Die U-Bahn-Stationen in der Heinrich-Heine-Allee und am Kirchplatz. Foto: Jörg Hempel

Das Universum in der Unterwelt

Mit der Gestaltung von sechs U-Bahnhöfen unterstreicht Düsseldorf seinen Anspruch als Kunststadt.

Text Andreas Rossmann

Neu ist das nicht. Sogar Gerhard Richter hat schon einmal einen U-Bahnhof ausgestaltet, und zwar in Duisburg, als die Stadt noch nicht so arm und der Künstler noch nicht so teuer war. 1980 erhielt er, gemeinsam mit Isa Genzken, der Malerfürst mit seiner Meisterschülerin, den Auftrag dafür, 1992 wurde die Station König-Heinrich-Platz eröffnet. Vor der Verwahrlosung bewahrt hat die Kunst sie nicht, die Wandflächen wurden verschmutzt, bekritzelt, verunziert und erst vor drei Jahren – mit Hilfe der Brost-Stiftung – gereinigt, saniert und wieder zum Leuchten gebracht. Der Reichtum des Ruhrgebiets liegt unter der Erde.

In Düsseldorf ist das bekanntlich anders, die Modestadt trägt ihn gern offen zur Schau. Doch auch die sechs U-Bahnhöfe der neuen Wehrhahn-Linie, die – 3,4 Kilometer lang, Gesamtkosten 843,6 Millionen Euro – vom Wehrhahn unter der Innenstadt nach Bilk führt, zeigen ihn vor. Künstler haben sie entworfen, die eine Verbindung zur Stadt haben, hier leben oder studiert haben. Alle waren, und das ist wirklich neu, von Anfang an in die Planung eingebunden und haben ihre Konzepte in enger Zusammenarbeit mit den Architekten (netzwerkarchitekten, Darmstadt) entwickelt. Die sechs Stationen, so der Anspruch, wurden als ein unterirdischer lückenloser Zusammenhang angelegt: als »Kontinuum«. Die Wände sind mit einer Oberfläche aus Betonfertigteilen ausgestattet, deren rautenförmige Grundelemente an jeder Station wiederkehren und unterschiedlich ausgearbeitet wurden.

Das Projekt ist ambitioniert, das Ganze erstreckte sich, vom Wettbewerb und der Auswahl der Teilnehmer Ende 2001 bis zur Eröffnung am 20. Februar 2016, über fast 15 Jahre. Jeder Bahnhof stellte eine technologische Herausforderung dar, jeder beanspruchte ein räumliches Konzept, jeder erhielt eine »individuelle« Gestaltung:

Pempelforter Straße: »Surround« von Heike Klussmann. Ausgehend von den Zugängen laufen weiße Bänder über Wände, Decken und Boden und nehmen die Bewegungsrichtung der Raumkanten so auf, dass diese sich an der Geometrie der Architektur brechen und abwickeln können. Aus dem Spiel mit den Dimensionen von Fläche und Raum ergibt sich eine überraschende dreidimensionale Wirkung, die tatsächlichen Begrenzungen des U-Bahnhofs scheinen sich aufzulösen.

Schadowstraße: »Turnstile« von Ursula Damm. Im Zentrum der interaktiven Installation steht eine große LED-Projektionsfläche, die in Echtzeit die Bewegungen der Fußgänger an der Oberfläche vermittelt: Bilder von kleinen, virtuellen Lebewesen entstehen, die aus den Bewegungsenergien der Passanten eine sich ständig verändernde Architektur schaffen und sich, in anderer Form, in den blauen Glaswänden wiederfinden, wo Geometrien das Luftbild Düsseldorfs interpretieren, das im Ganzen oder als Auszug gezeigt wird.

Heinrich-Heine-Allee: »Drei Modellräume« von Ralf Brög. Die drei neuen Zugänge (zu dem bereits bestehenden und nun unter dem Gebäude des Kaufhofs erweiterten U-Bahnhof) wurden visuell als auch akustisch als Aufführungsorte für Klangbeiträge gestaltet, als »Theater«, »Labor« und »Auditorium«. Diese sind mit einem Soundsystem ausgestattet, das akustische Interventionen ermöglicht und von Komponisten genutzt werden soll. Zur Eröffnung sind Sounds von Kevin Rittberger, Stefan Schneider sowie Kurt Dahlke und Jörn Stoya zu hören.

Benrather Straße: »Himmel oben, Himmel unten« von Thomas Stricker. Durch die konzeptionelle Umkehrung des die Architektur umgebenden Raumes wird das Universum mit seinen Planeten und Sternen, seiner Ruhe und Schwerelosigkeit in die Unterwelt geholt und für den U-Bahnhof der Innenausbau einer Raumstation entwickelt. Eine in Edelstahl geprägte Matrix verkleidet die Wände, die, unterbrochen von Panoramafenstern, zu Medienwänden werden: Auf den Bildschirmen sind 3D-animierte Videoszenen zu sehen, die ein Fenster ins Weltall öffnen.

Graf-Adolf-Platz: »Achat« von Manuel Franke. Hunderte leuchtend grüne Glastafeln schaffen einen begehbaren Farbraum, der, aufgebrochen durch einen mitreißenden Linienstrom, den Fahrgast von der Straße über die Zwischenebene bis auf den Bahnsteig begleitet. Feine Verästelungen wechseln mit eruptiven Farbauflösungen. Ausgelöst wurde der Farbschwung durch einen eigens entwickelten, analogen Werkprozess, umgesetzt mit einem künstlerischen Eingriff während der industriellen Fertigung.

Kirchplatz: »Spur X« von Enne Haehnle. An den drei Zugängen beginnen Textlinien, führen hinunter in die Station, kreuzen sich und begleiten den Fahrgast zu den Bahnen. Ein vierter Text entfaltet sich im zentralen Lichttrichter. Die aus Stahlsträngen geschmiedeten, anschließend farbig gefassten Schriftzüge sind durch ihre Dreidimensionalität nur aus bestimmten Perspektiven lesbar. Je nach Standort und Blickwinkel entfaltet sich ein Spiel zwischen Abstraktion und Lesbarkeit.

Konzepte, Absichten, Erläuterungen. Die Künstler haben sich viel dabei gedacht. Aber was vermittelt sich (davon) dem Fahrgast? Was er mitbekommt von der Kunst, ja, ob er überhaupt etwas mitbekommt, steht auf einem anderen Blatt: Ist abhängig von vielen Faktoren, von Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, von Perspektiven, Blicklenkungen, Wegführungen, individuellen Dispositionen und Entscheidungen. Bahnhöfe sind transitorische Räume, der Fahrplan bestimmt die Aufenthaltsdauer, jede Verspätung der Bahn verlängert die Begegnung mit der Kunst. Die Vorbesichtigung der Stationen, eine Woche vor Eröffnung der Strecke, als die (bildende) Kunst schon fertig, aber noch kein Sound zu hören war, als Schilder, Papierkörbe und Fahrpläne noch fehlten, als die Automaten noch »Test« blinkten und alle Uhren auf fünf vor zwölf standen, glich dem Besuch in einem Schwimmbad, in das noch kein Wasser eingelassen war. Keine Bahn rollte, kein Fahrgast wartete. Nur mit ihnen kann die Kunst erfahren werden.

Architektur
03 / 2016

Das Universum in der Unterwelt

Von: Andreas Rossmann


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