Teile und schweige: Khaled, Wikström und seine Restaurant-Crew. Foto: Pandora

Film des Monats: »Die andere Seite der Hoffnung«

Aki Kaurismäki erzählt ein Flüchtlings-Schicksal – mit offenem Ende – und bekam dafür den Silbernen Bären.

TEXT ANDREAS WILINK

Nacht am Hafen. Der sprichwörtlich schwarze Mann taucht auf. Er hat die letzte Überfahrt nach Helsinki – hinter ihm liegt der lange Weg von Syrien – versteckt unter Kohlen verbracht. In einem öffentlichen Bad am Bahnhof säubert er sich, der ganze Ruß schwämmt weg. Darunter sehen wir: Khaled aus Aleppo, abgesehen von seiner unterwegs verloren gegangenen Schwester der letzte Überlebende seiner Familie. Er meldet sich bei der Polizei, die bringt ihn zur Aufnahmestelle, wo es buntscheckig zugeht, die Immigrations-Behörde erwartet ihn zur Anhörung, um über seinen Aufenthalt zu befinden. Das Gesicht von Sherwan Haji, nicht nur, wenn er von seinem Schicksal in der Heimat und während der Flucht erzählt, ist wie eine neutrale Maske – aber eine durchsichtige. Alles, was darunter liegt, lässt sich erahnen. Khaled muss neu anfangen. Aber darf er es auch? Als sein Asylantrag abgelehnt wird, taucht er unter. 

Parallel verlässt ein älterer Textilvertreter seine alkoholsüchtige Frau. Ende einer Ehe: ein Schlüssel zur Wohnung, ein Trauring, ein Glas Schnaps. Wikström will neu anfangen. Dafür braucht er Startkapital. Am Spieltisch eines illegalen Clubs setzt er alles – und gewinnt einen Berg Chips, was der soigniert wirkende Herr auch seinem Pokerface (Sakari Kuosmanen) verdankt. Er übernimmt, nach Zahlung einer Ablösesumme, ein Restaurant – verwunschen wirkend wie aus einem Märchen – samt Personal: Empfangschef, Serviererin, Koch. Dass es sich bei jeder der finnischen Figuren um einen skurrilen Typ handelt, muss man nicht extra erwähnen. Egal, ob sie sich als Sushi-Spezialisten kostümieren, Amtspersonen ein Schnippchen schlagen oder ob ledrige Alt-Rocker eine Gang von Skins in die Flucht schlagen. 

Kaurismäki erzählt zwei Geschichten, die sich an einem Punkt treffen, als Wikström den obdachlosen Khaled findet, bei sich in seinem Lokal aufnimmt und für ihn sorgt. Ähnlich wie schon einmal jemand, in Kaurismäkis »Le Havre« (2011), einem anderen Hafen und Fluchtort für einen Gestrandeten. Und mit der gleichen bezwingenden Empathie – hartnäckig, eigensinnig, zärtlich und hellwach, trotz der immer leicht schläfrig versonnenen Anmutung. Da ist kein Gramm zu viel. Die Ökonomie des Erzählens, die Lakonie in der Schilderung sozialer Befindlichkeit mit einer Präzision, die sich dank der Komik innerhalb der Verhältnisse eher noch steigert, und die Minimierung bis hin zu einer fast absoluten Form – das macht Aki Kaurismäki keiner nach. Dass er dafür auf der Berlinale den Silbernen Bär für die beste Regie erhielt, ist eine Bestätigung einer Könnerschaft, die jedem klar ist, der Augen hat zu sehen.  

Es gibt die Horden der Niedertracht, wenn Khaled von rechten Schlägern und Killern verfolgt wird, und die Scharen der Nothelfer und Herzensmenschen. Ob die einen oder die anderen am Ende obsiegen, lässt diese berührende, aber nicht naive Utopie offen. Es kommt darauf an, aus welcher Perspektive wir »Die andere Seite der Hoffnung« zu betrachten wünschen.

Finnland 2017; Regie: Aki Kaurismäki; Finnland 2017; 100 Min.

Film
04 / 2017

Film des Monats: »Die andere Seite der Hoffnung«

Von: Andreas Wilink


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