Martin Bormann jun. Fotos: Karlheinz Jardner

IN FREMDER SCHULD

Ein Besuch bei Martin Bormann jun.

 

TEXT: CHRISTOPH BERTLING


Für seine Reise in die dunkle Vergangenheit hat sich der alte Mann ein helles Zimmer ausgesucht. Hier, sagt er, könne er über die Schatten reden, die ihn seit seiner Geburt wie einen dunklen Mantel umhüllen. Hier, wo das Licht mit den vielen kleinen Fensterscheiben farbenfroh spielt, wird er von dieser allgegenwärtigen Vergangenheit erzählen, von seinen Taufpaten Adolf Hitler und Ilse Heß. Aber vor allem von seinem Vater – einem machtbesessenen Despoten, der per Federstrich Millionen Juden in Konzentrationslager schickte und Tausende deutsche Soldaten in den sicheren Tod entsandte. Martin Bormann war zwischen 1941 und 1945 nach Hitler der zweitmächtigste Mann im Reich. In Nürnberg wurde er am 1. Oktober 1946 zum Tode verurteilt – in Abwesenheit. Wenn sein Sohn knapp 60 Jahre nach dem Richterspruch über seinen Vater spricht, verkrampfen sich noch heute seine Hände.

Ein Leben im Schatten berühmter Eltern zu führen, ist ein Problem für viele Kinder. Doch wie kämpft man gegen den Schatten eines Vaters, der Terror, Angst und Schrecken wie kaum ein anderer verbreitete? Der gleichnamige Sohn des ehemaligen »Reichsleiters« der NSDAP Martin Bormann weiß, wie brennend diese Frage die deutsche Gesellschaft interessiert. 73 Jahre ist er nun alt, sein Vater seit 58 Jahren tot. Doch noch immer wird er täglich mit solchen Fragen konfrontiert. »Leben gegen Schatten« nannte Bormann jun. seine Autobiografie, die dieses Spannungsfeld zwischen Vergangenheit und Gegenwart behandelt. Der Sohn verteufelt seinen Vater nicht. Genauso, wie er nichts beschönigt. »Mein Vater ist zurecht zum Tode verurteilt worden«, erklärt er, »auch wenn ich ihn liebe.« Anders als alle anderen Kinder von prominenten Nazis ist Martin Bormann keine zerstörte Persönlichkeit, die Last der Vergangenheit hat ihn nicht erdrückt. Nicht wie Niklas Frank, der beispiellose Hasstiraden veröffentlichte über seinen Vater Hans Frank, den ehemaligen Generalgouverneur in Polen. Wolf-Rüdiger Heß, Eda Göring oder auch Gudrun Himmler liebten hingegen ihre Väter abgöttisch.

Bei Bormann scheint das anders zu sein. Auch an diesem sonnigen Nachmittag in dem kleinen hellen Raum verfällt der alte Mann nicht in Extreme, obwohl seine Gefühle nicht konträrer sein könnten. »Ich liebe meinen Vater«, betont er noch mal. Und fügt wieder an: »Genauso wie ich ihn verurteile.« Viel Kraft hat ihn diese Erkenntnis gekostet. Es war ein beschwerlicher Weg. Früh war Bormann nach dem Krieg auf sich selbst angewiesen. Seine neun Geschwister verlor er in den Kriegswirren. Sein Vater war seit den letzten Kriegstagen verschollen. Nie konnte er mit ihm über Vergangenes sprechen. »Er war einfach nicht mehr da.« Auch die Mutter starb zehn Monate nach Kriegsende im Krankenhaus. »Sie war seelisch gebrochen.«

Der Sohn hatte derweil im Ausland unter falschem Namen Unterschlupf gefunden. Auf einer Alm bei einem Kleinbauern führte er Kühe auf die Weide. »Es war eine wichtige Zeit«, erzählt Bormann. Denn dort fand er zum Katholizismus und entschied sich, Priester zu werden. »Ich fand mein eigenes Leben, da ich auf mich allein gestellt war.« Es war ein schwieriger Weg. Eigentlich schien es keine Erlösung für seine Qualen zu geben. Wie sollte er als Sohn dieses Vaters seinen Seelenfrieden finden? Er fand ihn im Christentum. Auch wenn Bormann es etwas anders sieht. Nicht er habe nach der Hand Gottes gepackt. Sondern sie nach ihm, sagt Bormann. Die Familie, die ihm Unterschlupf gewährte, brachte ihm letztlich auch den Glauben. Dass ihn das Christentum und sein Glaube vor dem Untergang retteten, das bestreitet Bormann nicht. Sein ganzes Leben widmete er diesem Glauben.

