Dinnebiers Leucht-Wasserturm, © Dinnebier

Tun, was man kann

Das Regionale-Projekt »Lebendige Unternehmenskultur«

 

Eine der besten Möglichkeiten, das bergige Bergische Land zu erfahren, bietet die DB mit ihrer »Regionalbahn 47«, auch genannt »Der Müngstener«. Er fährt von Wuppertal im weiten Bogen durch Remscheid und Solingen bis Ohligs. Es ist nur ein gehobener Schienenbus, der da fährt, und die wichtige Zeit der beiden Hauptbahnhöfe in Solingen und Remscheid ist sichtlich vorbei. Doch immerhin fährt die Nebenbahn alle zwanzig Minuten: Dramatischer Höhepunkt der Reise ist das Passieren der höchsten Eisenbahnbrücke Deutschlands bei Müngsten, man fliegt über das Tal der Wupper wie über einen grünen Urwald. Der zweite Blick fällt auf die große Zahl kleiner Fabriken links und rechts der Gleise; sie sind es, die zum geschäftigen Charakter der Region so prägend beitragen.

Oft sind es bekannte, traditionsreiche Firmennamen, die man da entdeckt – wie auf der Backstein-Trutzburg der Zwilling-Werke am alten Solinger Hauptbahnhof. Oft sind es weniger berühmte, aber nicht minder etablierte Namen. Oder aber junge Firmen, die sich rasch überregional einen Namen gemacht haben. Es gibt stolze Prachtbauten mit ragenden Schornsteinen aus der Gründerzeit und schlichte Zweckbauten in nachkriegszeitlichen Gewerbegebieten. Die meisten von ihnen haben sich so bergisch-erfolgreich und innovativ ihren Platz im Markt ertüftelt, dass sie in die halbe oder auch ganze Welt liefern. Gleichzeitig sind sie aber Teil einer mittelständisch geprägten Unternehmenskultur, die der globalisierten Beliebigkeit eine konsequente Ausrichtung auf hohe Qualität entgegenstellt, dazu Bodenständigkeit und Mitverantwortung für die Region.

Diese Verantwortung zeigt sich nicht allein darin, dass Industrielle und Manager den Standort in der Region beibehalten und stärken. Die meisten Unternehmen beteiligen sich auch in der einen oder anderen Weise daran, die Infrastruktur ihrer Stadt oder Region zu stärken: durch Investition und Kooperation im (Aus-)Bildungsbereich, durch Erhaltung oder Neubau von städtebaulich interessanten Firmengebäuden, durch direktes Sponsoring für soziale, breitensportliche oder, last not least, kulturelle Projekte. Nicht selten sind Firmenvertreter selbst in solchen Projekten ehrenamtlich aktiv – und es sind keineswegs provinzielle Stubenhocker, die mit ihrer Zeit nichts Besseres zu tun haben. Da kann es schon mal passieren, dass man den Sprecher einer kulturellen Initiative ein paar Tage lang nicht erwischen kann, weil er, als Chef einer mittelständischen Firma, irgendwo in der Welt herumfliegt und Geschäfte abschließt. »Erst mal muss das Geld ja verdient werden«, sagte uns so einer zwischen Tür und Angel, und dagegen ist wenig einzuwenden.

Mit welch pfiffigem Know-how sich bergische Firmen auf den Weltmärkten unentbehrlich machen, das zeigt die »Bergische Expo 06« in ihrem Wuppertaler »Themenpark« vom 30. August bis zum 3. September. Da erfährt man zum Beispiel, dass mit Kabelzangen aus Wuppertal die Innereien des neuen Riesen-Airbus installiert werden. Dass Hochleistungskomponenten aus Remscheid den superstarken Bugatti und Formel 1-Wagen auf Touren bringen. Dass bergisches Know-how Auto-Airbags dann und nur dann platzen lässt, wenn es knallt – und dass bergische Tüftelei in Neuseeland Kiwis besser wachsen lässt. Und womöglich am erstaunlichsten ist die Erkenntnis, dass die malaysische Königsfamilie ihren Salat am liebsten mit Besteck aus Solingen isst. Hersteller des königlichen Bestecks ist die Solinger Traditionsfirma Carl Mertens. Sie gehört zu den Unternehmen, die den Klang des Namens »Solingen« konsequent als Signet höchster Qualität nutzen – in Abgrenzung zu Billigprodukten aus aller Herren Länder. Neben hochwertigen Materialien und bester Verarbeitung setzt die Firma Carl Mertens seit Jahren auf anspruchsvolles Design als Qualitätsmerkmal. Ihre Produkte sind mehrfach mit renommierten Designpreisen ausgezeichnet worden, werden in Museen geradezu als Kunstwerke ausgestellt.

