Zeichnung: Christoph Franz/raumlaborberlin

»Als ob hier Kirkes und Kalypsos Lieder nie verstummen.«

Das Kulturhauptstadt-Theatermarathon »Odyssee Europa« beginnt – ein Gespräch mit Thomas Oberender über die Frage, was das Ruhrgebiet mit Homers Mythos zu tun hat

Text und Interview: Ulrich Deuter

//   Neben dem Festival »Theater der Welt«, das im Juni/Juli in Mülheim und Essen stattfinden wird, produziert das Kulturhauptstadtjahr noch zwei weitere herausragende eigene Theaterereignisse: Die Uraufführung der Oper »Gisela« von Werner Henze im September in Gladbeck sowie das Projekt »Odyssee Europa«, das Ende Februar über die Bühnen geht.

Plural. Denn beteiligt sind sechs Sprechtheater im Ruhrgebiet: Bochum, Dortmund, Essen, Moers, Mülheim und Oberhausen. Sie alle haben sich einen großen europäischen Mythos zum Thema genommen: Homers »Odyssee«. Sechs Autoren aus sechs Ländern wurden gebeten, sich von diesem Urstoff zu eigenen Stücken inspirieren zu lassen: Grzegorz Jarzyna aus Polen, der Ungar Péter Nádas, Emine Sevgi Özdamar aus der Türkei, der Österreicher Christoph Ransmayr, der Ire Enda Walsh sowie Roland Schimmelpfennig aus Deutschland. Entstanden sind Texte von unterschiedlicher, doch in jedem Fall überraschender Qualität, keiner erweckt den Anschein bloßer Auftragsarbeit. Ebenfalls überrascht, welche Düsternis alle Autoren von dem 2800 Jahre alten Stoff ausgehen sehen, welches Scheitern. Es ist noch nicht lange her, da sollte die »Odyssee« den Beginn der europäischen Aufklärung markieren. Davon ist in den sechs odysseesken Dramen nichts mehr zu spüren – es sei denn in negativer Dialektik: Grzegorz Jarzynas »Areteia« lotet psychologisch die Beziehung zwischen Odysseus, seinem Sohn Telemach und seinem Vater Laertes aus und lässt die zusehenden Götter sterblich sein. Roland Schimmelpfennigs »Der elfte Gesang nach Homer«, obwohl in Personal und Situierung heutig, legt seine zentrale Szene in den Hades, in den Odysseus bei Homer in genau diesem Kapitel hinabsteigt. Schimmelpfennig, sonst ein Dramatiker der eher zarten Töne, hat hier ein Werk von beinah antiker sprachlicher Wucht und tiefer Verzweiflung verfasst. In »Penelope« von Enda Walsh stellt die Titelfigur das abwesende Ziel des Begehrens vierer Männer am Pool von Ithaka dar; Péter Nádas: »Sirenengesang« stimmt eine an die düsteren Szenarien Heiner Müllers erinnernde Suada vom Albtraum der Geschichte an – nennt sich jedoch Satyrspiel. Von eher stiller Traurigkeit und traumartiger Wirklichkeit ist »Perikizi« von Emine Özdamar, das eine junge Frau von Istanbul nach Europa schickt – mithin auf eine der »Odyssee« entgegengesetzte Richtung, von der Heimat fremdwärts. Während in Christoph Ransmayrs »Odysseus, Verbrecher« der Held nach seiner Heimkehr, vom Krieg um Troja, von der zehnjährigen Irrfahrt verroht, den ersehnten Frieden nicht findet. Heimkehr, Heimat – gibt es nicht.

Gezeigt werden die sechs Stücke in dieser Reihenfolge auf einem Theatermarathon an zwei Tagen von morgens bis abends, verbunden durch eine Reise »durch die Zwischenwelt« des Ruhrreviers mit Stationen in den jeweiligen Schauspielhäusern.

