Nicht mehr direkt auf die Currywurst

Wir können auch anders: Joachim Król ermittelt als »Lutter« in Essen

Bei »Ruhrgebietskrimi« denkt man unwillkürlich an Currywurst und Förderturm, an Kommissar Haferkamps Buletten und Kommissar Schimanskis Morgengrauen. Wie letzterer vor 26 Jahren verschlafen am Fenster seiner verdreckten Wohnung stand und auf die qualmenden Schlote des Thyssen-Stahlwerks blickte: »Duisburg-Ruhrort«.
Die Ikonen des Ruhrgebiets sind – auch und gerade im Fernsehkrimi – längst zur Klischee-Tapete geworden. Also ist eine Renovierung nötig. Der neue Kommissar heißt Lutter, arbeitet fürs ZDF aber – wie sein ARD-»Tatort«-Vorgänger Haferkamp – in Essen, im Ruhrgebiet des Strukturwandels; auf dem Weg zur Kulturhauptstadt 2010. An zunächst zwei Abenden (24.2. und 17.3.) verstärkt »Lutter« den Mainzer Samstagskrimi, zur Prime Time um 20.15 Uhr. Das Format ist eigens für den Lutter-Darsteller Joachim Król entwickelt worden, und falls die Quote stimmt, wird die Reihe fortgesetzt. Auf diesem Sendeplatz gehen momentan Kommissare wie Bella Block oder Stubbe in Metropolen wie Hamburg oder Berlin auf Verbrecherjagd. Scheint so, als ob das ehemalige Schmuddelkind Ruhrgebiet da jetzt aufschließen könnte.

Die Schauplätze von »Lutter« jedenfalls legen das nahe: Industriedenkmäler statt hämmernder Maschinen, Hochhäuser statt rußiger Straßenzüge. Grünflächen und der von Willy Brandt einst geforderte »blaue Himmel«. Aber zwischen den Spiegelfassaden der Bürotürme blitzt die Vergangenheit durch. Ein Beispiel dafür ist der Aschenplatz des »FC Lindenbruch«, auf dem Lutter in der 2. Folge »Um jeden Preis« den Elfmeter genau 20 Meter über das Tor setzt, weil in diesem Moment und »zur besten Bundesligazeit« sein Handy klingelt und ihn zu einem Mordfall ruft. Auf diesem Platz in Essen-Katernberg entdeckte man Helmut Rahn, auch so ein Ruhrgebietsmythos und Fußballweltmeister von 1954; außerdem wurde hier, Ironie der Fernsehgeschichte, in den 70er Jahren der »Tatort« »Fortuna III« mit Hansjörg Felmy als Kommissar Haferkamp gedreht.

In den Haferkamp-Tatorten fungierte die Industrielandschaft des Ruhrgebiets aber allenfalls als optisches Hintergrundgeräusch. Ermittelt wurde vorwiegend im Mittelstand und in den höheren Kreisen. Es war die Zeit der sozial-liberalen Ära, man hatte es zu den »eigenen vier Wänden«, dem Bungalow oder dem Einfamilienhaus gebracht. Haferkamps Mordfälle passierten in Vorstädten wie dem fiktiven »Suddenrath«. Dreck und Lärm waren hier nur eine Ahnung, das Böse beherrschte die Wohnzimmer. Die Leichen lagen dekorativ auf Flokatis oder Fliesenböden zwischen Kamin und Eckbank. Das »Draußen« war für diese Innenwelten nur ein Fluchtpunkt. Auf den schon damals verlassenen Zechengeländen und Industriebrachen versteckten sich allenfalls zweifelhafte Gestalten, fanden konspirative Treffen und Verfolgungsjagden statt. Einzig die Folge »Fortuna III« (1976) nahm Aspekte der sozialen Wirklichkeit auf. In diesem »Tatort« diente das Zechensterben als Handlungshintergrund und Haferkamp kam zur Abwechslung mit der Lebenswelt der Arbeiter und Vereinskneipenbesucher in Berührung. Insgesamt aber wurde diese Außenwelt auf Distanz gehalten, die deutschen Wohnzimmer wurden zu Gemütslandschaften. Abends saß Haferkamp dann allein in seiner eigenen Wohnung, zurückgezogen von den Umständen, und hörte Jazz-Platten.

