Foto: Ursula Kaufmann

Pina Bauschs Wildgruber

»Über mich schreiben? Gern. Solange es nicht nur über meine Stimme geht!« – Mechthild Großmann zum Sechzigsten

//   Die Schauspielerin Mechthild Großmann sitzt in der Kantine des Wuppertaler Schauspielhauses. »Was die wohl für einen Beruf hat«, grübelt sie über eine junge Frau, die zur Tür herein kommt. »Vielleicht Dramaturgin?« Den Namen Pina Bausch hat sie noch nie gehört. Wir schreiben das Jahr 1975. Mechthild Großmann spielt als Gast in Wuppertal die Lady Milford in »Kabale und Liebe«. Gerade ist sie von Claus Peymann gefeuert worden; zwei Jahre hat sie in Stuttgart gespielt. Das Angebot aus Wuppertal hilft, das verlorene Selbstvertrauen ein wenig aufzumöbeln. Sie hat auch andere Pläne im Kopf, vielleicht ein Studium, vielleicht dies oder das. Aber im Grunde will sie vom Theater nicht lassen. Immerhin hat sie vor Stuttgart vier Jahre unter Kurt Hübners glanzvoller Intendanz in Bremen – ihrer Heimatstadt – als Debütantin gespielt. Faszinierende und sehr unterschiedliche Regisseure haben dort das Theater geprägt: Peter Stein, Peter Zadek, Rainer Werner Fassbinder. Oder Wilfried Minks und Klaus Michael Grüber, mit denen Großmann gearbeitet hat. So nimmt sie die Gastrolle in Wuppertal an – um für lange Zeit bei Pina Bausch zu bleiben.

Die Annäherung kommt schrittweise. Man trifft sich in der Kantine, spricht miteinander, Pina Bausch sieht sich Mechthild Großmann auf der Bühne an, diese sich Bauschs »Orpheus« – und »ist völlig mit den Nerven runter«. So etwas hat sie noch nie gesehen.

Und dann lädt Pina Bausch sie ins Opernhaus ein – zum Vorsingen. Die Choreografin plant einen Brecht/Weill-Abend, und neben Tänzern braucht sie auch Schauspieler und Sänger. Mechthild Großmann hat noch nie professionell gesungen. Aber sie geht tapfer zur Audition, um den »Surabaya Song« vorzutragen, schrecklich nervös, »vor lauter Verkrampftheit hatte ich ein Bein angezogen wie ein Flamingo«. Und das Gesicht verdeckt sie während des Vorsingens mit dem hochgezogenen Holznotenständer. Vor ihr sitzen Pina Bausch und Rolf Borzik, der Bühnenbildner. (Er hat dieses merkwürdige Vorsingen zeichnend festgehalten). Am Ende eine lächelnde Bausch: »Wollen wir das zusammen versuchen?«

Die Proben zum Brecht/Weill-Abend »Die sieben Todsünden« beginnen. Mechthild Großmann kommt »in eine andere Welt.« Die Zusammenarbeit als Schauspielerin mit den Tänzern, die besondere, sehr persönliche, umarmende Form der Probenarbeit mit Pina Bausch – Großmann spürt: Da ist eine Suche nach Wahrhaftigkeit auf der Bühne, die sie nicht kennt, da sind Menschen, die ein Gesamtkunstwerk anstreben. Und eine Choreografin, die jeden einzelnen in seiner Eigenheit und Eigenständigkeit ernst nimmt und fördert.

Drei Wochen vor der Premiere wird Mechthild Großmann krank. Schnelle Einlieferung ins Krankenhaus in Bremen. Den Bausch-Abend kann sie vergessen. Doch dann nach wenigen Tagen das große Glück, die Nachricht: Die Premiere in Wuppertal muss aus technischen Gründen verschoben werden. Mechthild Großmann tritt auf und singt vier Lieder in »Fürchte dich nicht«, dem zweiten Teil des Stücks. Nach der Premiere »haben Pina und Rolf mich angestrahlt – da war etwas ganz Tolles passiert.«

Danach ist Mechthild Großmann Gast im Tanztheater von Pina Bausch. Und nimmt zusätzlich ein Engagement im Bochumer Schauspielhaus an. Dort begegnet ihr die Rolle, die ihr berufliches Leben endgültig verändern wird. Die Bausch soll in Bochum ein Shakespeare-Stück erarbeiten. Sie will dafür Mechthild Großmann haben. Die aber ist schon für eine Molière-Produktion vorgesehen. Pina Bausch lässt nicht locker – und sagt dann den entscheidenden, den »wunderbaren« Satz: »Die Mechthild ist mein Wildgruber.«

Es beginnt eine schwierige Probenzeit. »Macbeth« ist das Thema des Projekts mit dem späteren Titel »Er nimmt sie an der Hand und führt sie in das Schloss, die anderen folgen«. Mechthild Großmann auf einer Bühne, die vollgestellt ist mit altem Mobiliar und Spielzeug. Eine lustvolle Kindfrau, erzählt sie die Geschichte vom Ritter M, eine Mischung aus Kinderaufsatz, Bildzeitung und anderen Klatschblättern. Diese kindliche Nacherzählung, in der alle Personen nur mit dem Anfangsbuchstaben benannt werden, begleitet sie mit zarten, aggressiven, obszönen Bewegungen – »das choreografische Korsett fand und finde ich bis heute aufregend«. Die Bühne: ein Schlachtfeld für Gefühle. Mechthild Großmann schreit, rennt, ist laut und wild, aber auch klein, zart, schutzbedürftig. Am Ende sitzt sie, tränenüberströmt, mit verschmiertem Gesicht fast zwanzig Minuten reglos in einem Sessel.

