Foto: M. Kuhna

DAS GROSSE J

Die Geschichte der Rebecka Rosenberg

 

TEXT: MARTIN KUHNA


»Bitte – nicht zu viel Leid in der Geschichte«, sagt sie am Ende des Gesprächs und verzieht das Gesicht: »Das will ich nicht.« Betroffenheitskult ist ihr zuwider. Also sprechen wir von ihrem Namen, denn die Geschichte ihres Namens ist so vielsagend wie komisch. Als dem 33-jährigen überlebenden Juden Abraham-Menachem Benet 1950 eine Tochter geboren wurde, in Berlin, da wollte er ihr keinen »unauffälligen« Namen geben. Heute sind hebräische Namen Mode, aber damals hieß kein Mensch in Deutschland Rebekka, sagt die 54-jährige: »Erst seit ein paar Jahren dreh’ ich mich nicht mehr um, wenn jemand auf der Straße Rebekka sagt.« Vater Benet setzte noch eins drauf und wollte seine Tochter Sara-Rebekka nennen. Das mag eine Spitze gewesen sein gegen jene Zwangsnamen Sara und Israel, die die Nazis den Juden angehängt hatten. »Ich bin nicht sicher«, sagt die Tochter, »aber es ist möglich, dass mein Vater daran gedacht hat.«

Indes ist nicht nur der Tod ein Meister aus Deutschland, sondern auch der Bürokrat, und so traf der polnische Jude Benet in Berlin auf einen deutschen Standesbeamten, der diese jüdische Vorwitzigkeit im Keim erstickte: »Rebekka? Sowas schreibt man hier bei uns mit Cecka!« schnarrte der Mann, ehe er den Stempel knallen ließ, und so steht’s bis heute in ihrem Ausweis: Sara-Rebecka. Eine Schreibweise, die allenfalls in Schweden als gewöhnlich gelten darf. Rosenberg übrigens klingt besonders jüdisch, aber so heißt Sara-Rebecka nach ihrem Ehemann. Der ist gar kein Jude.

Ihre Eltern waren weitläufig miteinander verwandt und hießen immer schon beide Benet: Abraham-Menachem und Schlomit, geboren 1917 und 1915 in Lodz. Das war nur einige -zig Kilometer von der deutschen Ostgrenze entfernt und doch eine andere Welt. Zweitgrößte Stadt Polens, zweitgrößte jüdische Gemeinde des Landes. Sara-Rebecka Rosenberg zeigt ihr Lieblingsfoto: Männer stehen auf der Veranda eines Hauses beisammen, alle bärtig,  mit dunklen Mänteln und Mützen. Fremd. Der zweite von rechts: Chajm-Hersz Benet, Vater ihrer Mutter. Sie sehe ihm ähnlich, sagt sie. Sie fühlt sich ihm nah. Er war Verwaltungsangestellter bei der Gemeinde Lodz. Die Benets lebten traditionell-jüdisch, schienen aber in der Gesellschaft angekommen, auch wenn es in der väterlichen Familie bescheidener zuging als in der  mütterlichen.

Als 1939 die Deutschen marschierten, wurde Rosenbergs Vater zur polnischen Armee eingezogen, geriet in sowjetische Hände und wurde von den damaligen Paktpartnern Deutschlands nach Sibirien verschleppt: »Da hat er in einem Bergwerk gearbeitet und den Krieg vergleichsweise gut überlebt.« Seine Familie? »Nobody knows«, sagt Rosenberg, aber das klingt weniger flapsig als nach einem Versuch, den dumpfen Klang der Aussage zu mildern. Lodz zählte seit November 1939 zum »Warthegau« und damit zum Deutschen Reich; seit April 1940 hieß die Stadt »Litzmannstadt«, und zur gleichen Zeit wurden die Juden zusammengetrieben: Getto! Die Familie der Mutter konnte im eigenen Haus bleiben, weil es im neuen Getto stand – musste es aber mit vielen anderen Leuten teilen. Enge und Hunger wurden immer schlimmer. Der Großvater war zeitweise im »Judenrat«, den die Deutschen an der Organisation des Elends beteiligten: »Das hat ihn deprimiert und krank gemacht.«

