Fotos: Markus J. Feger

Ein bisschen Ausland

Kleiner Grenzverkehr: Deutsche und Niederländer besuchen sich gerne. Auf der Suche nach Dingen, die es im eigenen Land nicht gibt.  

TEXT FABIAN BUSCH

Die Deutschen fahren in die Niederlande …

… zum Einkaufen: Auch unter der Woche steht der Nolensplein in der Mitte von Venlo voll mit deutschen Autos – fast täglich fallen die Nachbarn für Einkaufstouren ein. Kaffee ist in den Niederlanden etwas günstiger als in Deutschland, Getränkedosen haben keinen Pfand. Ansonsten gibt es im Supermarkt »Die 2 Brüder von Venlo« alles, was der Deutsche an den Niederlanden schätzt: Käse, Tulpen, Fisch. Die Preisunterschiede sind so klein, dass sich eine Einkaufstour für Menschen aus dem Ruhrgebiet eigentlich nicht rechnet. Aber darauf komme es gar nicht so an, sagt eine Deutsche mit Fisch und Kaffee im Einkaufswagen. »Es geht einfach um die Atmosphäre.« 

… für den kleinen Kick: Über die Grenze zum Kiffen – diese Attraktion geht Niederländern gehörig auf die Nerven. Aber die liberale Haschischpolitik gehört für viele Deutsche zum Hollandbild. Das gilt vor allem für Amsterdam: Von den jährlich sieben Millionen Stadtbesuchern suchen angeblich 1,5 Millionen einen Coffeeshop auf. Einen Kick können sich aber auch Menschen holen, die mit Rauchen nichts am Hut haben. Bei niederländischen Lakritz-Produkten ist ein Salmiakgehalt von bis zu acht Prozent zugelassen, das Vierfache vom Grenzwert der deutschen Produktion. Dafür nehmen Deutsche auch etwas höheren Blutdruck in Kauf.

… zur Erholung: Lekker fietsen – entspannt Fahrrad fahren. Wo ginge das besser als in dem Land, das auch für die Radwege Abbiegespuren bietet! 32.000 Kilometer ist das niederländische Radwegenetz insgesamt lang. Für Schiffsliebhaber sind 41.600 Quadratkilometer vielleicht die spannendere Zahl: So groß ist die Wasserfläche. Und dort kann man auch ohne Bootsführerschein Kapitän eines Hausboots werden, das kürzer als 15 Meter ist. 

… fürs Studium: Mehr als 25.000 Deutsche studieren in den Niederlanden. Damit ist das Land das wichtigste Ziel deutscher Studenten, die im Ausland nicht nur ein Austauschsemester verbringen. An der Fontys-Hochschule in Venlo sind sogar mehr als die Hälfte der rund 4000 Studierenden Deutsche. Warum ist das so? »Es gibt hier Studiengänge auf Deutsch«, erklärt der Raumplaner Vincent Pijnenburg, der an der Hochschule promoviert. Zudem würden niederländische Dozenten ihren Unterricht ein Stück weit praktischer gestalten. 

Die Niederländer reisen nach Deutschland …

… zum Einkaufen: Günstigeres Benzin ist für Niederländer ein häufiger Grund, die Grenze zu überqueren. Und wenn man schon da ist, kann man auch gleich noch Bier und Wein besorgen. Da die Steuer auf alkoholische Getränke in Deutschland niedriger ist, als im Nachbarland, ist der Getränkemarkt in Kaldenkirchen das Pendant zum Nolensplein in Venlo. 

… für eine engere Zusammenarbeit: Die Grenzprovinz Limburg war gewissermaßen ein Nachzügler, sie gehört erst seit 1815 zu den Niederlanden. Im Rest des Landes wurde sie lange als Randgebiet wahrgenommen. Seit Öffnung der Grenzen liegt sie plötzlich mitten in Europa, näher an Deutschland und Belgien, als das übrige Land. »Das hat Limburg auch Selbstbewusstsein verschafft«, erklärt Vincent Pijnenburg. Während der Austausch auf wirtschaftlichem Gebiet schon seit Jahrzehnten geräuschlos funktioniert, versuchen Kommunen wie Venlo jetzt auch politisch die Zusammenarbeit zu intensivieren. Der Stadtrat von Venlo hat eine eigene Arbeitsgruppe eingesetzt, die die Kontakte zu deutschen Städten in der Nachbarschaft intensiveren soll. 

… in die Berge: Die höchste Erhebung der Niederlande, der Vaalserberg im niederländisch-belgisch-deutschen Dreiländereck bei Aachen, ragt 322 Meter in die Höhe. Da das gerade Skifahrern nicht reicht, führt ihr Weg oft weiter ins Sauerland. Das Mittelgebirge beschert mehr als 200.000 Niederländern jährlich einen Höhenrausch, den das eigene Land nicht bietet. Inklusive Glühweinrausch auf dem Weihnachtsmarkt. 

… zur Kultur: Ganz Nordrhein-Westfalen zählt pro Jahr sogar rund 700.000 niederländische Touristen. Die kommen auch wegen des Kulturangebots, etwa wegen der Museen in Köln und Düsseldorf. »Auch die Industriekultur im Ruhrgebiet ist sehr spannend«, findet Pijnenburg. Das alles muss nicht bedeuten, dass der Niederländer keine eigene Kultur hätte. Die bekanntesten Museen und Theater des Landes stehen aber im Ballungsraum der großen Städte wie Amsterdam, Rotterdam und Utrecht. Die Rhein-Ruhr-Region ist für die Menschen aus der Grenzregion einfach näher.

Kulturgeschichte
04 / 2017

Ein bisschen Ausland

Von: Fabian Busch


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