Von Distanz dieser Art hielt Horst Schimanski wenig. Der war fluchend, prügelnd und saufend mittendrin im grauen Duisburg, in vermüllten Arbeitersiedlungen, vor den staubigen Kulissen der Stahlwerke. Seine Leichen lagen in Hinterhöfen oder wurden aus dem Brackwasser des Duisburger Innenhafens gezogen. Schimanski kam aus dem Arbeitermilieu und benahm sich dementsprechend. So wurde er zu der Klischeefigur des Ruhrgebiets: Er sah so aus, er sprach und ernährte sich wie die, die man heute als »Prekariat« bezeichnen würde. In den 80er Jahren, der Zeit der »geistig-moralischen Wende«, nahm sich Schimanski die Freiheiten heraus, von denen andere nur träumten. Aber der Arbeiterkosmos in Duisburg war in Gefahr, man spürte die gesellschaftlichen Umbrüche. Ob Umweltverschmutzung durch illegale Giftmüllverklappung im Rhein (»Kielwasser«, 1984) oder Arbeitskämpfe gegen drohende Werksschließungen (»Der Pott«, 1989) – die sozialen und politischen Realitäten nahmen immer mehr Raum ein. Die Streiks um Thyssen-Krupp in Duisburg-Rheinhausen im Jahr 1988 dienten als Vorlage für die Folge »Der Pott«. Hier hieß das Unternehmen zwar »Weststahl«, rückblickend ist dieser »Tatort« aber ein Zustandsbericht und ein Gesellschaftsdokument dieser Zeit. Daran ändern auch ein ermordeter Gewerkschafter und der Sänger Rio Reiser nichts, der als Arbeitskämpfer mit leninesker Schiebermütze plakativ die Zeile: »Es ist Schicht, Ende, aus« ins Mikro sing-seufzen durfte.

Zehn Jahre später, als Schimanski in einer eigenen Krimireihe ermittelte, sorgte Duisburg noch einmal für Schlagzeilen. In »Rattennest« (1999) brannten Mülltonnen, lagen Junkies in dunklen Ecken und huschten Ratten durch Ruinen. Nach Ausstrahlung formierte sich im Duisburger Stadtrat Protest, man fürchtete um das Image der Stadt, war man doch gerade dabei, sich vom Bild der dreckigen Industriestadt zu lösen. Da die Politiker mit Ironie und Überzeichnung wenig anzufangen wussten, entbrannte in der Lokalpresse eine heftige Diskussion, mit dem Erfolg, dass der WDR die Zeile »Wir danken der Stadt Duisburg für die freundliche Zusammenarbeit« aus dem Abspann strich.

»Wir gehen nich’ direkt auf die Currywurst« sagt Schauspieler Joachim Król, angesprochen auf etwaige Klischee-Darstellungen in den »Lutter«-Filmen. Nein, aber direkt auf die Pommes. In seiner ersten Szene streift sich Lutter das Trikot seines Hobby-Fußballvereins »Essen Rot-Weiß« über, das anstelle eines Vereinswappens eine stilisierte Tüte Pommes ziert. »Essen is’ fertig« hieß dann auch die erste Folge der Krimireihe, die die Macher als »moderne Sozialkrimis« verstanden wissen wollen. Es werden große sozialpolitische Themen behandelt, wie Korruption beim Bau eines Einkaufszentrums oder die Personalpolitik eines Drogerie-Discounters. Aber der Fokus liegt bei diesen Fällen auf den »kleinen Leuten«, die im Strukturwandel ihren Platz suchen. Es geht aber nicht mehr um die Kohlekumpel, sondern um Händler, deren Läden den Bauplänen der Zukunft im Weg stehen oder um vom sozialen Abstieg bedrohte Verkäuferinnen. Das kleine Leben im großen Ganzen.

Als Kulisse dient das gegenwärtige Essen zwischen Schrebergarten und Hochfinanz. Lutters Wohnung befindet sich direkt über dem Vereinslokal am Fußballplatz, eine jener charmant-unaufgeräumten Junggesellen-Behausungen; an den Wänden hängen Poster von Charlie Parker und dem Jazz-Label »Blue Note Records«, eine Reminiszenz an Kommissar Haferkamp. Lutter ist aber kein proletenhafter Ermittler wie Schimanski, er geht gern gut essen und ins Theater. Er flirtet mit der türkischstämmigen Staatsanwältin Jale Deniz (Sascha Ö. Soydan), und man kann froh darüber sein, wie selbstverständlich dieser Aspekt des multikulturellen Lebens im Revier behandelt wird. Nein, sie trägt kein Kopftuch und nein, sie spricht auch keinen lustigen Akzent. Dafür reagiert sie auf Lutters Flirtversuch mit dem Satz: »Eine türkische Frau über 25 glaubt nicht mehr an die Liebe, sondern nur noch an die Karriere!«

Joachim Król, in Herne geboren und ehemaliges Ensemblemitglied des Bochumer Schauspielhauses, ist in der Rolle des Lutter sehr bei sich. Er wirkt auf leichte Art authentisch; da er, wie er sagt, »endlich reden kann wie ich will.« Vertraute Orte und vertraute Sprache zeichnen die Figur aus. »So wie sich Lutter anfühlt, war das ein sehr kurzer Weg«, sagt Król. Ihm liegt viel an der Rolle, sieht er sich doch auch als Repräsentant für das heutige Ruhrgebiet. Er selbst hat den schmerzlichen Strukturwandel aus nächster Nähe miterlebt. Deswegen ist ihm wichtig, bei allen neuen Entwicklungen, die Vergangenheit nicht zu vergessen. Es sei »das Echo von früher«, so Król, und das ist »oft nicht romantisch, eher traurig.«

