Jacopo Tintoretto, Joseph und Potiphars Weib, Öl auf Leinwand, 54 x 117 cm, Museo Nacional del Prado, Madrid. Foto: © Museo Nacional del Prado. Madrid

Der Anti-Tizian

Keiner prägte Venedig wie er: Zu seinem 500. Geburtstag widmet sich das Kölner Wallraf-Richartz-Museum dem frühen Schaffen von Tintoretto.

REZENSION STEFANIE STADEL

Mit wehendem Mantel hechtet er heran. Das Präsent in der Hand voran, bricht der junge Mann ins Idyll ein. Als wolle er nichts verpassen. Die beiden Mitreisenden stehen und hocken schließlich längst im Stall bei Maria und können das Christuskind sichtlich beeindrucken mit ihren Gaben. So belebt und bewegt wie in Tintorettos Gemälde hat man die »Anbetung der Könige« selten gesehen. Ähnlich energisch wie jenen jüngsten der drei Heiligen im Bild stellt man sich auch den Maler selbst vor, als er um 1540 das Kunstparkett stürmt, die Szene aufmischt – eiligen Schrittes und ohne Rücksicht auf hergebrachte Bildtraditionen. 

Dass er bei aller Vehemenz offensichtlich noch ein paar Schwierigkeiten hat, was die Größenverhältnisse und die Verteilung des Personals im Stall angeht, möchte man ihm nachsehen – angesichts seines jugendlichen Alters von 18, höchstens 19 Jahren. Die heute im Madrider Prado aufbewahrte »Anbetung« von 1537/38 ist Tintorettos ältestes erhaltenes Gemälde und die Nummer eins im Katalog, der die große Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum begleitet. Dort eröffnet man die Feierlichkeiten zu Tintorettos 500. Geburtstag und schaut auf die ersten knapp zwanzig Jahre im Schaffen des frühreifen Jacopo Robusti, der 1518 oder 19 zur Welt kam und unter dem Namen Tintoretto Karriere machte im Venedig des Cinquecento. 

»A star was born«, heißt es denn auch im Untertitel der Kölner Ausstellung, die auf die hauseigene Expertise von Roland Krischel bauen kann. Der ist zwar Leiter der Mittelalterabteilung, aber gleichzeitig ein führender Tintoretto-Spezialist. Nicht zuletzt mit dem ausgezeichneten Ausstellungskatalog stellt er unter Beweis, wie tief er das Thema auslotet. Speziell die ehrgeizige Frühzeit reizt ihn – sie sei, so Krischel, besonders spannend, aber auch problematisch. Denn zur Biografie gibt es wenige verlässliche Quellen. Vor allem, was Leben und Werk des jungen Tintoretto angeht, wird bis heute heftig gerätselt; auch rund um diese Schau, die sich zugleich als Forschungsprojekt versteht. 

Mit allerhand Erkenntnissen kann Krischel glänzen: Kaum eine der vielen internationalen Leihgaben werde ohne substanziellen Zugewinn heimkehren. Verschollene Gemälde wurden wiederentdeckt, bekannte anders zugeschrieben. Auch Themen wurden neu bestimmt, so erwies sich etwa die bislang als
»Susanna« gedeutete Protagonistin eines Gemäldes bei genauerer Betrachtung als Psyche, die, bekleidet mit einem hautengen roten Kleid, in Amors Garten erwacht. Weiterhin ungeklärt bleibt dagegen, ob etwas dran ist an der gern erzählten Geschichte mit Tizian. Demnach soll der bald 30 Jahre ältere Malerfürst seinen blutjungen Lehrling Robusti nach ein paar Tagen gefeuert haben, vielleicht weil ihn dessen rabiate Art nervte, vielleicht, weil er eifersüchtig war auf das außerordentliche Talent des Teenagers. Wahrheit oder Legende? Passen würde die Story zumindest in die Vita des klein gewachsenen Jacopo, Sohn eines Färbers, der schon als Kind nach den Werkzeugen des Vaters griff und mit seinen Graffiti Aufsehen erregt haben soll. Möglicherweise war es sogar Tizian, der dem ungeliebten Konkurrenten in spe den despektierlichen Namen »Tintoretto« gab – nichts als ein kleiner Färber, der dem Handwerk des Vaters kaum etwas hinzuzufügen habe.

Wie dem auch sei, der Existenzgründer Robusti griff die Verhöhnung auf und machte den Spottnamen zur Marke. Eine erstaunliche Strategie, die ihm Marktnischen öffnete. An Tizian, dies hatte der Junge wohl erkannt, kam keiner heran. Hatte der sich doch längst seinen Platz gesichert – wie der alte König im Stall neben Maria. Soeben hereingeschneit, musste sich Jacopo dagegen erst positionieren und tat dies mit vermeintlicher Bescheidenheit als »Färberlein«, das die Leinwände colloriert, wie der Vater die Seide. Tizian stand für edel und teuer, Tintoretto konterte mit schnell und billig. Mit Fließbandmalerei zu Dumpingpreisen rollte er den Markt von unten auf. Früh kooperierte der Künstler-Unternehmer mit Kollegen und Assistenten, deren Anteile am Schaffen bis heute schwer abzuschätzen sind.

