Performen, tanzen, spielen: Jochen Rollers Schauspielerinnen in der balkanesischen Groteske. Foto: FFT/Roller

Mission Possible

Der Choreograf Jochen Roller hat sein neues Stück im Kosovo herausgebracht und zeigt es nun in Düsseldorf: »Carla Del Ponte trinkt in Pristina einen Vanilla Chai Latte«.  

TEXT NICOLE STRECKER

Letzter Tag des Jahres 2016. Andere bereiten die Silvester-Freuden vor. Jochen Roller will arbeiten, er will eh immer unbedingt arbeiten. Das hat er schon in seiner ersten Produktionsserie »Perform Performance« kundgetan, als er den Wert der Kunstarbeit mit Flipchart, Trash-Dance und nacktem Penistanz analysierte: sein unvergessliches Entree in die Tanzszene. Jetzt beantwortet er Fragen, mit unendlicher Geduld. Diplomatisch, verständnisvoll, multiperspektivisch, noch ganz im Vermittlermodus. Denn der Künstler aus dem wohlhabenden Deutschland, in Berlin geboren, in London ausgebildet, Gastprofessor an Universitäten und international unterwegs, kommt gerade aus einer der schwierigsten, umstrittensten Regionen Europas: dem Kosovo. Dort hat er mit fünf hiesigen Schauspielerinnen sein bislang theatralstes Stück inszeniert, einen Text des kosovarischen Dramatikers Jeton Neziraj: »Carla Del Ponte trinkt in Pristina einen Vanilla Chai Latte«.

Die Respekt einflößende Verbrecherjägerin mit der rauchigen Stimme, dem Schweizer Singsang, den barschen Forderungen. Mafiabosse, Bankiers, Massenmörder müssen sich vor ihr fürchten. Als Chefanklägerin des UN-Kriegsverbrechertribunals verfolgte sie Slobodan Milošević und versuchte in einer ihrer letzten Amtshandlungen, den Organhandel der kosovo-albanischen Guerilla vor Gericht zu stellen. 

Wieso bringt Roller die Eiserne Lady mit einem klebrigen Lifestyle-Getränk zusammen. Geht’s noch? Ja, das sei schon sehr zynisch, sagt Roller: »Eine Haltung, die aus dem Zynismus des Autors kommt. Im Kosovo ist es unmöglich, über den Krieg zu sprechen. Man prallt sofort an diese Wand des Zynismus, die
einen im Unklaren lässt: Was ist Wahrheit, was Fiktion?« Das berühmte erste Opfer des Krieges wird ein Thema sein: der Verlust von Wahrheit und gesicherten Fakten.

»Wenn du einen Menschen tötest, bist du ein Mörder. Tötest du mehrere, bist du ein Terrorist. Tötest du Tausende, nennt man dich Diktator … In Serbien erklärt man dich zum Nationalhelden und Handke nimmt an deiner Beerdigung teil und Emir Kusturica wird dein ewiger Fan.« So heißt es im »Europäischen Handbuch für Mörder«, einer Szene in Nezirajs Stück. Fünf Frauen, hart geschminkt und im silber-schwarzen Glitzer-Outfit, rasen durch den Text. Englisch mit Balkanakzent. Die Vamps saugen blasiert an Zigaretten, posieren zum Shooting (Fotoshooting), tanzen neckischen Charleston. Zwanziger-Jahre-Ästhetik, getreu der Devise: Nach dem Krieg ist vor dem Krieg. Sie wechseln die Rollen, sagen nicht nur Carla-Del-Ponte-Sätze, sondern behaupten auch, Mutter Teresa zu sein oder Bill Clinton, Marina Abramovic, Madeleine Albright.

Die Uraufführung fand in Pristina statt. Im Betoncharme eines Bunkers, der als Alternative zum regierungstreuen Nationaltheater genutzt wird. Das musste Neziraj als Direktor verlassen, weil er zu kritisch mit der Politik und den Nationalisten war. Oft haben Regisseure aus dem Ausland Stücke von ihm inszeniert: bittere Satiren über das Trauma des Kriegs und den Zustand des Landes. Diesmal wollte der Autor eine andere Ästhetik, eine körperliche.