Zur Einführung in das Projekt, zur Debatte seiner Bedeutung fürs Heute haben die Bühnen und Ruhr.2010 eine Veranstaltungsreihe initiiert, die der frühere Bochumer Chefdramaturg und heutige Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele, Thomas Oberender, betreut. Mit ihm sprach Ulrich Deuter.

K.WEST: Die »Odyssee Europa« ist eines der zentralen Schauspiel-Ereignisse der Kulturhauptstadt Essen/Ruhrgebiet. Nun kann es nie falsch sein, sich an Säulen anzulehnen, deren Fundament die Götter selbst gelegt haben. Doch bei der Treue der unbestechlichen Penelope gefragt: Was hat das profane Ruhrgebiet des 21. Jahrhunderts mit den Irrfahrten des Königs von Ithaka vor 2.800 Jahren zu tun?

OBERENDER: Es waren in den letzten hundert Jahren sicher nicht die Könige, die im Ruhrgebiet gestrandet sind, sondern Menschen, die Arbeit suchten. Odysseus war ein unfreiwilliger Migrant, jemand, den es wider Willen in die Ferne verschlagen hat und der selber verschlagen war, listenreich und vielgewandt. Er musste sich durchschlagen und ist von all denen, die mit ihm aufgebrochen sind, der einzige, der überlebt und er beweint sein Schicksal bitterlich, bevor ihn die schöne Königstochter der Phaiaken reich beschenkt zurück nach Ithaka reisen lässt.

K.WEST: Aber eben nicht ins Ruhrgebiet…

OBERENDER: Dass es im Kulturhauptstadtjahr das Projekt »Odyssee Europa« gibt, war eine Idee der Theaterleute des Ruhrgebiets – scheinbar empfinden sie selbst eine gewisse Analogie. Das Ruhrgebiet ist etwas Künstliches und Reales zugleich, ein unübersichtlicher Großraum, der einen ständig mit der Frage nach Herkunft und Heimat konfrontiert. In seinem Autobahngewirr, Verkehrsverbund und den ineinanderfließenden Vororten, Siedlungen und Industriegebieten kann man wie Odysseus leicht verloren gehen. Zugleich verführt das Ruhrgebiet wie keine andere Region Deutschlands zum Bleiben. Und noch immer gibt es hier einen ganz besonderen Stoffwechsel zwischen dem Eigenen und der Welt. Es ist das Land der stählernen Riesen, der Ort, an dem wir von verbotenen Früchten essen und die Erinnerung an die Vergangenheit und Heimat verlieren, mit einer Unterwelt, aus der die Rückkehr fraglich ist – es bedarf nur einer leichten Verschiebung der Perspektive, und wir sind mittendrin.  

K.WEST: Klingt Ihre Beschreibung nicht eher nach Großstädten wie Berlin, Das Ruhrgebiet ist doch eher das Gegenteil dieser Orte, in denen man die Fremde sucht und Fremder wird und doch geborgen ist in den anonymen Meereswellen der Metropole.

OBERENDER: Im Grunde sind diese versprengten Weltteile, die Odysseus durchreist, in dieser Region Ruhrgebiet ineinander geraten. Aber anders als etwa in New York. Die Inseln, die in der Odyssee in einem großen Meer verteilt sind, trennen im Ruhrgebiet ein paar S-Bahn-Stationen. Die Phaiaken sind Oberhausener, die Lotophagen Gelsenkirchener, man fühlt sich nicht als New Yorker oder Berliner, deren Identität das Ganze meint. Und noch etwas ist anders: Wie Odysseus war man im Ruhrgebiet den Elementen immer sehr nah – der Kohle, dem Feuer, dem Rauch. Und die damit verbundenen Schicksalsschläge, die Stürme, in die Odysseus gerät, die Zechen- oder Werksschließungen etwa, haben hier eine nacktere Realität als in Berlin. Aber ich will den Vergleich auch nicht überstrapazieren. Was mich im Ruhrgebiet immer fasziniert hat: Wer hier geboren wurde, arbeitet, studiert und verliebt sich hier und bleibt. Die meisten Menschen bleiben. Es ist, als ob Kirkes und Kalypsos Lieder hier nie verstummen. Man bleibt. Seit Generationen verschmilzt hier etwas, unter pragmatischen Umständen, kreiert einen eigenen Dialekt und Lebenstüchtigkeit. Nur Snobs werden hier nicht heimisch. Das ist natürlich Teil des Klischeebilds vom Ruhrgebiet. Aber denken Sie an die Romane von Ralf Rothmann, an die Träume, Anarchie, das brutale Nebeneinander von Armut und Wut, Lebenshunger und Suff, Fleiß und Enge, Kameradschaft, Kraft und Trostlosigkeit. Da finden Sie den Hades und auch die Sirenen, und das ganze Licht und Elend des Lebens, von dem die »Odyssee« berichtet. Das dieses globale Dorf Kulturhauptstadt wurde, ist schon ganz richtig.