Die Nachwelt wusste oft nicht recht, was sie zu halten hatte von Robustis gemeinschaftlichen Schnellschüssen. Die einen lobten ihre Modernität. Andere, voran Jacob Burckhardt, bezichtigen Tintoretto dagegen der »Sudelei«. Ein Vorwurf mit Tradition: So äußerte schon Giorgio Vasari in seinen berühmten Viten Vorbehalte gegen Tintorettos Praxis – »willkürlich und planlos« arbeite der und gebe »bloße Skizzen für vollendete Werke« aus. Gleichzeitig aber sieht er den großen Kopf hinter Tintorettos rasanten Pinselstrichen, den »furchterregendsten Geist, den die Malerei je besessen hat«. Die Einschätzung passt zu Tintorettos Selbstporträt aus dem Philadelphia Museum of Art. Mit großen Augen schaut uns der Maler von Ende zwanzig entgegen und lässt keinen Zweifel an seiner Willenskraft. Der blitzschnelle Verstand scheint ihm ins Gesicht geschrieben mit Pinselstrichen, die an der breiten Stirn wie gemeißelt wirken. Von geduldigem Handwerk keine Spur. Geistreich und zupackend – so sieht und zeigt er sich als Mensch und Maler. 

Erstaunlich, was Tintoretto an Ideen in seine Bilder packt, trotz der Eile. In Köln wird anschaulich, wie er es schon früh versteht, mit Zitaten und Malstilen zu jonglieren. So erweist sich bereits die »Anbetung« als Kombination sorgfältig recherchierter Motive. Tintoretto bedient sich u.a. bei Dürer und variiert in der Gestalt des dynamischen Jungkönigs noch dazu einen Figurenentwurf Tizians.

Und das ist nur der Anfang. Im Werk wimmelt es von Übernahmen. Der Maler mischt, was ihm gefällt – zum Beispiel die Zeichnung von Michelangelo mit Tizians Kolorit. Ein Rezept, das er sich auf die Werkstattwand geschrieben haben soll: »Il disegno di Michelangelo e’l colorito di Tiziano«. Tintoretto greift auf, kombiniert, persifliert, provoziert und wirft ohne mit der Wimper zu zucken vertraute Darstellungsmuster über Bord. Wendig, witzig, originell. 

Die Szene mit »Jesus unter den Schriftgelehrten« gerät zur Bücherschlacht. Die »Bekehrung des Saulus« erscheint als lärmendes Chaos mit auseinanderstiebenden Menschen und Tieren. Die Stimme des Herrn schallt so laut, dass einer der Reiter es offensichtlich kaum ertragen kann. Wenn Tintoretto das »Emmausmahl« inszeniert, bleibt Einkehr und Würde vor der Tür. Mit wilden Gesten und verdrehten Körpern reagieren seine Apostel auf die Erscheinung des Auferstandenen. Tintoretto bereichert das wundersame Geschehen um eine profane Portion Sardinen, die ein junger Mann dem Heiland unter die Nase hält – man riecht förmlich den venezianischen Alltag. 

Ständig habe der junge Tintoretto darüber nachgedacht, »wie er sich als wagemutigster Maler der Welt bekannt machen könne«, weiß ein Biograph. Die Modernisierung der Kassettendecke eines gotischen Palazzos nimmt der 22-Jährige zum Anlass, dem Betrachter neue Perspektiven auf Ovids Metamorphosen zu öffnen. Dabei bricht er die Decke mit seiner Illusionsmalerei gleichsam nach oben hin auf. Göttinnen strecken uns ihre Fußsohlen entgegen und Gesichter werden unsichtbar, weil sie sich gen Himmel wenden. In extremer Untersicht erscheinen die Gestalten total verformt, ihre Gliedmaßen bisweilen schwer zuzuordnen. 

Waghalsig auch Tintorettos Offensiven im öffentlichen Raum. Fassaden wurden ihm zu Werbeflächen. Keiner kam vorbei an seinen Fresken, die wie ein Katalog das eigene Können auffächern. Der Erfolg war gigantisch: ein Auftrag jagte den anderen. Um die Mitte der 1550er Jahre setzt die Kölner Ausstellung den Schlussstrich. Tintoretto indes malt weiter in unvermindertem Tempo, mit breiten Pinseln und rasanten Strichen färbt er Kirchen, Pallazzi und Bruderschaftsgebäude seiner Heimatstadt. Selbstüberforderung bestimmt den Stil. Über 800 Werke soll er bis zum Tod 1594 geschaffen haben. So gut wie ausschließlich in Venedig. Denn zum Reisen ließ er sich keine Zeit. Tintoretto blieb dem Stall treu, in den er gestürmt war – wie der König zum Kinde.

WALLRAF-RICHARTZ-MUSEUM & FONDATION CORBOUD, KÖLN; BIS 28. JANUAR 2018, TEL.: 0221 / 22121119

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