Die Bochumer Premiere: ein Riesenskandal. Zwischenrufe, Türeknallen, Schreien, Toben – die Professoren aus der Shakespeare-Gesellschaft fühlen sich angegriffen, provoziert und vergessen ihre gute Erziehung »es war schrecklich, Jo (die Tänzerin Jo Ann Endicott) ist weggerannt, wir mussten zwischendurch abbrechen.«

Danach sagt Pina Bausch zu Mechthild Großmann: »Komm zu uns«. Kollegen warnen sie: In Wuppertal sei sie weg vom Fenster, künstlerisch tot. Mechthild Großmann kann nicht ahnen, dass bald tout le monde zur Bausch pilgern wird, dass sie nirgends so oft von Regisseuren aus aller Welt gesehen werden wird. Sie nimmt an. Und bleibt für mehr als 30 Jahre am Tanztheater Wuppertal.

Die Erinnerung an diese frühe Zeit ist eng verbunden mit Rolf Borzik, dem Bühnenbildner und Lebenspartner von Pina Bausch. Zusammen mit ihr hat er den Tanz und das Theater erneuert. Er schuf Bühnenräume mit einer Kühnheit, wie bisher kaum ein anderer, schön, erschreckend, verstörend. Er sei bei allen Proben dabei gewesen, er habe die Tänzer geliebt, sagt Mechthild Großmann: »Er konnte uns Flügel verleihen. Das Unmögliche wurde möglich.« Sein letztes Stück war »Keuscheitslegende«. Da ahnten viele, dass er nicht mehr lange leben würde. Aber diese »Keuscheitslegende« ist kein tragisches, trauriges Stück. Sondern eines, dass von Lust zum Leben und zur Liebe erzählt. Mechthild Großmann spielte darin zehn verschiedene Rollen, sagte als kleines Mädchen »versaute« Kindersprüche auf oder las Liebestexte, sexuelle Anweisungen von Ovid vor, die die Kompanie in grotesken Stellungen nachmachen musste. Diese Komik – unvergesslich bis heute.

Rolf Borzik starb 1980. So, »1980«, hieß auch Pina Bauschs folgendes Stück, das versuchte, dem Schmerz eine Form zu geben. Mechthild Großmann spielt darin unter anderem einen Lederjackenrocker mit schwarzen Strümpfen und Pumps – grandios. Da ist ihre Stimme längst zum Markenzeichen geworden, ungewöhnlich dunkel, rau und basstief. Als Kind und Jugendliche hat sie darunter gelitten – schon früh habe man sie »Säuferin« genannt, erinnert sie sich, und ein Deutschlehrer habe ihr nach einem kecken Spruch prophezeit: »Du landest in der Gosse«. Da war sie dreizehn, »ein argloses Ding, sehr zart und niedlich mit Zöpfen und Faltenrock«. Diese Stimme: ein Fehler der Natur. Sie habe fast keine Stirn- und Kiefernhöhlen, also keinen Resonanzraum für die Kopfstimme.

Ob nur mit einer Federboa bekleidet oder im langen Abendkleid, mit ihrer Stimme und ihrer Begabung zu Burschikosität, Frechheit, Boshaftigkeit, Komik, zu Kind und Vollweib rollt Großmann in jedem Stück die Bühne auf. Sie stört und verstört, ist aufreizend und verführerisch, laut und vorlaut, lasziv und naiv, offen und geheimnisvoll. Ein Liebling des Publikums. Ihre Sprüche haben Kultcharakter: »Und noch ein Weinchen und noch ein Zigarettchen und bloß nicht nach Hause« ist (zumindest in Wuppertal) so bekannt wie Loriots »Ein Klavier, ein Klavier«.

Aber sie kann auch anders. Wenn sie in »Fensterputzer« die – selbst verfasste – Geschichte einer Frau erzählt, die immer wieder von ihrem Mann geschlagen wird, aber sich die Schuld gibt, weil »sie ja auch keine gymnastischen Übungen macht«, sich also nicht fit hält für den Mann – dann lachen die Leute. Jedenfalls am Anfang. Später, so die Großmann, dann nicht mehr, wenn sie die Tragik der Geschichte begreifen. Das ist die andere Seite der Großmann. Und so gehört ihr auch das Ende eines anderen Bausch-Stückes, »Danzon«: Da erzählt sie, wie der 82-jährige Goethe in einer Jagdhütte ein Gedicht findet, das er vor 50 Jahren geschrieben hat. Und sie rezitiert, anrührend schlicht, eines der schönsten Poeme deutscher Sprache: »Über allen Wipfeln ist Ruh«.