Im August 1944 wurden 65.000 übriggebliebene Juden deportiert, darunter Schlomit Benet mit ihren Eltern und Geschwistern. Das Ziel der Deportation war nicht weit: Auschwitz. Sara-Rebeckas Großeltern »sind vermutlich bald vergast worden. Sie waren ja alt und krank.« Schlomit und ihre Geschwister überstanden die letzten Monate des Lagers Auschwitz und wurden dann durch verschiedene andere Lager – »sie sagten nie KZ, immer nur Lager« – nach Bergen-Belsen geschleppt. Bergen-Belsen klingt heute weniger unheilvoll als Auschwitz, doch Bilder aus Belsen waren es, die zuerst die Welt entsetzten: von britischen Soldaten, die mit Bulldozern ausgemergelte Leichen in Gruben schoben. »Das muss eine Hölle gewesen sein«, sagt Sara-Rebecka Rosenberg. Ihre Tante Mascha starb darin. Die Mutter und der Onkel Abraham wurden am 14. April 1945 befreit. »Ich weiß nicht, warum ich übriggeblieben bin«, pflegte Schlomit Benet später zu sagen, »aber das ist mein zweiter Geburtstag.« Den auch ihre Kinder nie vergessen durften.

Die Alliierten bringen Schlomit Benet in ein Berliner »DP«-Lager. »DPs« sind »Displaced Persons«, Menschen, die von der Maschinerie des Krieges und des Völkermords irgendwo aufgesogen und an anderer Stelle wieder ausgespuckt wurden. Menschen, die nirgendwo mehr hingehören, deren Heimat in Polen ausgelöscht ist und die auch in Deutschland nichts hält außer der Frage: wohin? Die Kunde von den Lagern verbreitet sich bis in die Sowjetunion. Auch Abraham-Menachen Benet in Sibirien hört davon, und weil er ahnt, dass in Lodz niemand mehr auf ihn wartet, macht er sich auf den Weg nach Berlin. Dort trifft er 1945 seine Cousine Schlomit.

1946 heiraten sie. »So schnell, so früh« – die Tochter hat sich gefragt, warum. »Es war ein typisches Phänomen in den Lagern«, sagt sie: Traditionell erzogene Juden heirateten ohnehin früh. Und wo sie sonst nichts und niemanden hatten, würden sie wenigstens einander haben. Und sie konnten einen neuen Anfang machen mit dem Leben: Schon 1947 wird Zwi geboren, der erste Sohn, und 1948 Rosa-Bella, die erste Tochter. Wie fast alle in Deutschland gestrandeten Juden sitzen auch die Benets auf gepackten Koffern. Sie hoffen auf ein Leben in den USA, doch Schlomits fragile Gesundheit überzeugt den Vater irgendwann vor 1950: Es geht nicht.

Zudem ist Zwi ein krankes Kind; Rosa-Bella stirbt 1949 an einem Herzfehler. Die Krankheiten der Kinder und der Mutter haben einander vermutlich verstärkt. Die Krankheit der Mutter aber heißt wohl, im letzten Grund, »Getto« und »Auschwitz« und »Belsen«: »Sie war nicht nur physisch schwach, sie war auch psychisch demontiert«, sagt die Tochter. Dennoch wird 1950 Sara-Rebecka geboren. Da haben sich Benets mit der Vorstellung abgefunden, in Deutschland zu bleiben. Wenn es eines Hinweises bedurft hätte, was das hieß, so gibt ihn der Standesbeamte, der Sara-Rebecka ihr »ck« aufzwingt und den Juden Benet in seine Schranken weist, übrigens fast auf den Tag zwölf Jahre nach dem Pogrom 1938, denn Sara-Rebecka ist am 8. November geboren.

