Universitätsklinikum Aachen, 1968-1985. Architekten Weber, Brand & Partner, Mediplan, Riethmüller. Foto M:AI

HÜBSCH-HÄSSLICH

Ungeliebte Gegenwart III: Das M:AI stellt einen Überblick über die Architektur der 60er Jahre aus.

TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

Blaue Turnschuhe mit drei Steifen, Olivettis rote Schreibmaschine »Valentine«, das Cover von »Sgt. Pepper’s«! Was wie der Requisitenfundus einer 60er-Chartshow anmutet, ist ein »Erinnerungsregal«, das am Anfang der Ausstellung steht und die Besucher anregen soll, »Bilder und Gefühle aus der Zeit wachzurufen«. Zeitgenössische Literatur fehlt ebenso wenig: Siegfried Lenz’ »Deutschstunde« oder Grass’ »Hundejahre« – Alexander Mitscherlichs Pamphlet »Die Unwirtlichkeit unserer Städte« sucht man indes vergebens.

Ob das Regal mit dem Zeitgeist-Nippes hilft, sich auf die Architekturprojekte vorzubereiten, sei dahingestellt. Dafür ist der Ausstellungsort gut gewählt. Die Liebfrauenkirche in der Duisburger Innenstadt gilt selbst als eines der positiveren Beispiele der 60er-Architektur: Mehr Kubus als Kirche, Sichtbeton statt christlichem Zierrat und kristallin anmutende Fensterflächen, die aus transluzentem Plexiglas bestehen. Die Ausstellungsarchitektur zitiert angemessen wie unaufgeregt die Arbeitsatmosphäre der Architekten: Auf schwarzen Schubladenschränken werden die Fotos, Dokumente und Videos präsentiert; das Ganze wird von ebenso schwarzen Schreibtischlampen beleuchtet. Die Schubladen darunter lassen sich aufziehen und bergen Konstruktionspläne und Bücher, die die einzelnen Themenfelder ergänzen.

Der erste Blick scheint die Erwartungshaltung des Themas zu bestätigen: Eine Architektur zwischen Beton-Brutalismus und Utopie-Sehnsucht, verbunden mit der Schaffung neuer Baustile und dem rigorosen Bruch mit der jüngsten Vergangenheit. Neben den ambitionierten Projekten wurden auf den Kriegsbrachen zudem schnell Gebäude zweifelhafter Qualität hochgezogen, um die Baulücken zu schließen und günstigen Wohnraum zu schaffen. Diese einfallslose Architektur entpuppt sich in der Rückschau als urbanes Geschwätz, das noch heute die Innenstädte verschandelt. »Zuerst hat es so ausgesehen, als hätten die Kriege unsere Städte und Landschaften ruiniert, aber mit einer viel größeren Gewissenlosigkeit sind sie in den letzten Jahrzehnten von diesem perversen Frieden ruiniert worden.« Soweit Thomas Bernhard in seinem Roman »Die Auslöschung«; und die Ausstellung beginnt dann auch mit dem Scheitern einer großen Utopie; der »Metastadt Wulfen« bei Dorsten (1972), die laut den Architekten Dietrich und Steigerwald »eine Ergänzung, aber kein Ersatz für die traditionelle Stadt« sein sollte. Immerhin. Die »Metastadt« wurde mithilfe eines Skeletts aus Stahlbeton im Baukastensystem errichtet, an dem die einzelnen Wandelemente aufgehängt wurden. Neben den Wand- und Deckenelementen wurden fertige Sanitärblöcke und Garderobenschränke verbaut. Der so entstandene, terrassierte Komplex sah aus, als wären viele kleine Würfel aufeinander geschichtet worden. Geplant wurde für 50.000 Menschen, die aber nicht kamen. In den folgenden Jahren wurde die Bausubstanz vernachlässigt; für eine Sanierung wurden zehn Millionen DM veranschlagt, mit der Folge, dass die Anlage aus Kostengründen 1984 abgerissen wurde.

