Ludwig Hohlwein: Richard Strauss-Woche, 1910, München. Farblithografie, 111 x 74 cm © VG Bild Kunst, Bonn, 2014. Foto: Museum Folkwang, 2014

BLÄTTER, DIE DIE WELT BEDEUTEN

Die großen Dramen in DIN A1: Das Museum Folkwang zeigt »Theater für die Straße – Plakate für das Theater« und wirft zudem einen Blick zurück auf die 25-jährige Plakatgeschichte des Essener Aalto-Theaters.

 

TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

»Schweinebauch« – so nennt man in der Werbe-Branche liebevoll-despektierlich Anzeigen und Plakate ohne jede kreative Raffinesse, die ohne den Weg über das Hirn und Herz auskommen. Produktfoto, Name drauf – fertig. Mehr braucht es manchmal auch gar nicht, wenn man besagten Schweinebauch o.ä. unter das Volk bringen möchte. Bei Kinoplakaten funktioniert es ähnlich, da reicht oft die dramatischste Filmszene oder ein prominenter Kopf zur Ankündigung; meist ertränkt in digitaler Effektbearbeitung. Bei Theaterplakaten liegt die Sache anders – sie können als künstlerische Interpretationen des jeweiligen Stoffes gelesen werden und richten sich an ein Publikum, das, gerade bei den Klassikern, mit den Stücken vertraut ist. Und überhaupt – lässt sich im Medium Plakat noch etwas Innovatives erzählen über Faust, Macbeth, Hamlet?

Beim Gang durch die Ausstellung »Theater für die Straße – Plakate für das Theater« im Museum Folkwang, vorbei an rund 80 Plakaten aus den Jahren von 1826 bis in die Gegenwart, lässt sich die Frage mit einem ›Ja, doch‹ beantworten. Bei der Auswahl der Arbeiten ging es den Kuratoren nicht um einen repräsentativen Querschnitt, sondern darum, »die Bandbreite und mögliche Qualität gestalterischer Arbeiten zum Thema Theater aufzuzeigen«.

Eines wird deutlich: Je jünger das Medium Plakat, desto näher orientiert sich die illustrative Gestaltung am zu bewerbenden Theaterstück. Das Plakat zu »Jeanne Darc« von Eugène Grasset aus dem Jahr 1889 zeigt dann auch seine furchtlose Heldin, umschwirrt von Pfeilen und Hellebarden. Henri de Toulouse-Lautrecs Klassiker »Ambassadeurs/Aristide Bruant dans son Cabaret« könnte auch den Umschlag eines Kriminalromans zieren, und die, für die Jahreszahl sehr luftig bekleidete, Dame auf dem Plakat zu den Richard Strauss-Wochen in München (1910) von Ludwig Hohlwein wäre heute wahrscheinlich ein Szenenfoto und keine aufwändige Illustration.

Die Verwendung von Szenenfotos der jeweiligen Produktionen ist eben günstiger, als extra einen Illustrator oder Designer mit einer Illustration zu beauftragen. Aber eben auch entschieden langweiliger und uninteressanter, wie ein Blick auf den Teil der Ausstellung beweist, die die 25-jährige Plakatgeschichte des Essener Aalto-Theaters dokumentiert. Auch hier wurden Szenenfotos verwendet, die oft austauschbar sind. Dagegen wirkt der expressiv-illustrierte, schreiende Mann auf Johannes Grützkes »Meistersinger«-Plakat für das Aalto von 1988 weitaus emotionaler und markanter. Dass es auch anders geht, zeigt das »Macbeth«-Plakat von Feride Yaldizli (2013) – das Foto, auf dem eine junge Frau dem Betrachter ein blutverschmiertes Tuch entgegenstreckt, lässt genug Raum für die eigene Abstraktion.

Vor dem Hintergrund des bekannten Stoffes eine eigene Geschichte erzählen zu können, das ist die große Chance, aber auch eine Herausforderung für den Plakatgestalter. Gerade die osteuropäischen Gestalter haben bis in die 90er Jahre eine stark illustrative Tradition geprägt, was auch in der Ausstellung deutlich wird. Józef Mroszczaks popfarbenes Plakat für »Borys Godunow« (Polen, 1961) oder Henryk Tomaszewskis »Hadrian VII.« (Polen, 1961) dokumentieren die verschiedenen Stile und beeinflussten auch westliche Gestalter wie Horst Janssen bei seinem Plakat der »3 Groschen Oper« (1969). Vor Kitsch ist man aber auch hier nicht gefeit. Ebenso wenig vor politischen Botschaften, die im Rückblick oft großspurig wirken und mit dem Holzhammer daherkommen.

Wie so oft ist weniger mehr – wenn sich die großen Dramen der Theatergeschichte auf raffinierte, typografische Inszenierungen reduzieren, oder man das Plakat selbst für extravagante Eingriffe nutzt: Stephan Bundis mutwillig und brutal aufgekratztes Plakat für »Carmen«, das eine rote Fläche unter dem eigentlichen Plakat freilegt; Holger Matthies’ brennendes »E«, das sich aus dem Schriftzug »Kabale und Liebe« löst und in den Weißraum trudelt, oder aber Uwe Loeschs rhythmisch-kaputte Typografie für »Don Juan/Carmen«. Oder aber man lässt jeden gestalterisch-kreativen Bezug sausen und verlässt sich ganz auf die Bilder im Kopf und auf die Erwartung des Publikums – und druckt eine karge, in der »Futura« gesetzte, Tabelle wie für die Sommerspielzeit 1950 der Bühnen Essen.


Theater für die Straße – Plakate für das Theater, 8. März bis 15. Juni 2014, Museum Folkwang, Essen. Tel: 0201/8845 000. www.museum-folkwang.de

 

 

Design
03 / 2014

BLÄTTER, DIE DIE WELT BEDEUTEN

Von: VOLKER K. BELGHAUS


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