Das macht eine Szene aus der zweiten Folge »Um jeden Preis« deutlich. Lutter muss der Mutter des Ermordeten die Todesnachricht überbringen. Diese wohnt in einer dieser konserviert-zeitlosen Bergarbeitersiedlungen, sitzt in einem Wohnzimmer der Vergangenheit und zeigt Lutter fast ausschließlich Jugendfotos ihres Sohnes, dem Manager einer Discount-Kette. Als Lutter fragt, wann sie ihn zum letzten Mal gesehen habe, ist da nur noch Schweigen. Auf dem Weg von den Kaninchenställen der Hinterhöfe an die Konferenztische der Global Player ist einiges auf der Strecke geblieben.

Jenes »Echo von früher« wird immer wieder durch Andeutungen und Zitate betont. So heißt Lutters Kollege nicht umsonst »Bergmann« (Lukas Gregorowicz); der Hund eines Verdächtigen trägt den Namen »Lippens« (nach dem Fußballer Willy »Ente« Lippens). Auf der Zapfanlage vom »Höckenrath«, Lutters Vereinskneipe, steht ein kitschiger Kohlebrocken mit aufgeklebten Messing-Förderturm; und beim Anblick der Tristesse der Drogeriezentrale zitiert Lutter den Essener Schauspieler Heinz Rühmann: »Hübsch-hässlich habt ihr’s hier!« Und dann ist da diese Szene in der zweiten Folge, die viel erklärt über Lutters Selbstverständnis und die Lebenswirklichkeit in Essen. Lutter bringt die Drogerie-Filialleiterin Monika Lorenz (Susanne Uhlen) im Dienstwagen nach Hause und erzählt ihr, wie er als Junge seinen Vater von der Zeche abholte und eines Tages ein Kollege seinem Vater drohte, dass er ihn eigenhändig kaputtschlagen würde, wenn er den Sohnemann irgendwann auf der anderen Seite des Zechentors sehen würde. Das ergänzt Lutter mit dem typischen Król-Lächeln im Gesicht: »Nix mit Zechenkarriere. Jetzt bin ich Bulle und fahr schöne Frauen nach Hause.«

Abgesehen von dieser sachlichen Affirmation der Umstände, spürt man bei Lutter/Król eine Art von Hochofensehnsucht, eine Melancholie, die vor allem die ruhigere zweite Folge durchweht. Auf der Zeche Zollverein hätte man früher keinen Toten unauffällig und ungestört ablegen können. Trotz des schnellen Vorspanns, der dramatischen Musik und der hellen Überblendeffekte ist »Lutter« aber kein »CSI Katernberg«, sondern ein Zustandsbericht des Ruhrgebiets und seiner Bewohner.

Haferkamp und Schimanski sind ebenso Geschichte wie das Ruhrgebiet von vor 20 Jahren, sie sind beide Vertreter früherer Lebenswelten. Schaut man sich heute einen Schimanski von damals an, ist das fast Heimatkunde: Man kann sehen, wie der Duisburger Innenhafen in seiner ursprünglichen Funktion aussah, bevor er zum edlen Stadtquartier wurde. Vor dem heutigen Museum Küppersmühle stehen riesige Getreidesilos. Oder Haferkamp, der bei der Fahrt durch die Essener Innenstadt an einem riesigen Loch vorbeikommt – damals wurde gerade die U-Bahn gebaut.

Fertig ist Essen immer noch nicht, an derselben Stelle wie damals klafft wieder ein Loch, diesmal für ein Megakaufhaus, und die Türme rund um das (fiktive) Kommissariat im »Haus der Technik« sehen ein wenig nach Metropole aus – vor allem in der sommerlichen Dämmerung, wenn die Autos auf der A 40 ihre Lichter eingeschaltet haben. Essen und das Ruhrgebiet basteln heftig an einem neuen Bild von sich – metropolischer, luttermäßig sozusagen. Oder um es mit dem Schlachtruf von Lutters Fußballverein zu sagen: »Essen Rot-Weiß!! Denn die Anderen sind auch nicht besser wie wir!!« //

»Lutter«, 24.02.07 (»Essen is’ fertig«) und 17.03.07 (»Um jeden Preis«) um 20.15 Uhr, ZDF; www.zdf.de

Film
03 / 2007

Nicht mehr direkt auf die Currywurst

Von: Volker K. Belghaus


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