Ersan Mondtag. Foto: Thomas Schröder

Kein Problem damit, ein Problem zu sein

Einer der Shooting-Stars des Theaters, Ersan Mondtag, inszeniert erstmals in Dortmund – ein Porträt des Regisseurs.

TEXT SASCHA WESTPHAL

»I Am A Problem« – das können in Will Benedicts gleichnamiger Videoarbeit beide Protagonisten von sich sagen. Die Situation ist vertraut und doch verstörend. Am runden Tisch im Fernsehstudio sitzt dem berühmten US-amerikanischen Talkmaster Charlie Rose ein graues, dem Anschein nach außerirdisches Wesen gegenüber. Die Fragen des Moderators sind nicht zu hören, auch das Alien spricht nicht. Nate Young, Frontmann der Detroiter Noise-Band Wolf Eyes, leiht ihm stattdessen seine Gesangsstimme und beschwört mit dem Song »T.O.D.D.« eine finstere, eisige Stimmung herauf. Die üblichen Muster unserer medialen Kommunikation funktionieren in dem avantgardistischen Videoclip nicht mehr. Sie laufen ins Leere, während eingeschnittene Nachrichtenbilder eine Welt zeigen, in der Menschen wie Regentropfen vom Himmel fallen.

Benedicts Videoarbeit steht nicht nur im Zentrum der von Ersan Mondtag in den Räumen des Frankfurter MMK 2 inszenierten Ausstellung. Sie gibt ihr zugleich den Titel. Dabei könnte der Satz »I Am A Problem« durchaus in riesigen Lettern über allen Arbeiten des 1987 in Berlin geborenen Theaterregisseurs stehen, der in der Regel auch sein eigener Bühnen- und Kostümbildner ist. Ich bin ein Problem – das kann Eingeständnis des Scheiterns oder selbstbewusstes Credo sein. Nur eine Frage der Perspektive. Wer versucht, den in unserer westlichen Gesellschaft vorherrschenden Normen und Anforderungen gerecht zu werden, kann daran zerbrechen. Wer sich ihnen aber gar nicht erst unterordnen will, wird seinen Status als Problem mit einem gewissen Stolz registrieren. Aber dazu braucht es eine Selbstsicherheit, wie sie Ersan Mondtag, der eigentlich Ersan Aygün heißt, ohne Frage ausstrahlt. In Benedicts Video wäre er mit Sicherheit das Alien, das den Talkshow-Gastgeber und mit ihm das Establishment herausfordert.

Diese ostentative Haltung prägt die »I Am A Problem«-Ausstellung ebenso wie alle Theaterarbeiten Mondtags, über die er selbst sagt: »Mein Theater ist nicht lesbar im Sinne einer mathematischen Formel. Es entspringt allein meiner eigenen inneren Logik und ist damit erst einmal nur für mich lesbar.« In seinen Augen sollte Kunst den Menschen keineswegs entgegenkommen, nicht mal auf halber Strecke. Sie muss einen vielmehr aus der eigenen Komfortzone herauslocken. »Ich finde es wichtig, dass der Theaterzuschauer von einer passiven, nur konsumierenden Haltung zu einer aktiven gelangt.« Dafür nimmt Mondtag in Kauf, dass seine Werke auf den ersten Blick hermetisch, vielleicht sogar abweisend erscheinen.

In seiner am Staatstheater Kassel entstandenen Stückentwicklung »Tyrannis« wurde das Publikum Zeuge, wie das Leben einer in ihren festen Bahnen und Banden gefangenen Familie durch eine von außen hereinkommende Fremde erschüttert wird. In einem wortlosen Bilderreigen, der an Filme von David Lynch und Fotografien von Gregory Crewdson denken lässt, hat Mondtag eine eigene bizarre Welt kreiert. Zwar gab es Schnittstellen zu unserer Wirklichkeit, aber denen mussten die Zuschauer selbst nachspüren. So war es auch in seiner Berner Uraufführung von Olga Bachs »Vernichtung«, die demnächst eine neue zweite Heimat am Schauspiel Köln finden wird.

