Yasmeen Godder lies like a Lion, Foto: Yoav Brill

HÄUTUNGEN

»Lie Like a Lion«: Nach 15 Jahren erfolgreichen choreografischen Materialverbrauchs hat Yasmeen Godder ihr Archiv von Soloarbeiten durchwühlt und probiert die von ihr kreierten Bewegungen und szenischen Miniaturen neu aus.

TEXT: NICOLE STRECKER 

Ihre Kunst kommt aus dem Müll. Aus großen Plastiktüten kippen und ziehen die Choreografin Yasmeen Godder und ihre beiden Musiker Matan Daskal und Moshe Ajarono die Utensilien des Abends: Kleidungsstücke, ein Monitor, sogar ein Flügel muss von einem Abfallsack befreit werden, als wäre er entsorgt, eingemottet, vergessen worden. Alter Plunder – neu betrachtet. Denn Godders Stück mit dem versprecherverdächtigen Alliterations-Titel »Lie Like a Lion« soll ganz nachhaltig und kunstökologisch zeitgemäßen Recyclingprinzipien folgen: Nach 15 Jahren erfolgreichen choreografischen Materialverbrauchs hat Godder ihr Archiv von Soloarbeiten durchwühlt und probiert nun auf der Bühne die von ihr kreierten Bewegungen und szenischen Miniaturen neu aus.

Ein strubbeliges Löwenfell, das Godder-Groupies aus ihrem grandiosen Solo »I‘m Mean I Am« kennen und in dem sie einst über die Bühne kroch, um sich grausam von einer anderen Tänzerin erstechen zu lassen – dieses Fell kriegt diesmal gleich zu Beginn das Messer in den Nacken gerammt. Eine alte Haut, längst abgelegt. Dann tanzt sie los, im typisch garstigen Godder-Stil. Die Beine breit, das Becken zuckend, Ekel-Wut-Grimasse und Fistfucking-Geste – ein Gangsta-Rapper könnte das Fürchten kriegen. Bis unvermittelt ihr Leib schrumpft, zu Boden sinkt wie ein zusammenschnurrender Luftballon, um in eleganter Seitenlage wie für den ruhenden Rückenakt von Velázquez zu posieren. Godder ist Raubtier und Rockstar, unberechenbare Psychopathin und Proll-Tussi mit Plastiklatschen und künstlichem Stoffbusen. Ein Woolf‘scher »Orlando«, wechselnd zwischen den Geschlechtern und sozialen Rollen.

Es gehe ihr darum, sagte sie einmal im Interview, Definitionen von Identität zu hinterfragen. 1973 in Israel geboren, der Vater ein Pole, zu Hause wird polnisch gesprochen. Als sie elf Jahre alt ist, zieht die Familie in die USA. Dort studiert Godder Tanz. Mit 26 Jahren kehrt sie zurück nach Israel, der Liebe wegen und weil, wie sie sagte, die Frage nach der Identität hier tiefer, existenzieller als anderswo sei. Spätestens mit ihrem 2004 entstandenen Stück »Strawberry Cream and Gunpowder« über die medialen Darstellungen des Nahost-Konflikts hing ihr das Label »Shooting Star« von Israels Tanzszene an. Ihre Lust am wutschmerz-gebeutelten, schweißtreibend deformierten Körper lässt manchmal an Meg Stuart denken. Aber Godder ist weniger depressiv – mehr »Comic-Krawumms« als echte Apokalypse. Im vergangenen Jahr brauchte die einstige Hoffnungsträgerin offenbar eine erste Bilanz, und das »Lie« (»Lügen«) im Stücktitel verrät schon, wie sehr sie sich auch immer am Betrug – an sich selbst wie an anderen – abarbeitet, am unauflösbaren Ich-Chaos zwischen Selbst-Inszenierung und Selbst-Sein. Im zärtlich-sarkastischen Machtkampf mit ihren Musikern führt Godder die unbewussten Modulationen zwischen Kontrollausübung und -verlust vor, die Reiz-Reaktions-Alchemie menschlicher Beziehungen. Godder spielt mit ihrer unglaublichen Bühnenpräsenz die Kollegen an die Wand, ist punkige Rampensau – aber eben: mit live stattfindender Reflexion. So prüft sie auch in »Lie Like a Lion« die Wiederverwertbarkeit ihres Tanz-Trashs mit der neutralen Neugierde eines Forschers, der ein fremdes Insekt seziert. »Godder reloaded« - un-nostalgisch schonungslos. 

 27./28.02.2015, Tanzhaus NRW, Düsseldorf, www.tanzhaus-nrw.de

 

Bühne
02 / 2015

HÄUTUNGEN

Von: Nicole Strecker


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