Kunst-Station Sankt Peter Köln: »Nimbus« von Berndnaut Smilde. © Berndnaut Smilde

Die neue Holzklasse

Nicht nur Städte schrumpfen, auch Kirchengemeinden. Was tun mit den gottverlorenen Gebäuden?

TEXT HONKE RAMBOW UND ANDREAS BENTLER

Thomas Schöps Satz war reine Provokation. Alle Kirchen müssten abgerissen werden, forderte der Pfarrer der Gelsenkirchener Bleckkirche im vergangenen Juli beim Kulturforum der Evangelischen Kirche Westfalen zum Thema »Öffentliche Theologie/Öffentlicher Raum«. Nicht ahnend, dass er damit fast wörtlich Pierre Boulez' berühmten Ausspruch zitierte, man solle doch die Opernhäuser einfach in die Luft sprengen. Hier wie dort saß der Affront. Aus religiöser Sicht kann der reine Bau als wertlos angesehen werden, wenn er seine Funktion verloren hat. So stellte in der erwähnten Studie Martin Struck, Diözesanbaumeister des Bistums Köln, fest: »Mit neuem Gebrauch und der damit verbundenen baulichen Auffüllung dieser Leerräume entleert sich gleichzeitig das materiell im Stadtraum erhaltene Zeichen inhaltlich.« 

Aus städtebaulicher und architektonischer Sicht jedoch interessiert der Inhalt zunächst nur zum Teil. »Nordrhein-Westfalen zeichnet sich durch eine einzigartige Dichte und Qualität vor allem auch im modernen Kirchenbau aus. Weiterhin haben Kirchenschließungen oft auch Auswirkungen auf die soziale Stadtentwicklung«, schreibt Stadtplaner Jörg Best. Jahrhundertelang stellten sich die Kirchen in die Mitte von Städten und Siedlungen – als geistiges und soziales Zentrum und nicht zuletzt Machtsymbol. Die Kirche als Ortskern ist zentraler Bestandteil der europäischen Stadt. Selbst wenn sie heute für manchen nur noch Landmarken sein mögen, bleiben die Gebäude identitätsprägend.

Die Kirche ist vor allem auch Versammlungsraum und, wie es im Titel des Kulturforums heißt, »öffentlicher Raum«. Als solcher hat er stadtplanerisch eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, da immer mehr von diesem Freiraum hinter Fassaden von Shopping-Malls und den kamerabewehrten Zäunen von Luxus-Wohnsiedlungen verschwindet. So wünschenswert der Erhalt von Sakralbauten als reine Baukunstwerke durch Umnutzung ist, geht dadurch doch ihre Bedeutung in städtebaulicher und sozialer Hinsicht zum Teil verloren. Das Konzept der Kulturkirche hingegen erhält auch diesen Aspekt. 

Ein gelungenes Beispiel findet sich in Bochum. Pfarrer Thomas Wessel öffnet seit 1998 die Christuskirche für jede Art von vor allem auch subkulturellen Veranstaltungen. Das sei »der nächste konsequente Schritt auf dem protestantischen Weg«, ist Wessel überzeugt. »Der begann damit, dass der Altarraum in der evangelischen Kirche nicht einem Priester, einer heiligen Figur, vorbehalten ist, sondern allen gehört. Deshalb sage ich: Der Altarraum gehört nicht nur dem Pfarrer oder dem theologisch gebildeten Laien, sondern auch allen Menschen, die sich kulturell ausdrücken.« 

So steht schon mal eine grunzende Metal-Band zwischen Kreuz und Bibel, deren Sichtbarkeit in den Künstlerverträgen festgeschrieben ist, und verkündet ihre Botschaft den auf unbequemen Holzbänken hockenden Zuhörern in ihren Rockerkutten. Zuschauer wie Künstler glauben dabei oft nicht, dass
die Christuskirche tatsächlich noch eine aktive Kirche ist. Evangelische Kirchen seien eigentlich profane Gebäude, keine Gotteshäuser, stellt Wessel klar, »sie werden erst geheiligt durch das, was man darin tut, wenn das Bibelwort in der Gemeinschaft ausgelegt wird. Und das geschieht letztlich auch, wenn da am Altar ein Popsternchen von der Liebe singt. Hier Kirche und da profane Kultur – das ist Quatsch«. 