Roller, geboren 1971, brach die klassische Ballettausbildung an der Deutschen Oper Berlin ab, holt sein Abitur nach, studiert in Gießen Angewandte Theaterwissenschaft. Dort landet er in einem der aufregendsten Jahrgänge: SheShePop, Rimini Protokoll, Showcase Beat le Mot und Gob Squad sind Kommilitonen. »Man fing damals an, Stücke zu machen, in denen man sich selber fiktionalisierte. Wir haben das Bio-Fiktion oder me performing me genannt. Man kommt auf die Bühne, sagt ›Hallo, ich bin der Jochen‹ und dann erfindet man sich eine Biografie.«

Seit seiner Trilogie »Perform Performing« (2002) über die ökonomischen Bedingungen des Tänzerdaseins ist er aus der Liga der Konzepttanz-Choreografen nicht mehr wegzudenken: Teil 1 musste er bei Christie’s versteigern, um den Bestseller loszuwerden. Es folgen Stücke über die Shoah, Ost-West-Filmmythen, Kartografien von Städten, zuletzt eine spöttische Quadrologie über Brauchtumspflege, »Finding Germany Elsewhere«. Ironisch, intelligent, ein bisschen böse. In nüchternen Roller-Worten: »Choreografie ist Informationsverarbeitung.« 

Und jetzt: Kriegsverbrechen, Organhandel, Europa? Ihn habe interessiert, »dass Deutschland in diesen Krieg eingegriffen hat unter der Prämisse: die bösen Serben und die guten Kosovo-Albaner. Natürlich war hinterher klar, dass es genauso viele Kriegsverbrechen auf der albanischen wie der serbischen Seite gegeben hat. Dann schickt der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag eine Person, die sich ein Verbrechen von zahllosen herauspickt: den Organhandel.«

Carla Del Pontes Mission wird scheitern. Ihre Ermittlungen führen nicht zu einem Gerichtsprozess, niemand ist zur Aussage bereit. Ihre Figur sei tragisch, sagt Roller. »Sie handelt im Erfahrungsbereich ihres Werte- und Moralsystems und trifft dann auf die Gesellschaftsform des albanischen Clans, in dem Loyalität wichtiger ist als Wahrheit.« Speziell dieser Aspekt ist ein typischer Roller: Kollision der Kulturen, der bewusste oder ignorant-unbewusste Transfer des westlichen Wertesystems. »Alle meine Arbeiten der letzten Jahre beschäftigen sich mit der postkolonialen Situation, in der wir uns befinden.«

In den 90er Jahren hat ihn das Goethe-Institut herumgeschickt mit dem Auftrag »Mach mal Contemporary mit den dortigen Künstlern«. Töricht, fand er. Irgendwann verliebte er sich in einen Maori. Sieben Jahre lang waren sie verheiratet, vor drei Jahren starb sein Partner. Längst haben sich in Rollers Kopf die Perspektiven verkompliziert. Heute inspiziert er wie ein Ethnologe die eigene Kultur, zeigt Folklore als Exotik, die Heimat als Fremde. Zuletzt in seinem hinreißenden Stück »Them and us. Ein folkoloniales Spektakel«. Darin fusionieren drei Samoaner ihren schenkelklatschenden Traditionstanz Fa’ataupati ununterscheidbar mit dem bayerischen Schuhplattler. Auch in seinem nächsten Stück, »Blutsbrüder«, soll es um typisch Deutsches gehen: Winnetou. Fünf Frauen aus indigenen Kulturen, u.a. dem finnischen Samiland oder südpazifischen Tonga, versuchen, die deutsche Liebe zum Indianertum zu begreifen. 

Zuerst aber wird Roller beobachten, wie ein deutsches Publikum mit einer kosovo-albanischen Groteske klarkommt. Das Forum Freies Theater ist einer seiner langjährigen Partner. Immerhin, weiß Roller, lebe in Düsseldorf die größte Gemeinschaft der Kosovo-Albaner.

10. und 11. Februar 2017, Forum Freies Theater, Düsseldorf.

Bühne
02 / 2017

Mission Possible

Von: Nicole Strecker


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