So missionierte in er den 60er Jahren im Kongo – als dort der Bürgerkrieg wütete. »Doch entfliehen konnte ich meinen Eltern nie.« Selbst in den entferntesten Winkeln der Welt nicht. Als er aus dem Kongo zurückkehrte, war die erste Frage, die ihm ein Reporter nach der Landung in Deutschland stellte: »Was sagen sie dazu, dass auf den Kopf ihres Vaters 100.000 Mark ausgesetzt wurden?«

Bis in die 90er Jahre nämlich wollten einige Deutschen nicht begreifen, dass Bormann senior tot war. »Die journalistische Hatz nach ihm war schrecklich.« Nach dem Krieg hatten die Alliierten fieberhaft nach dem »Sekretär des Führers« gesucht, ohne ihn oder seine Leiche zu finden. Nach dem Urteil gegen ihn wurde weiter gefahndet. Bis am 7. Dezember 1972 West-Berliner Bauarbeiter ein Skelett ausgruben, das wenig später als das von Bormann identifiziert wurde. Doch die Spekulationen um den Verbleib des Groß-Nazis hörten nicht auf. Immer wieder erschienen Meldungen – wie beispielsweise im britischen Independent –, die Bormanns Tod bezweifelten. Um dem Spuk ein Ende zu bereiten, veranlasste der Sohn vor wenigen Jahren einen umfangreichen DNA-Test. Mit dieser Methode, die in den 70ern noch nicht möglich war, bekam der Sohn endgültig Gewissheit. »Dieses Ergebnis war eine große Erleichterung«, so Bormann. »Manchmal glaubte ich ja schon selbst, dass Vati noch lebt. Ich dachte immer, er könnte kommen und mich töten lassen. Schließlich war ich Priester geworden. Das konnte er nicht akzeptieren.«

Sein Vater war selbst unter Parteigenossen verhasst. Tyrannisch und skrupellos nannten ihn andere Nazigrößen wie Hans Frank, als »gefühlsroh« und »brutal«, beschrieb ihn Albert Speer. »Ich habe ihn so aber nie kennengelernt«, beteuert der Sohn. Drei Jahre war er, als Hitler die Macht an sich riss. Von den Machenschaften der Nazi bekam das Kind nichts mit. Nicht den Brand des Reichstags, keine Judenverfolgung, auch keinen Krieg. Ein sorgloses Leben genoss er auf dem Obersalzberg in unmittelbarer Umgebung des »Führers«. Wie ein kleines Paradies kam ihm dieser Berg vor. Auch später, als er die Reichsschule der NSDAP in Feldafing besuchte, blieb sein Leben ruhig. Den Vater sah er nur gelegentlich. Meist sonntags. Wie andere Söhne auch, saß er dann auf dessen Schoß oder spielte mit ihm Gesellschaftsspiele. »Er sorgte sich sehr um uns Kinder.« Gerne erinnert sich Bormann noch an diese Sonntage. Über Politik sprachen sie eigentlich nie. Nur ein Mal. Zwei Jahre vor Ende des Krieges hatte er seinen Vater auf einem Sonntagsspaziergang gefragt: »Vati, was ist eigentlich Nationalsozialismus?« »Der Wille des Führers«, lautete die Antwort. Ein Satz, den er gut verstand. Er kannte die eisige Aura des »Führers«. Selbst sein Vater schien sich in Anwesenheit Hitlers zu ändern. Er wurde selbst kalt und herrisch. »Einmal gab er mir eine schallende Ohrfeige, weil ich einen falschen Hitler-Gruß vor dem Führer gezeigt hatte.« Bormann bedauert es, dass ihm nur wenige Erinnerungen an seinen Vater geblieben sind. Nicht einmal ein Grab, auf dem er eine Kerze anzünden könnte, ist vorhanden. Die Asche Bormanns wurde in der Ostsee in alle Richtungen gestreut. Es sollte keine Kultstätte für Neonazis entstehen.

