Heino Heinrich Heine, Gemälde von Gottlieb Gassen, 1828. Heinrich-Heine-Institut, Düsseldorf

Gemüt hat nur der Deutsche

Sängerwettstreit: Heino wird 70 und Heine gratuliert

Moderation: Ulrich Deuter und Andreas Wilink

//   Die deutsche Kultur hat Einzigartiges hervorgebracht: den Schrebergarten, den rheinischen Karneval und natürlich das Kunstlied. Für Letzteres stehen Namen wie Schubert, Schumann, Brahms als Komponisten oder Rückert, Eichendorff, Heine als Dichter. Höchste Zeit allerdings, dass ein weiterer Name dem Kranze eingeflochten wird: Heinz-Georg Kramm. Der Interpret unzähliger unsterblicher Lieder wird im Dezember 70 Jahre alt. Grund für ein Gespräch mit dem in Düsseldorf geborenen und in der Eifel lebenden Sänger, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Heino. Dem Anlass angemessen haben wir als Gesprächspartner für Heino einen Fast-Namensvetter, Ganz-und-gar-Landsmann sowie am selben Dezember-Tag Geborenen hinzu gebeten: Heine!   //

K.WEST: Herr Heino – wir dürfen Sie doch so nennen? –, im Dezember werden Sie 70 Jahre alt …

HEINO: Ich bin am Dienstag, dem 13. Dezember 1938, in Düsseldorf geboren. Wir wohnten in Oberbilk, einem Arbeiterviertel. Als ich später meine Stimme abgeben durfte, habe ich immer SPD gewählt.

K.WEST: Verzeihen Sie, Herr Heino, K.WEST ist eine Kulturzeitschrift. Wir wollen nicht über Politik reden. Sondern über Kunst und das Künstlerleben. Es ist sicher kein Zufall, dass außer Ihnen, Herr Heino, noch ein anderer großer Künstler am selben 13. Dezember geboren ist, und dies ebenfalls in Düsseldorf …

HEINE: Düsseldorf ist sehr schön, und wenn man in der Ferne an sie denkt und zufällig dort geboren ist, wird einem wunderlich zu Mute.

K.WEST: Kennen die Herren einander eigentlich?

HEINO: (schweigt irritiert)

HEINE: (schweigt abweisend)

K.WEST: Nun denn. – Herr Heine, Sie residieren immer noch in Paris. Sie Herr Heino, aber leben in der Eifel.

HEINO: Im August 1980 sind wir in Bad Münstereifel eingezogen. Es war sozusagen eine zweite Hochzeit: der Beginn eines neuen Lebensabschnittes. In einen Raum neben unserem Schlafzimmer ließen wir Warmwasser legen und alles so gestalten, dass daraus einmal das Kinderzimmer werden konnte. Wir wünschten uns ein Kind. Hannelore nahm auch die Pille nicht, und wir waren wirklich fleißig. Aber es hat nicht funktioniert. Ein trauriger Punkt in unserem Leben.

HEINE: (nickt): Aus meinen großen Schmerzen mach ich die kleinen Lieder; die heben ihr klingend Gefieder und flattern nach ihrem Herzen.

HEINO: (zu Heine gewandt): Ich bin eben nicht abgebrüht, trotz aller Erfahrung, ich habe Hemmungen, bin eigentlich kein Mann für die Öffentlichkeit eher ein Einzelgänger, der für sich allein sein will.

HEINE: Es ist ja natürlich, dass kein Vogel über sich selbst hinauszufliegen vermag.

HEINO: Schuster bleib bei deinen Leisten, dieser Grundsatz hat sich für mich bewährt.

K.WEST: Aber gelernt haben Sie doch Bäcker!

HEINO: Ich ging bei Bäckermeister Theodor Voss in die Lehre. Das war hart. Die Arbeit begann morgens um vier. Brötchen und Brote formen, Mehlsäcke schleppen, Torten aufbauen, die Backstube ausfegen. Ich habe damals gelernt, dass ich Luxus nicht brauche, um glücklich zu sein.

HEINE: Das weckt in mir die wehmütig heitere Erinnerung, wie ich einst als ein kleines Bübchen, in einer dumpfkatholischen Klosterschule zu Düsseldorf den ganzen lieben Vormittag von der hölzernen Bank nicht aufstehen durfte.

HEINO: Ich ging nach der zehnten Klasse von der katholischen Knabenschule an der Stoffeler Straße ab. Führung: sehr gut. Ich habe damals schon den ganzen Tag gesungen, mit einer hohen Piepsstimme. Singen war mein Leben, meine Leidenschaft – so ist das bis heute geblieben.

HEINE: (mit dirigierendem Zeigefinger): Wenn die Kinder sind im Dunkeln, wird beklommen ihr Gemüt / Und um ihre Angst zu bannen, singen sie ein lautes Lied.

K.WEST: Hat Ihr Kollege Heine recht, Herr Heino, hatten Sie eine finstere Kindheit?

HEINO: Ich habe von klein auf gelernt zu hungern. Ich bin nicht mit dem goldenen Löffel im Mund auf die Welt gekommen – ich war ein richtiges armes Schwein, wie man am Rhein sagt.

K.WEST: Als Sänger haben Sie dann keine kleinen Brötchen mehr gebacken.

HEINO: Ich arbeitete als Bäckergeselle und machte Musik. Es klingt unbescheiden, aber es war einfach so: Bei mir kam ein Hit nach dem anderen.