Als die Bausch-Kompanie beginnt, Gastspiele in aller Welt zu geben, regt die Choreografin an, »ein paar Sätzchen« jeweils in der Sprache des Gastlandes zu sagen. Das betrifft natürlich vor allem Mechthild Großmann. Schwierig sei das gewesen, in einem fremden Idiom aufzutreten, aber sie hat sich darauf eingelassen. Ob Französisch, Spanisch, Italienisch, Griechisch oder Japanisch – sie spielt inzwischen ihre Rollen mit den gesamten Texten perfekt. Ebenso, betont sie, wie die sprachbegabten Tänzer.

Und sie kommt immer gern nach Wuppertal zurück, wenn alte Stücke wieder aufgenommen werden. Denn das Tanztheater Wuppertal ist ihre künstlerische Heimat. Als sie sich auf Pina Bausch einließ, habe sie nicht gewusst, wie großartig diese Künstlerin sei. »Keiner guckt dich mit solcher Konsequenz, Ehrlichkeit und Intensität an.« Von niemandem habe sie so viel gelernt: dass Sprache zwar wichtig sei, aber Bewegung gleichermaßen. Diese Körpersprache nützt und nutzt Mechthild Großmann bis heute: im Theater, als sie in diesem Jahr in Kassel die Rolle der Martha in »Wer hat Angst vor Virginia Woolf?« spielte (und dafür mit dem Hessischen Theaterpreis geehrt wurde). Oder zur Zeit in Frankfurt, wo sie den Gerichtsdiener Frosch in der »Fledermaus« gibt, »diesen betrunkenen alten Mann, der am Schluss alles durcheinander bringt«. Aber auch im Fernsehen, etwa als Staatsanwältin im Münsteraner »Tatort«. Und nicht zuletzt bei Lesungen, ob mit Kafka oder expressionistischen Gedichten. Inzwischen ist Mechthild Großmanns Markenstimme auch sehr gefragt für Hörspiele und Hörbücher. Eine Anerkennung, die sie freut.

Vor vier Jahren, nach einem Gastspiel mit »Fensterputzer«, hat Pina Bausch zu Mechthild Großmann gesagt: »Wir kennen uns jetzt 29 Jahre. Ich möchte die Mechthild haben, die du jetzt bist.« Also spielte sie mit in »Ten chi«, dem Stück, das in Kooperation mit Japan entstand. Hier darf sie alles sein: Die Verruchte (»Ich würde gerne nachts umherwandern und Menschensöhne belästigen.« – »Wissen Sie, was gut zu Champagner passt? Ich.«). Oder die witzige Ratgeberin für Liebesrezepte (»Sesam zum Beispiel enthält viele Vitamine und Salze, die besonders auf die Geschlechtsdrüsen wirken.«) Wenn sie wie eine Sprachlehrerin die Worte Kimono, Geisha, Harakiri, Samurai oder Bonsai schwärmend und verführerisch in langgedehnten Silben buchstabiert, dann alarmiert das sämtliche Sinne.

Aber da ist auch die grotesk verkleidete alte, ein bisschen verwirrte Frau mit Hütchen und Schleier, die über die Bühne trippelt und zart und leise mit kleinem hohen Stimmchen auf einen neuen Stern aufmerksam macht – und keiner hört zu. Soviel Einsamkeit und anrührende Traurigkeit ist selten mit Mechthild Großmann.

Ihre schönste Rolle? Bei Pina habe sie alle Rollen gern gespielt, aber die Macbeth-Rolle sei ihr die Liebste. »Das Beste aber, was ich je gemacht habe, ist meine Tochter Charlotte.« Die meldete sich vor 17 Jahren an, als Mechthild Großmann (damals 43) und ihr Mann, der Regisseur Stephan Meyer, die Idee eines Kindes längst aufgegeben hatten. Diese Überraschung, diese Freude!

Ist Älterwerden schwer? Überhaupt nicht! Das einzige, was im Alter weh tue, »ist, dass ich nicht mehr alle Rollen von früher spielen kann.« Nicht mehr über Sessel springen, nicht mehr zwei Stunden über die Bühne rennen. Aber neben dem Theaterspiel gibt es noch genug Rollen in älteren Bausch-Stücken, zu denen sie – »ein Glück, ein Geschenk« – gerufen wird. Zum Beispiel zu einer Wiederaufnahme der »Todsünden« zum Internationalen Tanzfestival NRW im vorigen Monat. Da sang sie mit ihrer unverkennbaren Stimme vier Brecht/Weill-Lieder. Eines so gut wie das andere. Aber der »Surabaya-Jonny« hatte einen besonders betörenden Klang.    //

Bühne
12 / 2008

Pina Bauschs Wildgruber

Von: Anne Linsel


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