Marco Goecke mit Sonny Locsin und Mariana Dias.

»NOBLES, NICHT NACKTES«

Marco Goecke arbeitet erstmals für das Ballett am Rhein. Ein Interview über seinen Dackel, die letzte Schildkröte und Pina Bauschs Nilpferd, nackte Beine, Tempo und die Angst als Motor.

TEXT & INTERVIEW: NICOLE STRECKER

Kalt und grau ist es an diesem Tag in Düsseldorf. Marco Goecke erscheint etwas verspätet im Balletthaus in Niederkassel: Sein »bester Freund« sei noch nicht so weit gewesen, sagt er entschuldigend: Dackel Gusti. Zuerst will Goecke wissen, ob ihm mein Name von negativen Kritiken über seine Stücke vertraut erscheint. Keinesfalls! Tatsächlich wirkt der berühmte, verzweifelt-hypernervöse Goecke-Stil stets aufs Neue erschütternd. Sein aberwitzig schnelles Flattern, Zucken, Huschen, Tremolieren, unterbrochen von abrupten Stops – als hätten die Tänzer ihr grausiges Ende geschaut. Der 1972 geborene Goecke studierte u.a. an der Ballettakademie der Heinz-Bosl-Stiftung München. Er blieb nicht lange Tänzer, sondern reüssierte früh mit eigenen Arbeiten. Seit 2005 ist er Haus-Choreograf beim Ballett Stuttgart, seit 2013 zudem beim Nederlands Dans Theater. Über 40 Werke schrieb er in 15 Jahren, zahllose Renommier-Kompagnien in Europa und den USA haben einen »Goecke« im Repertoire. Bald auch das Ballett am Rhein. Derzeit probt Goecke mit dem Ensemble an einem neuen Stück: »Lonesome George«. Für das Gespräch müssen Goecke, Gusti und ich in ein unbeheiztes Holzhäuschen, denn der Künstler will rauchen. Gusti sitzt zu seinen Füßen und zittert, sei aber, versichert Goecke, zu »schamhaft«, um ein Hundejäckchen zu tragen.

GOECKE: Ich bin bisschen müde heute, aber sehe mir nachher mal an, was ich geschafft habe. Zwölf Minuten Choreografie in zwei Wochen.

K.WEST: Hört sich gut an.

GOECKE: Ich kann sehr schnell arbeiten, aber das heißt zunächst nur: Masse ranschaffen, die Tänzer mit irgendetwas beschäftigen. Dann muss ich gucken, wie ich das forme.

K.WEST: Sie arbeiten an einem Stück mit dem Titel »Lonesome George«. Ist das nicht der Name für die einsame Galápagos-Riesenschildkröte, die 2012 verstarb?

GOECKE: Mich hat fasziniert, dass diese Schildkröte als letzte ihrer Art starb, was aber vielleicht gar nicht stimmt. Der Titel ist jetzt auch nicht mehr so relevant wie vor drei Jahren, als ich das Stück für das Ballett am Rhein eigentlich hätte machen sollen.

K.WEST: Sie wurden damals krank.

GOECKE: Bauchspeicheldrüsenentzündung – ich wäre fast gestorben!

K.WEST: Fließt diese Erfahrung in die Arbeit ein?

GOECKE: Ja. Die Erkenntnis, wie fragil wir sind.

K.WEST: Endgültigkeit und Einsamkeit sind die Themen, die man mit »Lonesome George« wohl am meisten assoziiert.

GOECKE: Die Einsamkeit ist unsere menschliche Grundtragik und im Tanz besonders intensiv erfahrbar: nicht aus dem Körper heraustreten zu können. Ich empfinde den Körper als Gefängnis, das wir jeden Tag mit uns herumtragen. Darin gründet die Verzweiflung in meinem Bewegungen: den Körper auflösen zu wollen.

K.WEST: Deshalb auch die Schnelligkeit in Ihren Choreografien?

GOECKE: Na ja, die Schnelligkeit hat auch mit Unterhaltung zu tun. Wir leben auch in schnellen Bildern. Die Langsamkeit alter Stücke, etwa von John Cranko in Stuttgart, ist heute sehr schwierig. Außerdem wusste ich vor zwölf Jahren, am Anfang meiner Karriere natürlich, dass ich Tempo machen musste. Die Leute hätten mir nicht zugeschaut, wenn ich etwas Langsames, Introvertiertes gemacht hätte. Ich musste erst mal Dampf machen, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

K.WEST: Sie haben sich jetzt ein eher getragenes Musikstück ausgesucht: Dmitri Schostakowitschs Streichquartett Nr.8.

