Manuela Alphons mit Jelinek-Haartracht

Premiere: Elfriede Jelinek in Düsseldorf

Kleiderordnung: Jan Philipp Gloger zeigt die Uraufführung von »Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)«

TEXT ANDREAS WILINK

»Alles muss raus« – nicht bloß die Ware aus dem Outlet-Store. Auch der  gesammelte Widerwillen wird ausgekehrt. Elfriede Jelineks Auftragswerk für Wilfried Schulz’ Schauspielhaus mit dem verspreizten Titel »Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)« spielt mit dem Image von Düsseldorf: nicht Kunstakademie, sondern Königsallee. Ähnlich wie in Jelineks »Sportstück« dient die Mode als Metapher für etwas, das mit Gewalt ins Leben eingreift. Sie »ist das Vergangene, das immer neu als Zukunft verkauft werden muß« – und den Wunsch nach Unsterblichkeit ausdrückt. Die Kränkung aber gehört zum Kauf, weil das erworbene Objekt nie erfüllt, was es dem Subjekt suggeriert. Frau folgt, lustvoll ergeben oder aufbegehrend, dem Schönheitsdiktat.

90 Seiten Fließtext verbohren sich – manisch, rhetorisch, repetitiv – in den Wahn vom Neuen oder Nachhaltigen, in den vom Habenwollen, Verschleudern und Verschleißen. Der Stoff geht Jelinek nicht aus. Sie wickelt ihn auf, franst ihn aus, spult ihn ab, wie Ariadne, wobei sie das Labyrinth der Sprache gar nicht zielführend gangbar macht, sondern als System der Verzweigung und Verirrung darstellt. Im wiederholt Gesagten verzerren sich Genuss und Konsum und die Kategorien von Natur und deren kultureller Verbildung in der Mode und ihrem Jargon. Jelinek redet über Billig- und Massenhersteller, Baumwoll-Produktion in Indien, Fronarbeit für Designer-Labels, heideggert, beruft sich auf Roland Barthes, setzt Kant ins Verhältnis zu Gisele Bündchen, bewertet die Schwäche des Euro, ätzt darüber, was Yamamoto und Kawakubo derzeit entwerfen. Und variiert die auch Botho Strauß geläufige platonische Einsicht, dass wir das Abbild für die Wirklichkeit halten. 

Jelineks (ab-)schweifenden Texte, die organisiert, gegliedert, in Figuren und Situationen aufgelöst werden wollen, sind Suchbewegungen. In Düsseldorf beginnt es, indem Taschenlampen durchs Unterholz huschen: Ist hier wer auf dem Holzweg? Als »Kasten« steht auf der Central-Bühne ein von Gebüsch umwachsener Bungalow mit Glasfront: Halt und Haus für sechs Frauen plus einem Mädchen und einer kompletten Kleider-Kollektion samt Fell und Tierbalg. Wir gehen mit den Damen in die Häschen-Schule und auf den Catwalk, wo sich sechs Jelinek-Perücken-Doubles präsentieren, bekommen einen Bären aufgebunden, dürfen uns fuchsen. Jan Philipp Gloger arrangiert eine Revue – neckisch, munter, schmerzlos ironisch. Gut in Form und mit gelenkigen Soubretten. Lou Strenger veropert im Kleid mit Che-Guevera-Konterfei ihre Klage. Karin Pfammatter stranguliert sich mit einem Löcher-Pulli. Claudia Hübbecker als Rokoko-Kant pingpongt mit dem Jägersmann vom Todtnauberg. Tabea Bettin spricht ein zartes Verzweiflungs-Solo über Kartons mit Klamotten. Ein Smalltalk-Trio ignoriert die Attacke und Revolte der minderbemittelten Klasse auf ihrer Terrasse. 

Das Ökonomische, Ökologische, Politische und Soziale nebst mythischen Verweisen ist oft auf Pointe gesetzt und einen Kalauer wert, wobei Jelinek sich ihr »Unwesen mit der Sprache« sogleich ankreidet. Allein, es ist einer ihrer imponierend persönlichen (anti-)dramatischen Texte. Man spürt: die große Geste, den weiten Atem, die radikale Selbstanalyse. »Das Licht im Kasten …« muss man auch lesen als bibelfesten Traktat, als Exorzismus und Tragödie: Was ist – angesichts der Missbildung von Kommerz und Konsum – überhaupt der Mensch in seiner (vermeintlichen) Einmaligkeit? Jede idealistische Haltemarke in dieser Bewusstseins-Flut wird umgewälzt, bis sie als beißend grotesk erscheint. Jelineks aufgeräumt chaotische Skepsis lässt nichts unangetastet: eine Ver-NICHT-ungs-Maßnahme. Auch gegen sich selbst, als spräche sie mit sich und von sich, als alte Frau, die sich ins Verschwinden und Verstummen erlösen will. 

Die letzte halbe Stunde in Düsseldorf lässt das zu, todkomisch und traurig. Manuela Alphons erleidet ihren gebrochenen Monolog vor einer Buchstaben-Wand, deren Schrift heranzoomt, bis sie optisch entwischt. Die Bungalow-Bewohnerinnen sind nun Trauernde im Totenhaus mit Jägerzaun, das ein Mendelssohn-Choral durchklingt. Die Schwärze hat das Licht gefressen.

Bühne
02 / 2017

Premiere: Elfriede Jelinek in Düsseldorf

Von: Andreas Wilink


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