engagement. Daran, ist sich Kleinfeld sicher, habe die ZAV durchaus großen Anteil.  So zeigen Absolventen der deutschsprachigen Hochschulen für Schauspiel und Darstellende Kunst jedes Jahr beim Talentefestival, organisiert vom Rheinischen Landestheater in Neuss und der Agentur, ihr Programm vor den Vermittlern der ZAV, privaten Castern, Intendanten und Regisseuren. Fast jede Sparte kennt solche Absolventenpräsentationen und Intendantenvorsprechen.  

»Jede Schule hat dabei pro Student sechs Minuten Zeit«, erzählt Richard-Salvador Wolff – dunkler Teint, volle schwarze Haare, sanfte braune Augen. 2015 machte der 27-Jährige seinen Abschluss an der Folkwang Universität der Künste in Essen im Fach Musical. Für das Intendantenvorsprechen in München überlegte er sich mit seinen fünf Kommilitonen ein Programm, in dem jeder seine Stärken zeigen konnte. »Für jeden haben wir ein Lied und ein Monolog eingeplant, dazwischen getanzt und alles zu einer kleinen Geschichte zusammengebaut.« Viele Gedanken hätten sie sich im Vorfeld gemacht, viel geprobt. »Natürlich will man sich von seiner besten Seite zeigen. Es ist einfach eine große Chance.« 

Kontakt mit der ZAV hatte Wolff schon während des Studiums. »In Workshops haben Vermittler uns gesagt, wie die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist, wie Castings ablaufen, auf was man bei Verträgen achten muss – das war enorm hilfreich.« Direkt nach dem Intendantenvorsprechen war Wolff in der Kartei der ZAV, auch eine private Agentur hatte Interesse – und er blieb einigen Produzenten im Gedächtnis. Sein erstes großes Engagement kam dann jedoch über Facebook zustande. Ein Freund postete, dass Stage Entertainment noch einen Aladdin für die Adaption des Disney-Klassikers suchte. Er bewarb sich und bekam die Rolle. »So kurz nach dem Abschluss – das war schon Wahnsinn!« Seit Dezember 2015 steht er – außer montags – täglich im Hamburger Stage Theater Neue Flora auf der Bühne. »Da war auch eine Riesenportion Glück dabei. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und mein Typ war gefragt.« 

Nicht immer läuft das so glatt. Auch die Aufnahme in die Kartei der ZAV ist kein Selbstläufer. »Es ist auch Eigeninitiative gefragt«, sagt Piccolo. Absolventen privater Schulen oder Quereinsteiger müssen bei einem Casting vor Ort die Fachvermittler von sich überzeugen. Es sind Experten, die aus dem Beruf kommen, Erfahrung und wertvolle Kontakte mitbringen: wie Maria Leyer-Fäth. Vor gut 40 Jahren stand sie selbst vor einem Fachvermittler der ZAV. Die Sopranistin hatte gerade ihre Ausbildung am Opernstudio in Köln abgeschlossen. Sie kann die Aufregung der Bewerber nachfühlen. »Ich weiß, wie das ist, wenn man vor diesen erfahrenen Profis steht und sie unbedingt von sich überzeugen will.« Sie kennt den Ehrgeiz, kennt die Gefahr, für das Vorsingen eine Arie auszusuchen, die noch zu schwer ist. Wenn einem Bewerber ihrer Meinung nach zur Bühnenreife noch etwas fehlt, »bekommt er Hausaufgaben auf«.  Ausführliches Feedback bei einer Absage ist ihr wichtig. »Jeder der hier rausgeht, soll eine Perspektive haben«, sagt  Piccolo. »Und wenn es eben die ist: Ich muss noch an mir arbeiten.« 

Für Leyer-Fäth war der Job bei der ZAV selbst eine Perspektive. Nach Jahrzehnten auf deutschen Bühnen, Hauptrollen und unzähligen Auftritten, merkte sie, dass die Anfragen weniger wurden. »In dieser Branche spielt bei Frauen das Alter eben doch eine große Rolle. Dann landet man schnell im Charakter- oder Mutterfach, doch das muss die Stimme auch hergeben.« Ihre war etwas zu weich, zu hochgelagert für diese Figuren. Mit 55 Jahren wollte sie auch endlich ankommen und zog mit ihrem Mann zurück nach Köln. Zufällig kannte sie ihren Vorgänger bei der ZAV privat. Er schlug ihr vor, sich doch als seine Nachfolgerin zu bewerben. 