Wie zur Beschwichtigung schiebt er ein Zitat des Theologen Paul Tillich nach: »Gott ist das, was uns unbedingt angeht.« Das könne auch jedes gute Popkonzert sein. Auch für sich als Pfarrer sieht er positive Effekte: »Wenn wir einfach mal im Publikum sitzen, kommen wir mit Subkulturen in Kontakt, mit denen wir sonst gar nichts zu tun hätten.« Der Erfolg seiner Arbeit stärkt ihm den Rücken. Über 30.000 Veranstaltungsbesuche kann er pro Jahr verzeichnen, über die Hälfte davon kommen aus umliegenden Städten und weiterer Entfernung. 

Voraussetzung für diesen Umgang mit Kirchen ist aber klar die protestantische Theologie. Die katholische Kirche sieht den Kirchenraum als durch die Weihung tatsächlich verwandelt und heilig an. So erklärt sich auch, dass es nur relativ wenige katholische Kirchen gibt, die nicht profaniert sind und trotzdem als Kulturkirchen arbeiten, wenn auch mit wesentlichen Einschränkungen in der Programmgestaltung. Doch es gibt sie. Die Kunst-Station Sankt Peter in Köln gehört dazu ebenso wie Christ-König in Bochum. Bei beiden liegt der Schwerpunkt allerdings auf der bildenden Kunst; Popkonzerte sind im geweihten Raum nicht möglich. Auch weil es im katholischen Kontext unvorstellbar wäre, dass wie in der Christuskirche, wenn dort die Konzert-Reihe »urban urtyp« gastiert, ein Kubus aus Traversen und Plastikfolie direkt im Altarraum aufgebaut wird, in dem sich Zuschauer und Musiker im intimen Rahmen treffen. 

Andernorts geht die Öffnung der Kirche noch weiter. Die Kreuzeskirche in Essen wird mittlerweile von der evangelischen Gemeinde Altstadt, dem Forum Kreuzeskirche e.V. und dem Alternativzentrum Unperfekthaus gemeinsam betrieben. Hier ist sogar die Anmietung für Firmen-Events, Messen und private Feste möglich. Anders als Thomas Wessel scheinen aber die Verantwortlichen selbst Schwierigkeiten mit der Mischnutzung zu haben, wie der ungelenke Text auf der Internetseite zeigt: »Man bucht einfach ein Event beim neutralen Unperfekthaus, Pfarrer und Gemeinde haben damit nichts zu tun. Die evangelische Kirchengemeinde und auch die Landeskirche sind auf Grund eines notariellen Vertrags pauschal damit einverstanden, dass all das ohne weitere Erlaubnis von Pfarrer oder Gemeinde in ›ihrer‹ Kirche passiert, und gleichzeitig bleibt sie eine vollwertige, aktive evangelische Kirche.«

Kaufen Sie die sakrale Adelung ihrer Firmenfeier ein oder feiern Sie ihren Geburtstag weltanschaulich unbedenklich: Dieser Spagat gelingt kaum noch. Nicht unähnlich die Marienkirche in Bochum, die zum Foyer für das soeben eröffnete Musikzentrum wurde. Beispiel für profanierte Kirchen, deren neue Nutzer sich einen Mehrwert vom sakralen Raum versprechen. Die Diskussion befördert dabei die vorherrschende Meinung, besser sei es, ein Konzerthausfoyer aus einer Kirche zu machen, als etwa einen Baumarkt. Thomas Wessel sieht das anders: »Je weiter entfernt die neue Nutzung ist, umso besser für die Kirche. Andernfalls sehe ich ein Problem der Unterscheidbarkeit.«

Wenn es um den Erhalt von Kirchengebäuden geht, hat das Konzept Kulturkirche vieles für sich, da es nicht nur die bauliche Substanz, sondern auch die inhaltliche erhält. Ähnlich wie bei den Industriebauten, die nicht zufällig als »Industriekathedralen« apostrophiert und gewissermaßen sakralisiert werden, ist indes die kulturelle Nutzung von Kirchen nur begrenzt möglich. Mehr als ein oder zwei Kulturkirchen pro Stadt sind kaum drin. Für die zahlreichen anderen Bauten müssen alternative Konzepte der Umnutzung her, wenn sie als lokales Zentrum, Landmarke oder baukünstlerisches Denkmal erhalten bleiben sollen.

Kulturgeschichte
11 / 2016

Die neue Holzklasse


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