Außer seinen spärlichen Erinnerungen bleiben dem Sohn nur zwei Gegenstände. Eine Postkarte, auf der geschrieben steht: »Mein Herzjunge! Ob ich dich wohl am kommenden Samstag in Feldafing sehen werde? Dein Vati.« Wie einen kleinen Schatz trägt der Sohn sie in seinem Geldbeutel. Und da ist auch noch das Foto seines Vaters auf seinem Schreibtisch. Es zeigt einen jungen, uniformierten Mann in den Dreißigern. Wenn er es manchmal anschaut, kommt es Bormann vor, als schaue er in den Spiegel. Die gleichen kastanienbraunen Augen, die rundliche Nase – er ähnelt seinem Vater sehr. Ja, stolz war er damals auf seinen mächtigen Vater. Von dessen grausamer Seite erfuhr er erst viel später, als er bereits Vollwaise geworden war.

Als 16-Jähriger auf seinem bescheidenem Zimmer in der Abgeschiedenheit des Bauernhofs im Salzburger Land. Mit Öllampe und Zeitungsartikel lag er damals abends im Bett. Erstmals las er von Martin Bormann, dem »Schatten Hitlers«. Über die scheußlichen Taten, die damals, als er im Paradies Obersalzberg sorglos lebte, verübt wurden. Nächtelang weinte er, verbarg aus Scham sein Gesicht. Erst der Glaube half ihm, diese grausige Lektüre zu verkraften. Er begann für die Taten seines Vaters zu sühnen. Die Deutschen nahmen zur Vergangenheitsbewältigung Gott in ihre demokratische Verfassung auf. Er schloss ihn in sein Herz. Im fühlt er sich verpflichtet.

Deshalb stellt er sich auch noch als alter Mann, 58 Jahre nach dem Tod seines Vaters, den Fragen über seine und die Rolle seines Vaters im Nationalsozialismus. Er hält Vorträge gegen den »Wahnsinn, der wiederkehren kann«. Im Osten Deutschlands referiert er über die Gefahr der Ausländerfeindlichkeit. Auch wenn er oft unter Polizeischutz aus den Sälen geführt wird, auch wenn er manchmal von alten und neuen Nazis belästigt wird – weswegen Bormann seinen genauen Wohnort in Nordrhein-Westfalen auch nicht veröffentlicht sehen will.

Das Antworten ist zur Lebensaufgabe geworden, »Ich bin einer der wenigen Überlebenden«, sagt er. »Ich kann noch Auskunft über das Grauen gegeben.« Er hat sie doch als Jugendlicher alle kennen gelernt: Hitler war doch jeden Morgen an seinem Fenster vorbeigekommen, um mit seinen Schäferhunden spazieren zu gehen; Göring, Heß und Himmler, die regelmäßig zu Besuch kamen. »Die Leute sollen wissen, was das für Menschen waren, um aus der Vergangenheit ihre Lehren zu ziehen. Nie wieder darf so etwas wie der Nationalsozialismus passieren.« Deshalb reist er selbst noch im hohen Alter nach Israel. Er will den Opfern des Holocaust berichten. Ihnen etwas Trost schenken. Seine eigene Rolle im Leben hat er dabei schon lange gefunden. Heute geht es ihm nur noch um die jungen Menschen. »Als der Sohn meines Vaters trage ich diese Verantwortung«, sagt der alte Mann mit väterlicher Stimme und steht auf. Er geht nach draußen, wo die Sonne hoch am Himmel steht und kaum Schatten wirft.

 

Kulturgeschichte
05 / 2005

IN FREMDER SCHULD

Von: CHRISTOPH BERTLING


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