HEINE: (brummelnd): Er lobt sich so stark, dass die Räucherkerzen im Preise steigen.

K.WEST: Hören wir da Neid heraus, Herr Heine? Im Gegensatz zu Heino sind Sie zu Lebzeiten verkannt geblieben.

HEINE: (aufgebracht): Warum muss der Gerechte so viel leiden auf Erden? Warum muss Talent und Ehrlichkeit zugrunde gehen, während der schwadronierende Hanswurst sich räkelt auf Pfühlen des Glücks und fast stinkt vor Wohlbehagen?

HEINO: (ebenfalls aufgebracht): Ich fahre gern und ungeniert in meinem Mercedes!

K.WEST: Herr Heino, Sie sind nicht nur reich, sondern einer der bekanntesten deutschen Sänger. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

HEINO: Ja, seit 40 Jahren singe ich jetzt diese schönen, einfachen, gefühlvollen Lieder. (Singt:) Blau, blau, blau ist der Enzian...

K.WEST: Herr Heine, Sie sind auch ein Liedermacher. Was halten Sie von Heinos Werk?

HEINE: Im süßen Lied ist oft ein saurer Reim. Wenn ich es höre, das dumme Lied, dann möcht ich mir zerraufen den weißen Bart, ich möchte fürwahr mich in mir selbst ersaufen!

K.WEST: Herr Heino, fühlen Sie sich da von Herrn Heine richtig verstanden?

HEINO: Vielleicht habe ich ein Image-Problem. Das blonde Haar, die dunkle Brille, der Rollkragenpullover, die markige Stimme – das wirkt offenbar auf manche »rechts«. Es kann doch nicht sein, dass ich mit brauner Farbe abgestempelt werde, nur weil ich schöne deutsche Lieder singe.

HEINE: (mit boshaftem Tonfall): Blond war sein Haupt, leicht war sein Sinn …

K.WEST: Zu den »schönen deutschen Liedern« gehörte auch die Nationalhymne – allerdings in ihrer verbotenen Form.

HEINO: Ich habe das Deutschlandlied mit seinen drei Strophen auf Schallplatte gesungen. Ich bin der Meinung, dass sämtliche Strophen als Deutschlandlied nach wie vor die Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland darstellen. Seit dem Erscheinen der Platte sehe ich mich Angriffe ausgesetzt!

K.WEST: Herr Heino, kann es sein, dass Sie sich dümmer stellen, als Sie sind?

HEINE: (schnell): Die Welt ist dumm, die Welt ist blind …

HEINO: Ich bin ein einfaches Gemüt, es soll mir Recht sein, diesen Menschen zu gehören. Sie haben mir in 30 Jahren viel, sehr viel gegeben, nicht nur Wohlstand, sondern auch viel Gefühl.

HEINE: Sie wissen, dass es im lieben Deutschland viel alte Weiber und Pöbel gibt.

HEINO: Die Lieder, die ich singe, sind meine Heimat – und darum bin ich für Millionen zu einem Stück Heimat geworden.

HEINE: Lieder und Sterne und Blümelein, und Äuglein und Mondglanz und Sonnenschein, wie sehr das Zeug auch gefällt, so macht’s doch noch lang keine Welt.

K.WEST: Herr Heino, was war, im Rückblick besehen, der Höhepunkt Ihres Lebens?

HEINO: Es war bei Freunden in Essen. Wir saßen im Garten in der Laube, zwischen Dahlien und Stangenbohnen, während der Vater einer meiner Freunde Gitarre spielte und sang. Wer schon mal an einem Sommerabend auf der Böschung am Kanal gesessen hat, den Blick in Richtung Oberhausen oder Duisburg, der Abendhimmel erleuchtet von ungezählten Feuern, der kann verstehen, das die Menschen hier genauso an ihrer Heimat hängen wie andere an Köln, Berlin oder München.

K.WEST: Und der Tiefpunkt?

HEINO: Ich musste damit leben, dass ein Teil der Medien mich geradezu mit Hass verfolgt. Am schlimmsten waren WDR und NDR. Aber auch einige Zeitungen hatten mich ständig im Visier. Es galt wohl als chic und fortschrittlich, Heino abzumeiern. Meine Lieder wurden verrissen, die Texte niedergemacht.

K.WEST: Herr Heino, Sie sind nun 70, ein fortgeschrittenes Alter für einen Sänger. Vor drei Jahren war Ihre Abschiedstournee. Ist Ihr Rückzug von der Bühne unwiderruflich?

HEINO: Ein kleines Mädchen hat mich mal auf der Straße gefragt: »Bist du Heino?« Da habe ich im Scherz geantwortet: »Nein! Ich tu nur so!« Das kleine Mädchen hat das sofort akzeptiert. Man kann also als Heino gehen, es ist ganz einfach.

K.WEST: Die Zukunft der Marke Heino scheint also gesichert. Herr Heine …

HEINE: Vergebens ist deine Bemühung! Ich sehe, dass du der Vergangenheit gehörst in jeder Beziehung.

K.WEST: Vielen Dank an Sie beide für dieses Gespräch.

Sämtliche Zitate stammen aus Heines Werken sowie Heinos (derzeit vergriffener) Autobiografie »Und sie lieben mich doch«, erschienen im Lübbe Verlag.

Kulturgeschichte
12 / 2008

Gemüt hat nur der Deutsche


Was? Wann? Wo?Alle wichtigen Kultur-Termine in NRW auf einen Blick:

Anzeigen

kultur.west Gezwitscher