Diese designorientierte Strategie haben sich auch mehrere andere Unternehmen im Städtedreieck zueigen gemacht – beispielhaft seien genannt: die Wuppertaler CI Composite Impules GmbH mit Rennrad aus Faserverbundstoff, das Ed. Wüsthoff Dreizackwerk und die item Industrietechnik und Maschinenbau GmbH in Solingen oder stotzdesign. com in Wuppertal.

Ein Beweis für das Engagement der bergischen Industrie beim Thema Produktdesign ist der ehemalige Solinger Hauptbahnhof, der jüngst zu einem Schmuckstück umgebaut wurde und als »Forum Produktdesign« Sitz des »Bergischen Instituts für Produktdesign und Innovationsmanagement« ist. Mehrere Firmen aus der Region haben den Umbau des maroden alten Bahnhofs unterstützt. Bis Oktober bietet die Ausstellung »Zukunft made in Solingen« im Bahnhof einen Eindruck vom Austausch zwischen bergischer Industrie und führenden europäischen Design-Hochschulen (siehe Seite S_18). Mit der Restaurierung gleich mehrerer denkmalwerter Gebäude hat sich Johannes Dinnebier um die Kultur des Bergischen Landes verdient gemacht. Der Inhaber der Dinnebier-Licht-GmbH Wuppertal ist zwar kein eingeborener Bergischer, lebt aber immerhin schon fast 50 Jahre in der Region und ist mit seinem Erfindersinn durchaus typisch für die Gegend. Dinnebier stammt aus Böhmen. Nach Abitur und Soldatenzeit hielt er sich in Deutschland über Wasser, indem er Leuchten aus überschüssigem Rüstungsmaterial baute und verkaufte. 1952 eröffnete er in Düsseldorf ein Leuchtengeschäft und begann, moderne Lampen aus Italien und Skandinavien zu importieren. Er kam mit Architekten in Kontakt und erfuhr, dass es für die moderne Architektur der Nachkriegszeit noch keine adäquaten Beleuchtungssysteme gab. Er dachte sich welche aus und machte »Licht verkaufen« zu seinem Beruf, als erster Lichtplaner in Deutschland.

Dinnebier entwarf die Lichtkonzepte für alle Düsseldorfer Flughafen- Bauten, er belichtete oder erleuchtete Banken, Airports in aller Welt, eine Moschee in Pakistan oder einen Zelt-Pavillon in Saudi-Arabien. Nicht möglichst viel Licht hatte er dabei im Sinn, sondern das richtige Licht, im Wechselspiel mit Gegenständen und Schatten. Häufig machte er sich auch Gedanken über die Akustik und das Klima der Räume, und gelegentlich fand er Wege, die Abwärme der eingebauten Leuchten zur Heizung und Kühlung zu verwenden. Er ist dabei auf die erstaunlichsten Ideen gekommen, mit der Unbekümmertheit des Autodidakten. Mit namhaften Architekten habe er sich darüber stets gut verständigt, sagt Dinnebier, »aber die Ingenieure haben mich gehasst.«

Der Kinder wegen ist Dinnebier früh von Düsseldorf ins Bergische Land gezogen. Vermutlich half ihm seine erfinderische Unbekümmertheit bei der Wahl seines Domizils: der abbruchreifen Bausmühle in Solingen. Er restaurierte das Gebäude, zog mit der Familie ein und begann auch die Produktion seiner Leuchten dort. Die Nachbarschaft vieler kleiner technischer Unternehmen, engagiert und flexibel, fand Dinnebier sehr hilfreich bei der Umsetzung vieler Leucht-Ideen. So blieb er im Bergischen, als er die Firma in ein größeres Gebäude verlegte. Diesmal war es gleich ein ganzes Schloss, Lüntenbeck in Wuppertal, das Dinnebier für sein Untenehmen und einige andere Firmen herrichten ließ. Dort ist der Firmensitz noch heute; dieweil Dinnebier in der Bausmühle weiterhin lebt. In deren Nachbarschaft hat er übrigens mal ein ganzes Ensemble von Fachwerkhäusern gekauft und renoviert, um dort eine moderne Vorschule nach amerikanischem Vorbild einzurichten, die er, sagt er, auch massiv unterstütze. Vor einigen Jahren setzte Dinnebier sein bislang sichtbarstes Zeichen im Bergischen, als er einen Wasserturm kurz vorm Abbruch rettete. Der Turm steht auf Solinger Gebiet – so recht weiß man im Dreieck nie, wo man ist. Dinnebier ließ anstelle des Wasserbehälters einen gläsernen Raum auf den Turm setzen und rüstete ihn mit einer ausgefeilten Licht-, Klima- und Akustikregie aus. Dorthin zieht er sich gern zurück, wenn er’s ruhig haben will. Der Turm wird aber auch für Veranstaltungen genutzt: Firmenpräsentationen, Gottesdienste, Konzerte. Das ist nicht immer ganz billig, aber Dinnebier lässt durchblicken, dass eher brotlose Künstler auf Entgegenkommen rechnen können, wenn er sich hat überzeugen lassen.