K.WEST: Sie verantworten zwar nicht die Grundidee, aber eine Vortragsreihe vor Beginn der »Odyssee Europa«, in der so namhafte Geistesgrößen wie Peter Sloterdijk, Navid Kermani oder Oskar Negt sich damit auseinandersetzen, was die Odyssee heute für uns bedeutet. Was ist das bisherige Resümee?

OBERENDER: Im Grunde verantworte nicht ich diese Vortragsreihe. Ich bin eher so etwas wie das rote Band zwischen den einzelnen Veranstaltungen. Zwar kenne ich die meisten Vortragenden aus früheren Zusammenhängen, aber was sie zur »Odyssee« sagen, erfahre auch ich erst am Tag der Veranstaltung. Das Resümee ist: Jeder Abend eröffnet eine Welt. So war Peter Sloterdijks Vortrag nicht nur eine äußerst anregende Reflexion über Odysseus als Pilotfigur der Sophisten, die tatsächlich am Ursprung der Philosophiegeschichte steht, sondern auch eine sinnliche 90-Minuten-Performance, bei der man seine Worte wie Musik erlebt hat. Mark Terkessidis stellte in Moers einen ganz anderen Begriff von Kultur vor – geprägt von Migration, Popkultur oder einem Phänomen wie Tourismus. Der Tourist will ja nicht reisen, er will da sein. Die Reise ist ihm lästig. Der Tourist sucht auch wirklich nicht die Fremde. Aber er schafft sie. »Interkulturalität« ist ein erhellender Begriff, den ich aus diesem Gespräch mitnehme. Und ganz ähnlich stand im Zentrum der Begegnung mit Navid Kermani eine moralische Frage: Wie gehen wir mit Migranten um? Produziert ein Begriff wie »Integration« nicht eine fatale Trennung zwischen »uns« und »ihnen«? Und welche Transformationskraft besitzt eine Religion wie der Islam? Am Rande dieser Gespräche wurde deutlich, dass das Ruhrgebiet, aber auch eine Stadt wie Köln nicht mehr nach dem alten Prinzip des melting pot funktionieren, sondern, in der Sprache der Soziologen, längst einer salad bowl gleichen – also sozialen Gebilden, in denen das Disparate eher nebeneinander existiert, als dass es sich vermischt und etwas einheitlich Neues ergibt. Dieser Vorgang wird politisch und sozial sicher eine zentrale Herausforderung der Zukunft dieses Landes sein.

K.WEST: Der Titel dieser Reihe, »Die Erfindung der Freiheit«, ist aber eine Erfindung von Ihnen und formuliert eine Perspektive, das diesen Vorträgen ein übergeordnetes Thema verleiht. Kann man die Freiheit wirklich erfinden?

