Auf dem Kölner Clouth-Gelände haben die Kuratoren knallbunte Ausstellungskuben in eine alte Fabrikhalle gestellt. Foto: Claudia Dreysse

Wo die Investoren buddeln

»Alle wollen wohnen«: Ausstellung des M:AI in Köln  

TEXT ANNIKA WIND

»Diele wird geladen«, heißt es auf dem Computerbildschirm. Und schon zoomt eine Kamera an unverputzten Wänden vorbei und schaut auf Kabel, die wie Tentakel aus Steckdosenlöchern quellen. Die Räume »Kind 1« und »Kind 2« kann man von hier aus betrachten oder das Kameraauge auf das Schlafzimmer im Rohbau richten. »Josefine Clouth« heißt dieser Teil des zurzeit größten Wohnbauprojekts in Köln, der sich im Internet erkunden lässt. Der Name erinnert an die Frau eines Gummifabrikanten, der hier einst Hosenträger oder Reifen produzieren ließ. Und auf dessen ehemaligem Gelände nun rund 1100 Wohnungen entstehen. Das perfekte Umfeld für eine Ausstellung, die genau hierher will: ins Herz der Diskussion. 

Darauf, könnte man sagen, sind die Kuratoren des M:AI, des Museums für Architektur und Ingenieurkunst NRW, spezialisiert. Eine Sammlung oder ein eigenes Haus haben sie nicht, dafür ein Büro in Gelsenkirchen, von dem aus sie ihre Ausstellungen an baukulturell interessante Orte schicken. An Orte, die wie die alte Fabrikhalle auf dem Clouth-Gelände ein Stück weit selbst zum Gegenstand der Schau werden. Die Ausstellung »Alle wollen wohnen« hinterfragt Hintergründe gerechten und bezahlbaren Wohnungsbaus. Sie erklärt rechtliche Grundlagen, historische und aktuelle Entwicklungen. Ohne zu bewerten. Aber nicht ohne reichlich und anschaulich Material zu liefern, damit der Besucher selbst urteilen kann. Zwischenzeitig zu einem Fenster gehen, von dem aus der Blick über die (noch anzulegende) Straße bis auf weitere Rohbauten reicht – und auf das 14,5 Hektar große Clouth-Gelände. 

Fünf Themenräume haben Ursula Kleefisch-Jobst, Peter Köddermann und Karen Jung in amorphen, knallig-bunten Ausstellungskuben eingerichtet. »Küche.Diele.Bad« etwa führt mit Texten, Fotos und Plänen vor, wie die chaotische Enge, das »Durcheinanderwohnen« zur Zeit der Industrialisierung zum späteren Traum vom Eigenheim führte. Das erklärt wiederum auch die Begeisterung, mit der Familien einst in Hochhäuser zogen, in allein für sie vorgesehene Wohnungen, mit allem Komfort. Heute werden solche Bauten in Ostdeutschland straßenweise abgerissen. Oder, wie in Hamburg, mustergültig saniert und »nachverdichtet«. 

Denn bis 2030, liest man hier, wird die Bevölkerung von Düsseldorf um 10,6 und von Köln um 14,5 Prozent wachsen, während sie etwa im oberbergischen Morsbach um 16,9 Prozent schrumpft. Während in strukturschwachen Regionen also ganze Landstriche ausbluten, explodieren in den Metropolen Bevölkerung, Kauf- und Mietpreise. Allein in Köln werden bis  2029 rund 52.000 zusätzliche Wohnungen benötigt. Dass die Ausstellung mit solchen Zahlen auch mitten in die Debatte um Wohnraum für Flüchtlinge fällt, ist Zufall. Gemessen an der grundsätzlichen Bevölkerungsentwicklung sei ihr Anteil auch vergleichsweise klein, sagt Kuratorin Kleefisch-Jobst. Oder anders ausgedrückt: Der Bedarf an bezahlbaren Wohnungen gerade in den Städten ist ohnehin hoch, nicht erst seit tausende Menschen etwa aus Syrien zu uns kommen und nicht erst seit gestern.

Das Problem: Seit den 80er Jahren steht es schlecht um den sozialen Wohnungsbau. Während die Stadt Wien seit 100 Jahren keine Flächen und Bauten mehr verkauft, haben viele deutsche Städte den Grundstock ihrer gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften inzwischen veräußert. Auch für solche Entwicklungen ist das Clouth-Gelände exemplarisch. 2003 hatte es die Stadt im Ganzen erworben. Nun wird es scheibchenweise auch an Investoren weitergegeben; nur 30 Prozent der hier gebauten Wohnungen sind auch öffentlich gefördert. 120 Wohnungen werden allerdings von zehn Baugruppen geschaffen, in einem gemeinsamen Planungs- und Bauprozess, der auch die Kosten für alle Beteiligten minimiert. Der Wunsch, gemeinschaftlich zu wohnen, erlebt eine Renaissance, verblüffend in einer Zeit, die zugleich Individualismus zelebriert. 

Hohe Standards, Auflagen und Normen machen es Bauherren allerdings schwer, die Kosten zu senken. Zudem hat das serielle Bauen ein schlechtes Image. Dabei führt die Ausstellung vor, wie gut sich etwa in Helsinki eigene Vorstellungen mit dem Prinzip des Fertigbaus kombinieren ließen. Im Tila Rohbau von Pia Ilonen übernahmen die Bewohner den Innenausbau selbst. In Mannheim werden bald Fertighäuser des renommierten Architekten Winy Maas gebaut und in der Nähe von Zürich Kleinstwohnungen auf dem Industriegelände Zwicky bezogen. Die sind in ein großes Areal eingebettet, das gemeinschaftlich genutzt wird. »Cluster-Wohnen« nennt man so eine Form, die seit ein paar Monaten in der Schweiz getestet wird. Ob’s funktioniert? Schließlich hatte man schon in den 60ern strukturalistische Wohnprojekte auf den Weg gebracht – und war gescheitert. In Modulen sollten die Menschen leben, die sie je nach Lebenssituation verkleinern oder erweitern konnten. Nur, genutzt wurden solche visionären Modelle nie oder nie so, wie es die Architekten eigentlich gedacht hatten. Weder im berühmten Nakagin-Turm in Tokio noch in der »Metastadt« von Richard J. Dietrich in Wulfen; 1987 war das kühne Wohnkonstrukt abgerissen worden. 

Auf dem Clouth-Gelände sind inzwischen 75 Prozent der Grundstücke vermarktet, die ersten 160 Wohnungen fertiggestellt, 350 Menschen eingezogen. Bis 2019 werden weitere Gebäude in den Himmel wachsen oder saniert. Die Halle 18 etwa, in der »Alle wollen wohnen« läuft und in die danach ein Architekturbüro und Wohnungen ziehen. Oder eine Halle, in der man auch Ateliers plant. Für die, die das Firmengelände zuvor jahrelang genutzt hatten. Bevor die Bagger kamen. Ein Investor will ihnen frisch sanierte Räumlichkeiten anbieten. Die Künstler, heißt es, hätten ein »Vormietrecht«.

»ALLE WOLLEN WOHNEN. GERECHT. SOZIAL. BEZAHLBAR.«, CLOUTH-GELÄNDE, KÖLN (HALLE 18, ZUGANG ÜBER XANTENER STRASSE); bis 30. OKTOBER 2016. 

Architektur
10 / 2016

Wo die Investoren buddeln

Von: Annika Wind


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