Je größer, desto besser, schien die Maxime jener Jahre zu sein – beispielhaft dafür ist das Universitätsklinikum Aachen, das heute unter Denkmalschutz steht: Ein Komplex von der gefühlten Größe einer Kleinstadt, dessen Versorgungsleitungen auf der Fassade verlegt wurden; ein Gestaltungselement, das es mit dem Centre Pompidou in Paris gemeinsam hat. Im Inneren: Ein Leitsystem in schreienden Pop-Farben und Treppenaufgänge, die eher an einen Bahnhof als an ein Krankenhaus denken lassen. Ein Film zeigt die damaligen Bauarbeiten, unterlegt mit Sixties-Jazz und Es-geht-voran-Rhetorik. Keine Atempause, Geschichte wird gemacht – oder besser betoniert. Genau wie die klotzige Ruhr-Universität in Bochum von 1964, die auf einer Fläche von 400 × 900 Metern errichtet wurde und bei der die Funktionalität im Mittelpunkt der Planungen stand. Schließlich sollten 20.000 Studenten untergebracht werden. Ab Ende Oktober kann man sich selbst ein Bild dieser Architektur machen, dann wird die Ausstellung des »M:AI« im dortigen Audimax gezeigt. Ein weiteres Beispiel für solchen Gigantismus ist die gutgemeinte Trabantenstadt Köln-Chorweiler (1969–74) – auch so eine Utopie, die kräftig nach hinten losging. Um die Tristesse aufzuhübschen, helfen irgendwann auch keine bunten Balkone mehr. Seit den 80er Jahren wurde immer wieder nachgebessert und wurden die überdimensionierten Verkehrswege zurückgebaut, aber wahrscheinlich werden Wohnanlagen wie diese irgendwann das Schicksal der Plattenbauten der DDR teilen. Konsequenter Rückbau oder: Weg damit und Wiese drüber. Deswegen passt es, wenn man unter den Fotos von Chorweiler endlich eine Schublade mit der, wenn auch ein wenig schüchternen, Aufschrift »Kritik« entdeckt. Und aus der dem Betrachter dann doch der zitronengelbe Suhrkamp-Band »Die Unwirtlichkeit unserer Städte« entgegenleuchtet, in dem Mitscherlich die Soziologie gegen die Architektur ausgespielt hat.

Dennoch brachte der Modernitätsschub der 60er auch Wegweisendes hervor. Das Düsseldorfer Dreischeibenhochhaus, momentan noch die Konzernzentrale von Thyssen-Krupp, ist ein moderner Klassiker; wie auch der Bonner Kanzlerbungalow von Sep Ruf. Angelehnt an die Formensprache Mies van der Rohes und möbliert mit den Stühlen von Ray und Charles Eames, vermittelte das Haus ein luftig-modernes Bild der jungen Republik, das so gar nicht zum barocken Wesen des Bauherrn, Kanzler Ludwig Erhard, zu passen schien. Oft machen Kontraste wie diese den Reiz der damaligen Entwürfe aus. Wie das Beton-Gebirge der Wallfahrtskirche »Maria, Königin des Friedens« von Gottfried Böhm in der Fachwerkidylle des Städtchens Velbert-Neviges: Gewagt, aber einzigartig. Ebenfalls von Böhm, und auch in der Ausstellung zu sehen, ist die Kirche »Christi Auferstehung« in Köln-Melaten. Statt der spitzen Pyramidenformen der Nevigeser Kirche dominieren hier runde Elemente den Baukörper. Beide Entwürfe erinnern mehr an Sichtbeton-Skulpturen als an Gebäude; ein Aspekt, der auch im Inneren durch geschickte Beleuchtung und dem Spiel mit Licht und Schatten seine Fortsetzung findet. Auch die Mercatorhalle in Duisburg gehörte zu diesen positiven Beispielen – ein zeitlos-unaufgeregter Kulturort direkt an der Fußgängerzone. Beim Verlassen der Liebfrauenkirche würde man sie sehen, wenn sie nicht vor ein paar Jahren abgerissen worden wäre. Statt ihrer dominiert an dieser Stelle das »City-Palais« die Sichtachse, ein ärgerliches Stück Event-Architektur und eine jener Shopping-Malls, mit denen man seit einigen Jahren die Duisburger Innenstadt vollgestellt hat. Die Ruinen von morgen. Aber das wäre eine andere Ausstellung. 

»Architektur im Aufbruch – Planen und Bauen in den 1960ern«. Bis 18. Okt. 2009 Liebfrauenkirche Duisburg (König-Heinrich-Platz / Landfermannstr.).

23. Okt. bis 29. Nov. 2009 Foyer des Audimax / Ruhr-Universität Bochum (Universitätsstr. 150). www.mai.nrw.de

Architektur
10 / 2009

HÜBSCH-HÄSSLICH

Von: Volker K. Belghaus


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