»Von meinem Vater und seiner Geschichte weiß ich eigentlich wenig«, sagt Sara-Rebecka Rosenberg. Die Mutter und ihr Leiden an der Vergangenheit dominieren. Sie schreit, zum Beispiel, nachts nach ihren ermordeten Eltern: »Das habe ich auch gehört, als Kind, und dann habe ich gesehen, wie mein Vater versucht hat, sie zu trösten.« Später erzählt die Mutter den Kindern »immer die gleichen Geschichten aus den Lagern: Wie sie geschlagen wurde, wie sie gestohlen hat, um zu überleben.« Sie versucht vergebens, sich das alles von der Seele zu reden. Je mehr sie aber redet, desto mehr verstummt der Vater, dessen Geschichte als Kriegsgefangener dagegen kaum wiegt. Auch über dem quälenden Kampf um eine Rente, um Entschädigung wird die Mutter krank. Dass sie zu NS-Prozessen als Zeugin fahren muss, setzt ihr zu. Nach einem dieser Prozesse sagt sie: »Die können mich mit der Polizei abholen – ich werde nie wieder aussagen.«

Trotz wechselnder Fortüne als Kaufmann kann Abraham-Menachem Benet seiner Familie einen bescheidenen Wohlstand bieten. Mit Hilfe der »Wiedergutmachung« wird 1954 ein kleines Haus auf großem Grundstück gekauft; der Garten ist fortan das »Eden« für die Mutter. »Ich bin in einem sehr jüdischen Kontext aufgewachsen«, erinnert sich die Tochter. Jüdisch heißt bei den Benets aber auch: polnisch-jüdisch. Gesprochen wird jiddisch und, wenn die Kinder nichts verstehen sollen, polnisch. Mit den Nachbarn grüßt man sich, doch gesellschaftliches Leben findet mit Deutschen nicht statt. Freunde – das sind andere Juden aus Polen. Wenn die zu Besuch kommen, erlebt Sara-Rebecka ihre Eltern unbefangen, froh und gelöst.

Doch je älter die Tochter wird, desto mehr überwiegt für sie der Eindruck, dass Jüdischsein vor allem mit strengen Regeln zu tun habe und mit schwer zu fassendem, düster lastendem Leid. So viel die Mutter auch davon reden mag – wirklich sprechen kann man nicht darüber. Parallel entsteht ein wachsendes Gefühl des Andersseins. Als sie in die Schule kommt, trimmt sie ihre Sprache auf Hochdeutsch, denn: »Ich hab’ gejidelt.« Die jiddische Muttersprache ihrer Eltern hat so stark auf Sara-Rebeckas Deutsch abgefärbt, dass es ihr peinlich ist. Sie gewöhnt es sich konsequent ab. Zu hören ist davon nichts mehr, wogegen ein feiner Berliner Akzent auch nach über zwanzig Jahren in Westfalen nicht verschwunden ist.

Anders bleibt sie in der Schule dennoch, und unbedarfte Lehrer tragen zu dem Gefühl bei. Der eine nennt Sara-Rebecka vorbildlich, »obwohl sie doch keine Deutsche ist«. Der andere fragt gedankenlos: »Was macht ihr denn an Weihnachten?« Ergebnis: »Ich wollte unbedingt Weihnachten feiern …« Als sie 18 ist, tritt sie aus der jüdischen Gemeinde aus. Wenig später zieht sie bei den Eltern aus, wohnt allein, in Wohngemeinschaften. Es ist die Zeit kurz nach Achtundsechzig, und Sara-Rebecka tut, was viele junge Leute tun. Doch sie mutet das Eltern zu, die ohnehin als Verletzte durchs Leben gehen. Die Schwierigkeit, sich von solch traumatisierten Eltern zu lösen, hat das Leben vieler Opfer-Kinder geprägt. Aber das erfährt sie erst viel später.