OBERENDER: Das ist eine gewagte Behauptung, aber im Hinblick auf die »Odyssee« sehr zutreffend. Das Problem der Freiheit geht uns alle an. Und Homers Epen bringen erstmals eine Art zu leben und die Welt zu betrachten zum Ausdruck, die vom Gedanken der Freiheit ausgeht. Das hat, wenn Sie so wollen, Homer der Welt geschenkt. Es ist die entscheidende Umformung der Quellen des Orient, dem die Odyssee sehr viel verdankt, zu einem Werk, das am Beginn der Geschichte des Okzident steht. Der Althistoriker Gerhard Meier hat das sehr schön formuliert: Die Griechen haben ihre Kultur nicht vom Gedanken der Herrschaft her – sei es Monarchie, sei es eine kräftig disziplinierte Aristokratie –, sondern aus Freiheit oder um der Freiheit willen ausgebildet. Es gab keine Herrschaftssicherung durch mächtige Priesterschaften, sondern eine Gesellschaft, deren Mitglieder frei und eigenständig sein wollten. Und all die daraus resultierenden Probleme, wie man mit Konflikten umgeht, sie ausbalanciert und, da es an höherer Autorität hapert, anfängt, die eigene Welt in Frage zu stellen und zur Sache der intellektuellen Argumentation zu machen, all dies führte zur »freien Kultur der Griechen«, und Homer hat dies in seinen Epen auf eine folgenreiche Weise zum Ausdruck gebracht. Das schien mir ein guter Schlüssel zu sein, um das Problem der Freiheit in der Gegenwart zu reflektieren.

K.WEST: Gezeigt werden sämtliche Dramen hintereinander, auf einer zweitägigen Theaterreise durchs Revier. Eine »Reise durch die Zwischenwelt« wird angekündigt. Welche sinistren Orte sind da gemeint?

OBERENDER: Marietta Piekenbrock, die künstlerische Leiterin des Programms, hat sehr früh gespürt, dass die in jeder Hinsicht disparaten Veranstaltungen einen Rahmen brauchen. Daher im Vorfeld die Vortragsreihe, und die sehr schöne Idee, ein Künstlerkollektiv aus Berlin zu beauftragen, das um die sechs  Aufführungen herum so etwas wie eine weitere, sie verbindende Inszenierung schafft – das ist die Idee der »Reise in die Zwischenwelt«. Der sympathische Ansatz der Künstler von »raumlabor« ist, dass im Mittelpunkt von Homers »Odyssee« die Idee der Gastfreundschaft steht. Und diese Gastfreundschaft können die Teilnehmer an der »Odyssee Europa« erleben, denn für jeden Besucher haben die Künstler von »raumlabor« unter den Bewohnern in den sechs Städten einen Paten oder Gastgeber gesucht. So verwandeln sich zirka 400 Menschen in jeder Stadt zu Reiseführern der Extraklasse, die den Besuchern zwischen den Aufführungen besondere Orte ihrer Heimat zeigen. Das ist ein verrücktes Abenteuer und soziales Projekt voller Charme und Risiko. Was auf dieser großen Klassenfahrt der Theaterfreunde zum Vorschein kommt, wird also hoffentlich nicht sinister sein. Doch es hat viel mit der »Odyssee« zu tun, mit einer Reise, die sich nicht restlos planen lässt, und die Empfindung der eigenen Gegenwart und Welt steigert. Hoffentlich, man weiß es natürlich nie. Aber die Idee ist bezaubernd.   

Uraufführung von »Odyssee Europa« am 27./28. Febr. 2010. Weitere Termine: 6./7. und 13./14. März, 2./3. April, 22./23. Mai 2010. www.ruhr2010.de/odyssee-europa + www.odyssee-europa.de

Vortragsreihe »Die Erfindung der Freiheit«: 29. Januar 2010: Kurt Steinmann im Theater Oberhausen; 31. Januar 2010: Jonathan Meese im Grillo-Theater sowie Oskar Negt im Theater an der Ruhr, Mülheim.  

Bühne
02 / 2010

»Als ob hier Kirkes und Kalypsos Lieder nie verstummen.«


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