Zurzeit ist Dinnebier damit beschäftigt, der Wuppertaler Schwebebahn ein Lichterlebnis hinzuzufügen, bei der die Bahn gleichsam auf einer Lichtwelle daherkommt, die dem skurrilen Fahrzeug vor aus- und nacheilt. Das hat Dinnebier gemacht, obwohl man in diesen sparsamen Zeiten »fast noch Geld mitbringen soll«; sein Traum ist ein umfassendes Lichtkonzept für die ganze, für seine bergische Region. Ein im Vergleich zum böhmischen Autodidakten Dinnebier bodenständigeres Beispiel für kulturfördernde Unternehmen ist die Mozart AG in Solingen. Ein altes Familienunternehmen wurde zwar erst im Jahr 2000 als AG und unter dem Namen Mozart neugegründet, doch das tat der langen Tradition keinen Abbruch. Dr. Michael Schlipköter, der drahtige geschäftsführende Gesellschafter, gibt sich als Enkel des Firmengründers zu erkennen. Und Mozart war schon die erfolgreiche Rasierklingenmarke des damaligen Hauses Steinbrück & Drucks – zu Zeiten, als es auch Beethovenklingen, Schillerklingen und Rotbartklingen gab. Dass angesichts der Trockenrasierer-Welle ein kleineres Unternehmen mit Rasierklingen kein großes Geschäft mehr machen würde, habe schon sein Vater erkannt und das Unternehmen ganz auf Spezialklingen für Handwerk und Industrie umgestellt. Dafür ist der Name Mozart nun schon seit Jahren weltweit bekannt, deshalb sei die Umbenennung nur folgerichtig gewesen, meint der Chef.

Die Neugründung als AG hatte hauptsächlich einen anderen Zweck: Schlipköter wollte seine Mitarbeiter an dem Unternehmen beteiligen. Dafür waren die bürokratischen Hürden schließlich zu hoch, sagt er, aber der Gewinn des Unternehmens werde regelmäßig zu einem Drittel an die Mitarbeiter ausgezahlt. Auch werde die Belegschaft stets offen über die Situation des Unternehmens informiert. Damit wolle die Unternehmensleitung zeigen, wie wichtig ihnen eine qualifizierte und motivierte Mannschaft ist. Für diesen Schritt, mutmaßt Schlipköter, sei die Mozart AG wohl mit einem der Preise für »Lebendige Unternehmenskultur« ausgezeichnet worden – unter diesem Namen bündelt und fördert die Regionale 2006 herausragende soziale Initiativen von Firmen.

Allerdings hat das Unternehmen Mozart auch eine viel beachtete Kunstaktion ermöglicht, bei der der Solinger Künstler Alexander Kirberg während der Produktion vor den Augen der Mitarbeiter ein Kunstwerk schuf, das heute am Eingang der Firma steht. Im Allgemeinen aber, sagt Schlipköter, betreibe das Unternehmen Kultur- und Kunstförderung eher im Stillen. Zum Hauptbahnhof Solingen habe die Mozart AG beigetragen, natürlich werde das Klingenmuseum gefördert, außerdem das Museum Baden in Gräfrath, für Schlipköter ein besonders wichtiger Punkt. »Es geht auch nicht um gigantische Summen«, wiegelt er ab, »wir sind ein Unternehmen mit 100 Mann Belegschaft, da muss man sich auf ein, zwei Projekte konzentrieren und die dauerhaft fördern.«

Die Liste der für »Lebendige Unternehmenskultur« ausgezeichneten Firmen ist lang und enthält sehr unterschiedliche Unternehmen, die auf ganz verschiedene Weise Kultur beweisen. Sicher ist nahezu immer auch ein ganz prosaisches unternehmerisches Interesse damit verbunden. Aber zuweilen blitzt in Gesprächen ein ganz anderes Motiv auf: Die Leute lieben ihr bergiges Bergisches Land. Und das kann man ganz gut verstehen, wenn man, zum Beispiel, mit dem »Müngstener « durchfährt. Oder, noch besser, sich auf Johannes Dinnebiers Leucht-Wasserturm mit dem unglaublichen Rundblick einladen lässt. Wuppertal? Solingen? Remscheid? Man weiß es oft nicht recht, was man da gerade sieht. Egal: Bergisches Land. //

www.regionale2006.de/frames_luk.htm


07 / 2006

Tun, was man kann

Von: Martin Kuhna


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