Dass sie einen nichtjüdischen Deutschen heiratet und mit ihm nach Soest zieht, mag noch ein Element protestierender »Chuzpe« enthalten haben, sagt Sara-Rebecka Rosenberg, auch wenn es eine Liebesheirat gewesen sei. Doch bald darauf beginnt ihr inneres Pendel umzuschwingen. Nicht nur, dass sie fasziniert ist von allem, was mit dem »J« zu tun hat, dass sie Bücher zum Thema verschlingt – sie möchte sich auch wieder zu ihren jüdischen Wurzeln bekennen. Ein erster Versuch in der Dortmunder Gemeinde versandet, offenbar noch halbherzig. Die Geburt ihrer Söhne weckt dann den Wunsch, ihnen einen Zugang zum Judentum zu eröffnen, »und mein Mann hat das positiv toleriert.« Mitte der 90er Jahre wird Sara-Rebecka Rosenberg Mitglied der jüdischen Gemeinde Dortmund. Ende eines 20 Jahre währenden Irrwegs? »Es musste wohl so lange dauern«, sagt Rosenberg.

Nicht zufällig, sagt sie, gebe es erst seit einigen Jahren »Esra« in Berlin und ähnliche Vereine in anderen Ländern, wo sich Überlebende der Schoa, mehr und mehr aber auch ihre Kinder, treffen und aussprechen können. Dort wird immer wieder deutlich, wie sehr Erinnerungen aus Gettos und Lagern in den Familien fortwirken. Der ohnehin schmerzhafte Prozess, in dem Kinder sich von ihren Eltern lösen, wird bei den schwer traumatisierten Opfern der Schoa oft unmöglich – oder von starken Schuldgefühlen begleitet. Wenn schon Millionen deutscher Kinder mit der Bemerkung abgebürstet wurden, dass sie eben nicht wüssten, was Krieg bedeutet – wie erst sollte man die gequälten Opfer des Holocaust kritisieren, auch wenn sie manchmal wunderlich gewesen sein mögen? Wie hätte man Aufmerksamkeit für die eigenen Sorgen verlangen können angesichts dessen, was die Eltern überlebt hatten? Es hat fast 50 Jahre gedauert, ehe die Opfer-Kinder begreifen konnten, was ihnen widerfahren ist, welche Tabus da herrschten, woher Überreaktionen rührten wie Rosenbergs jahrelange äußere Distanz vom Judentum. Heute zählt sie »Esra« zu den Fundamenten ihres neu gefundenen Gleichgewichts.

»Zwischen den Stühlen« sei wohl ihre Heimat, meint Sara-Rebecka Rosenberg; sie hat sich, so scheint es, an diesem unbequemen Ort halbwegs eingerichtet, sie sei weit mehr mit sich im reinen als noch vor zehn Jahren, sagt sie. Sie hat ihre Identität, ihre jüdischen Wurzeln wiedergefunden. Von ihren Eltern – sie starben 1994 und 1996 in Berlin – spricht sie ohne Sentimentalität, aber mit großer Wärme. Sie hat wieder jüdische Freunde, nachdem sie 20 Jahre lang den Kontakt gemieden hatte. Sie empfindet Judentum nicht mehr als gleichbedeutend mit Opferrolle, mit Trauer. Es hat lange gedauert, bis sie selbst das begreifen konnte; es ist ihr wichtig, das weiterzugeben: »Judentum ist nicht nur Schoa«, sagt sie, »sondern lebhaft, lebendig, sehr nah am praktischen Leben.« Auch gutgemeinte Betroffenheit neigt jedoch dazu, Juden immer wieder in die Opferrolle zurückzudrängen. Deshalb möchte sie nicht, dass diese Geschichte von zu viel Leid handelt.

Aber was ist zu viel?

 

Kulturgeschichte
05 / 2005

DAS GROSSE J

Von: MARTIN KUHNA


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