Bild und Text laufen in »Vernichtung« nicht synchron. So kann das Publikum auf zwei Ebenen zwei zunächst voneinander getrennte Erfahrungen machen. Auf der einen begegnet es vier Personen in bemalten Ganzkörperanzügen, die in einem paradiesisch wirkenden Garten zwischen antiken Statuen ihren meist sportlichen Aktivitäten nachgehen. Auf der anderen erzählt Olga Bachs von Brüchen und Sprüngen geprägter Text von jugendlichem Ekel und ennui, die Gewaltfantasien und faschistoiden Ideen Vorschub leisten.

Diese Verschiebungen zwischen zwei Bereichen, die in den meisten Inszenierungen mehr oder weniger deckungsgleich sind, offenbaren Mondtags Idee von Theater: »Wenn das, was gesagt wird, und das, was man sieht, nicht synchron ist, versuche ich automatisch, eine Verbindung herzustellen.« So bin ich Teil des ganzen Prozesses. I am Art, das Publikum wird zum integralen Bestandteil des Kunstwerks.

Damit bewegt sich der 30-jährige Theatermacher, vielleicht überraschenderweise, in der Nachfolge Brechts. Auch Mondtags Werke rufen einem fortwährend zu: »Glotzt nicht so romantisch!« Nur weitet er Bert Brechts Verfremdungseffekt zu einem die gesamte Aufführung prägenden Verfremdungsstil aus. Was zunächst verschlossen wirkt, erweist sich als größtmöglichste Offenheit, die dem Betrachter die Chance einräumt, seine eigenen Erfahrungen und Vorstellungen aufzurufen und assoziativ fließen zu lassen.

Seit er mit »Tyrannis« und »Die Vernichtung« in zwei aufeinander folgenden Jahren zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, kann sich Ersan Mondtag aussuchen, wo er arbeiten möchte. Gut vier Wochen vor der Premiere von »Das Internat«, seiner ersten Regie an einem NRW-Theater, betont er aber gleich, es sei ihm egal, ob er in Dortmund oder am Burgtheater in Wien sei: »Das Renommee eines Hauses interessiert mich nicht.« Das klingt kokett, spiegelt aber auch seine unerbittliche Haltung gegenüber den Strukturen des deutschen Theaters. Wer ihn an sein Haus engagiert, muss seine Vision vorbehaltlos akzeptieren. Kompromisse gibt es für Mondtag nicht. »Ich lasse zwar zu, das sich die Schauspieler und die Gewerke eines Hauses mit ihren ganz speziellen Fähigkeiten einbringen. Aber was am Ende in mein Werk reinkommt, bestimme ich. Und wenn es mir zuviel wird, ziehe ich einen Schlussstrich.« Diese Arbeitsweise hat schon zu heftigen Konflikten zwischen Mondtag und einigen Intendanten geführt, oder wie er mit leiser Ironie zugesteht: »Ein eitler Intendant ist das Schwierigste, wenn man ein eitler Regisseur ist.«

Manchmal klingt Mondtags Selbstbewusstsein nahezu arrogant. Aber im nächsten Moment zeigt er sich von einer anderen, weicheren Seite. Als Suchender, der sich kaum Ruhe gönnt, muss er sich schützen. Seine Forderung nach gesellschaftlichen Utopien ist nicht Attitüde, sondern Ausdruck einer Sehnsucht nach Veränderung: »Wir brauchen Freiheit im Denken und die Möglichkeit, alles über Bord zu schmeißen.« Das versucht er auch mit seinem Dortmunder Projekt. »Das Internat« erzählt von einer geschlossenen Gesellschaft, in der ein mysteriöser Todesfall eine gewaltsame Revolution auslöst. Nur schafft die nichts Neues, sondern reproduziert die alten Unterdrückungsstrukturen. Die erste Hälfte des Stücks, die in der Zeit zurückläuft, soll auch rückwärts gespielt werden. Eine enorme Herausforderung, von der Mondtag noch nicht weiß, »ob sie überhaupt zu bewältigen« sei.

»Das Internat« von Ersan Mondtag und Alexander Kerlin am Schauspiel Dortmund hat am 9. Februar Premiere.

Bühne
02 / 2018

Kein Problem damit, ein Problem zu sein

Von: Sascha Westphal


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