Der bundesdeutsche Reisepass und das Gegenbeispiel aus Norwegen. Fotos: BMI, politi.no

Hart an der Grenze

Reisen ist schön. Der neue deutsche Reisepass leider nicht.

TEXT VOLKER K. BELGHAUS

Straßenbahnsitzbezugstextildesign. Das ist meist nicht besonders hübsch, soll es aber auch nicht. Da die Sitze jahrelang mit Filzmarkern beschmiert wurden, gaben viele Verkehrsbetriebe irgendwann auf und entschieden sich, die Sitze mit Stoffen zu beziehen, deren bizarre Farbgebung von vornherein so aussieht, als wäre sie bereits beschmiert. Vorsätzlich schlechtes Design als Normalzustand. Diesen Eindruck kann man auch bekommen, wenn man sich den neuen deutschen Reisepass genauer anschaut, der seit Anfang März ausgegeben wird. 

Von Außen herrscht noch bordeauxrote Seriosität; Bundesadler und Schriften sind bürokratisch-langweilig auf die Mittelachse zentriert. Kern jedes Reisepasses sind die leeren Seiten im Innern, die durch exotische Stempel und Visa-Vermerke zu einem grafisch interessanten, visuellen Tagebuch werden können. Leere Seiten kann man sich nicht mehr leisten, der Pass muss als wichtiges Dokument Sicherheitsmerkmale haben, die ihn vor Fälschung schützen. Wie bei Banknoten gibt es auch hier sichtbare und unsichtbare Sicherheitsmerkmale. Sichtbar sind die filigranen Wellenstrukturen auf dem Papier, dazu eine Strichzeichnung des Brandenburger Tores in schräger Perspektive, die ebenso merk- wie fragwürdig angeschnitten ist.

Schaltet man das UV-Licht an, um die unsichtbaren Merkmale zu erkennen, fühlt man sich an die Straßenbahnsitze erinnert. Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht – der Bundesadler zieht sich holografisch schimmernd über die Seiten, mal sitzt er in der Mitte, dann wieder sind ihm am Seitenrand Kopf oder Flügelteile mutwillig abgeschnitten worden. Das Brandenburger Tor taucht auch wieder auf, diesmal in Zentralperspektive über grün-bläulichen Wellenmustern schwebend, die über die Seiten wabern. Darüber liegt der Schriftzug »BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND« in wilhelminisch-machtvollen Versalien, der an wellenförmigen Linien ausgerichtet ist. Ergänzt wird das Ganze durch Reihen von vielen eng gesetzten Sternen, die ebenfalls diesen Linien folgen und wahrscheinlich irgendwas mit Europa zu tun haben sollen. Um den Wahnsinn komplett zu machen, flirren kleine, bunte Rechtecke wie Konfetti über die Seiten.

Es sieht aus wie aus einem Grafikprogramm der 90er Jahre zusammengebastelt, belanglos und von gestalterischer Schlichtheit. Natürlich sind die Sicherheitsmerkmale wichtig, aber eigentlich sollte der Reisepass doch das Selbstverständnis seiner Nation widerspiegeln. Was sollen die Zöllner anderer Länder nur für einen Eindruck bekommen, wenn sie das Dokument aufklappen und dieser discofarbenen Kirmes-Optik ansichtig werden? Die Norweger sind da weiter – deren neue Reisepässe zeigen innen eine pastellfarbene Fjordlandschaft, die unter UV-Licht zur nordischen Nacht wird. Geheimnisvoll blau, violett und grün schimmernd; aus der Sonne ist der Mond geworden, am Himmel tauchen Schleifen von Polarlichtern auf. Das ist so schön, dass einem romantisch-eichen-
dorffesk im Gemüt wird und die Seele, die Seele eines Landes, weit ihre Flügel ausspannt.

Design
04 / 2017

Hart an der Grenze

Von: Volker K. Belghaus


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