Eingemeindet

Dürrenmatts »Alte Dame« in Düsseldorf

Eigentlich ist in Düsseldorf ja immer Karneval. Mit dem Vorurteil, das die Inszenierung wie etliche andere Klischees auch bedient, hat man über diesen »Besuch der alten Dame« schon alles gesagt. Das rheinische Gemüt ist gefordert. Für das Publikum, in dessen Mitte sich das Ensemble mischt, heißt es: Aufstehen, mitsingen, die längste der Theke der Welt beschwofen. Düsseldorf liegt hier an der Gülle. Der Ort, an dem der Regisseur Volker Lösch inszeniert, ist der Ort, an dem er die Stücke spielen lässt. So waren Hauptmanns schlesische »Weber« bei ihm – 2004 in Dresden – ein Chor 33 Arbeitsloser, deren Situation gut ins gewendete Ostdeutschland passte und propagandistisch ausgeschlachtet wurde. Dieser Logik entsprechend, liegt Güllen am Rhein. Löschs Eingemeindung, sehr frei nach Dürrenmatt, funktioniert das Dorf zur modernen Metropole um, die das Schuldenmachen lernt. Was allerdings OB Joachim Erwin nicht gern hören wird, weil er Düsseldorf finanziell gut aufgestellt hat. Mit diesem falschen Vergleich beginnt also schon das Hinken des Abends, der auch in seiner Folge keine gute Figur macht. Bei Lösch verwandeln sich die bräsigen Bürger in Erwartung der Millionen-Ausschüttung, die Claire Zachanassian (Susanne Tremper mit roter Loreley-Perücke) für ihre Rache an ihrem ehemaligen Geliebten Alfred Ill in Aussicht stellt, zu fitnessgestählten, kosmetisch verschlankten, aufgespritzten Beauty-Monstern. Güllen wird schön, Güllen wird reich. Belebung der Konjunktur. Sanierung. Und Neuverteilung der schwindenden Mittel. Da es den Wohlstand für alle nicht mehr gibt, ist ein kleiner Mord als soziales Experiment legitim. So soll Dürrenmatt im 21. Jahrhundert ankommen. Die Fabel zeigt, dass die Tragödie ausgedient hat, und der Welt nur noch mit Komödien beizukommen ist. Lösch indes entwickelt keine düstere Farce, sondern nur grelle Comedy.

Die Fülle an Verweisen behauptet eine Bedeutung, die die Inszenierung nicht erfüllt. Ob sie sich nun auf lokaler Ebene mit Anspielungen groß tut oder auf dem globalen Feld wildert. Lösch nimmt die Backen voll, kaut alles durch und speit es unverdaut aus. Die Puste reicht dabei höchstens für einen Sketch. Mit viel Lärm und aufgeputschter Munterkeit blähen sich die zwei Spielstunden: plump, zotig und unkomisch. Rampentheater, das zumeist vor dem Eisernen Vorhang abläuft, wenn nicht gerade auf offener Bühne eine Yacht rotiert, die an die »Boot«-Messe erinnert und dem einstigen Liebespaar Claire und Alfred zur »Titanic« wird. Die aufgequollene Text-Bearbeitung greift jedes Thema ab, das irgendwie auf der Agenda steht – und liefert doch nichts weiter als ein Stichwort-Verzeichnis. Wenn dann, nach einem Bürgerbegehren, Alfred Ill gelyncht und dem braven kopfüber baumelnden Schauspieler Rainer Galke mühsam die unterm Hemd verborgene Blutblase angestochen wird, wäre es der in ihrer Trivialität wirkungslosen Inszenierung angemessener gewesen, man hätte ihm nicht die Kehle durch-, sondern nur den Schlips abgeschnitten. Mehr als ein Helau lohnt das Ganze nicht. Volker Lösch demaskiert nicht den rheinischen Kapitalismus, er spielt nur rheinischen Karneval. AWI

Bühne
03 / 2007

Eingemeindet


kultur.west Gezwitscher