GOECKE: Ich nehme aber die Getragenheit nur in Momenten auf, meistens gehe ich darüber hinweg, damit Musik und Tanz mindestens gleichberechtigt sind.

K.WEST: Wenn nicht aus der Musik oder einem klar definierten Thema – wie entwickeln Sie eine Dramaturgie?

GOECKE: Da ist ja nichts. Ich kreise nur mit den Tänzern um etwas Unaussprechliches. Wenn etwas stimmig ist, hat das mit meiner Seele zu tun, einer Kraft, die dahinter steckt. Aber das Geheimnis kann ich gar nicht lüften, sonst wäre es vielleicht kaputt. Wenn Repetitoren meine Stücke einstudieren, komme ich erst zu den Endproben. Dann brauche ich nur den Raum zu betreten und das Ganze erhebt sich.

K.WEST: Also werden die Tänzer zu Ihren Spiegeln?

GOECKE: Vielleicht hat es mit Empathie zu tun. Ich kriege sehr viel Liebe von den Tänzern, das ist der einzige Grund, warum ich da hingehe. Alles gut, Kleiner?

Goecke beugt sich zum Dackel hinunter. Gusti zittert immer noch, als wäre er ein Goecke-Tänzer.

K.WEST: Ist das ein Zittern aus Kälte oder Angst?

GOECKE: Manchmal ist er ängstlich.

K.WEST: Ich rieche nach Katze.

GOECKE: Das mag er! Er ist mit Katzen groß geworden und hat sich von ihnen das Saubermachen abgeguckt. Bevor er schläft werden alle Pfoten geputzt. Bist du ein Feinling?

Goecke meint vermutlich Gusti.

GOECKE: Meine Stücke sind ja auch sehr dekorativ.

K.WEST: Dekorativ ist eigentlich kein Begriff, der mir bei Ihren Stücken einfällt.

GOECKE: Sie müssen schön und simpel sein.

K.WEST: Der Fokus liegt in Ihren Arbeiten auf dem Oberkörper.

GOECKE: Nackte Beine sind oft ja auch würdelos. Ich will etwas Nobles und nicht etwas Nacktes. Ich mag es gar nicht, wenn die Frauen im Ballett immer die Beine spreizen müssen. Beine sind für mich die Verbindung zum Boden. Dazu der Smoking von Yves Saint-Laurent aus den Siebzigerjahren – ein Jahrhundert-Design.

K.WEST: Am Rhein arbeiten Sie mit fünf Frauen und sechs Männern.

GOECKE: Ich arbeite generell häufiger mit Männern als mit Frauen. Maurice Béjart hat mich sehr inspiriert, weil er den männlichen Tanz aufgewertet hat, ganz im Gegensatz zu George Balanchine.

K.WEST: Sie sind in Wuppertal aufgewachsen; es heißt, ihre Tanz-Sozialisation sei durch Pina Bausch geschehen.

GOECKE: Wir haben mit der Schule das Opernhaus besucht, da lag das Nilpferd aus Bauschs »Arien« – ein prägendes Erlebnis. Als Sonderling musste ich ja eine Welt für mich finden.

K.WEST: Sonderling?

GOECKE: Ich habe in der Schule einfach nicht funktioniert. Ich hatte andere, verrückte Ideen, war schwierig und hatte schon damals meine Angstzustände. Ich brauchte einen Ort, wo Sonderlinge hingehören.

K.WEST: Das Theater.

GOECKE: Da gehört alles hin, was ich erfahren habe, was ich fühle, lebe.

K.WEST: Sie gehen mit Ihren Krisen und Nöten sehr offen um.

GOECKE: Die Angst ist mein Motor. Am Anfang der Karriere habe ich getrunken, weil ich das alles nicht verkraften konnte. Das tue ich seit neun Jahren nicht mehr. Aber die Todesangst, wenn ich morgens in eine Probe gehe, bleibt. Gleich gehe ich ins Studio – und vielleicht ist da nichts?

K.WEST: Es muss aber doch eine beglückende Erfahrung für Sie als Sonderling sein, dass Ihre Kunst, Ihr Daseinsgefühl von so vielen Menschen geteilt wird?

GOECKE: Das Teilen ist natürlich wichtig – und dass ich das Sonderbare in etwas Edles verwandeln kann. Schönheit kann die Angst erlösen. Dann macht die Qual Sinn am Schluss. Hoffentlich.

Dackel Gusti seufzt.

GOECKE: Was ist Gusti, singst du jetzt ein Lied? Es ist aber auch wirklich zu kalt.

Bühne
05 / 2015

»NOBLES, NICHT NACKTES«

Von: Nicole Strecker


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