»Zu diesem Zeitpunkt die ideale Rolle«, sagt Leyer-Fäth. Seit neun Jahren ist sie bei der ZAV und hilft anderen »im wunderbarsten Beruf der Welt« Fuß zu fassen. Sie berät, leitet an, gibt ihre Erfahrung weiter. Für rund 20 Häuser in Deutschland und in der Schweiz ist sie Ansprechpartner. Sie kennt die Künstler, die Theater, die Rollen. Wenn ein Staatstheater anruft und wegen Krankheit dringend eine Musetta braucht, weiß sie, was gesucht ist, weiß, ob es eine moderne Adaption der Puccini-Oper »La Bohème« ist, welche Stimmlage benötigt wird, welche Sängerin auch optisch gut zum Marcello der Aufführung passt. Sie ist mit Engagement bei der Sache. Immer wieder fallen Sätze wie: »Dann überlegen wir gemeinsam, was wir da vorsingen.« Als würde sie selbst beim Casting mit auf der Bühne stehen. Sie freut sich »riesig über jeden Vertrag, jeden Künstler, der abgesichert ist«. 

»Hätte ich gewusst, wie schwer das wird, hätte ich mich vermutlich nicht so in diesen Beruf gestürzt«, sagt Mandy-Marie Mahrenholz rückblickend. Sie stand auf unzähligen Bühnen, tourte mit Musicalproduktionen durch Europa. Mit der Zeit wollte sie sich mehr aufs Schauspiel konzentrieren. Doch statt mit ihrer Musicalausbildung mehr Möglichkeiten zu haben, waren es weniger. »Man hat den Stempel Musical – und in Deutschland hat das nicht den Stellenwert wie etwa in Amerika.« Gern wäre sie auch in der Schauspielkartei der ZAV. »Dazu bekam ich bisher nicht die Möglichkeit.« Sie würde sich von der Agentur mehr Offenheit wünschen – für Künstler, die aus Schubladen ausbrechen wollen oder keinen staatlichen Abschluss vorweisen können. 

Mahrenholz verlässt sich nicht nur auf die ZAV. »Die meisten Ausschreibungen stehen mittlerweile auch im Internet, auf Plattformen und Jobbörsen wie Theapolis.« Dennoch: Wenn sie dort ein Angebot sieht, das sie auch über die Künstlervermittlung bekommt, beruft sie sich auf die ZAV. »Das ist schon ein Vorteil.« Auch nach über 20 Jahren im Beruf schaut sie jeden Tag nach freien Stellen. Selbst wenn sie ein festes Engagement hat, heißt das nicht, das sie erstmal durchatmen kann: »Wenn man pro Vorstellung 120 Euro bekommt, ist es sehr schwer, davon zu leben.« Lange hat sie mit Nebenjobs hinzuverdient. »Aber man ist so oft weg – das macht kein Arbeitgeber lange mit.« Denn für ein Vorsprechen muss sie oft schon am nächsten Tag quer durch Deutschland fahren. »Und dann sitzt man teils mit 150 anderen Bewerbern vier Stunden in einem völlig überfüllten Raum und wartet.« Familiengründung? In der Situation kaum denkbar.

Die Künstlerin erzählt von einem Abend mit Freunden vor vier Jahren, in ihrem Wohnzimmer in Hagen. Die meisten ebenfalls aus der Branche. Sie tauschten sich aus, berichteten von schlechten Arbeitsbedingungen und entwürdigenden Angeboten, nicht bezahlten Proben und miserablen Sicherheitsvorkehrungen. »Jemand sagte, das müsste man mal aufschreiben.« Wenig später erhielt Mahrenholz ein Angebot, ein Engagement für 1200 Euro im Monat. Brutto. Noch deutlich unter der ohnehin niedrigen Mindestgage von 1850 Euro. An diesem Tag setzte sich ihr Mann, Musical-Produzent Johannes Schatz, an den Computer, gründete eine Facebook-Gruppe und schrieb einige der »traurigsten und unverschämtesten Künstlergagen und Auditionserlebnisse« auf. »Wenige Tage später ist die Seite explodiert«, sagt Schatz: »Wir haben einen Nerv getroffen.« Künstler berichteten von ihren Erlebnissen und merkten, dass sie damit nicht allein sind. Mittlerweile ist aus der Facebook-Gruppe ein eingetragener Verein geworden: »art but fair«, der sich für gut Arbeitsbedingungen sowie angemessene Gagen in den Darstellenden Künsten und der Musik einsetzt. 

Ein Kampf, den Mahrenholz mitkämpft, wenn auch vermutlich nicht mehr für sich selbst. Sie will sich nicht mehr von Job zu Job hangeln und hat sich mit Moderationen und Unterricht ein zweites Standbein aufgebaut. Sie wähle sich ihre Rollen jetzt sorgfältiger aus. Liebt ihren Beruf nach wie vor, genießt die Momente bei Proben und auf der Bühne. Doch mittlerweile ist ihr etwas mehr Sicherheit und Beständigkeit wichtiger als der Applaus. 

Special
07 / 2017

Bretter, die kaum Geld bedeuten

Von: Sarah Weik


Was? Wann? Wo?Alle wichtigen Kultur-Termine in NRW auf einen Blick:

Anzeigen

K.WEST Gezwitscher