St. Bonifatius in Essen-Bergeborbeck. Foto: M. Kuhna

Missa est

Selbstversuch mit Kniefall auf Latein: Bei der Piusbruderschaft in Essen

//   »Wenn mittags die Glocken von St. Bonifatius in Essen-Bergeborbeck zum Angelusgebet rufen, dann hört das kaum einer aus der Gemeinde. Denn die ist weit verstreut, übers ganze Ruhrgebiet und darüber hinaus. In der näheren Umgebung aber – ein McDonald’s, viele Tankstellen, Gebrauchtwagenplätze mit kläffenden Schäferhunden – wird niemand zu schätzen wissen, welche Glocken da vom Turm der unauffälligen Kirche klingen: Das Läutwerk wurden 1983 vom Erzbischof Marcel Lefebvre geweiht. St. Bonifatius ist eine Kirche der »Priesterbruderschaft St. Pius X.« – jener kleinen Gruppe katholischer Abweichler, der derzeit in der medialen Wahrnehmung geradezu welterschütternde Macht zugeschrieben wird.

Die Kirche an der Bottroper Straße war ursprünglich protestantisch. 1939 in zeittypischem Stil gebaut, 1944 mit der benachbarten Zeche weitgehend zerstört, 1952 wieder aufgebaut. 1981 wollte man das isoliert stehende Bauwerk loswerden. Es kaufte die Piusbruderschaft, der die konservative Gestalt des Gebäudes gefallen haben wird und der die Lage an einer Einfall-straße nur recht sein konnte. Statt »Glaubenskirche« heißt das Gotteshaus nun St. Bonifatius, nach dem Missionar der Franken. Die Zeche nebenan hieß passend »Carolus Magnus«. Wie der Glaubenskirche die Gläubigen, so fehlten der Zeche nach dem Krieg ausreichende Kohlenvorräte. Anders als die Kirche hat man sie daher nicht wieder aufgebaut.

Wenn am Sonntag die Glocken von St. Bonifatius zum Hochamt läuten, ist die Gemeinde längst unterwegs, meist mit dem Auto. Die letzte Etappe ist sehr diesseitig, woher man auch kommt: Industrie, Tankstellen, Rot-Weiß-Stadion, Autokino, Automarkt. Am schlimmsten ist es von Essen-Mitte her: Da fährt man, Gott sei’s geklagt, an den schäbigen Wohnwagen drogenabhängiger Billighuren vorbei. Dafür können die gepflegten Mittelklasseautos aus EN, GE, OB, W oder MS dann problemlos bei der Kirche geparkt werden.

Es ist kein besonderer Sonntag, aber die Kirche ist fast voll, als zu Orgelklang der Priester mit seinen Ministranten einzieht. Nach dem Besprengen der Gemeinde mit Weihwasser wendet er sich zum Hochaltar an der Stirnwand. Einen zur Mitte gerückten »Volksaltar«, die Messfeier »versus populum« gibt es nicht. Bei den liturgischen Handlungen wendet der Priester seiner Gemeinde meist den Rücken zu, und er bedient sich ausschließlich der lateinischen Sprache. Auch die Gemeinde respondiert im selben Idiom. Das hat etwas, und beim ersten  Kirchenlied im gregorianischen Stil, mit einer Schola und einer erstaunlich stimmsicheren Gemeinde, läuft dem Besucher tatsächlich ein Schauer über den Rücken. Es folgen noch viele alte Lieder, Betulich-Modernes vom Schlage des »Danke-Lieds« muss niemand erleiden.

Es dauert zwanzig Minuten, ehe der Priester ein deutsches Wort spricht – außerhalb der Liturgie: in einigen Ankündigungen und in seiner Predigt von der Kanzel: »Liebe Gläubige.« Er spricht über das Gleichnis vom Weinberg, über Neid und den Gotteslohn, der nicht nach Verdienst und nicht nach menschlichen Maßstäben verteilt werde. Kein Wort über Papst, Exkommunikation, Bischof Williamson und den Holocaust. Nach der Predigt kommt ohnedies die alte, tridentinische Liturgie und damit die lateinische Sprache wieder zu ihrem Recht.

Zuweilen taucht ein verspäteter Gast auf, kniet, bekreuzigt sich mit Weihwasser, sucht einen Platz. Einer der Nachzügler, ein älterer Mann, benimmt sich merkwürdig. Er schlendert, Hände in den Jackentaschen, hinter den Kirchenbänken herum. Nimmt anderen die Sicht, lehnt sich gar gegen einen Pfeiler. Eine Frau nimmt Anstoß. Sie hat sich die ganze Zeit an der Eingangstür gehalten, hat dort mehr auf dem blanken Boden gekniet als andere auf ihrer Kirchenbank. Mit ihrem demonstrativen Eifer, mit ihrem Dutt und ihrem strengen Gesicht wirkt sie wie die personifizierte Fanatikerin. Sie geht nun einige Schritte seitwärts und mustert diesen Fremden aus dem Augenwinkel, immer wieder, von Kopf bis Fuß, verächtlich. Wenn Blicke töten könnten! Als der hinausgeht, folgt sie ihm. Vergewissert sich, dass er auch den Vorraum verlässt. Schließt dann mit Nachdruck die Tür, greift mit der Hand ins Weihwasser und bekreuzigt sich. Deo gratias.

Wenig später strebt die Messe ihrem Höhepunkt zu: Wandlung von Hostien und Wein, Kommunion. Diszipliniert gehen die Gläubigen bankweise nach vorn und warten kniend, bis der Priester ihnen die Hostie auf die Zunge legt. So, wie das früher überall in der katholischen Kirche war. Dann geht die Messe ruhig zu Ende. Dominus vobiscum. Et cum spiritu tuo. Danach, der Priester hat unterdessen sein Habit verändert, bitten einige an diesem Februarsonntag noch um den Blasiussegen, zum Schutz vor Halskrankheiten. Die übrige Gemeinde zerstreut sich. Zwei diskutieren ernsthaft über eine Unvollkommenheit, die irgendwann im Verlauf des Gottesdienstes passiert sein muss. Andere lesen die Zettel an der Tür: offizielle Stellungnahmen der deutschen Piusbruderschaft zum aktuellen Konflikt, wie sie längst aus den Medien bekannt sind.

So also geht es zu in einer Gemeinschaft, die mancher schon vom Verfassungsschutz überwachen lassen möchte. Die Piusbrüderschaft und ihre Anhänger – eine gefährliche Verschwörung radikaler Antisemiten und Holocaust-Leugner, analog zu islamistischen Gotteskriegern? Unsinn. Andererseits geht es nicht nur darum, ob der alte Messritus mehr für Auge, Gehör und Gemüt bietet als der neue. Ein Blick auf die Internetseite der deutschen Piusbrüder zeigt, mit welchem Ernst sie diese zentrale Frage sehen – und mit welcher absoluten Entschiedenheit sie die Auffassung vertreten, dass eine Koexistenz von neuer und alter Messform unmöglich sei. Verschwinden müsse die neue, die schon halb protestantisch sei.

Von Antijudaismus, gar Antisemitismus distanzieren sich die Piusbrüder ausdrücklich, zumal schließlich Jesus und die Jünger selbst Juden gewesen seien. Nur sagen die Brüder eben auch unerbittlich, dass die Juden auf einem heillosen Holzweg seien, nicht anders als alle Un- und Andersgläubigen, einschließlich der Protestanten und der Mehrheits-Katholiken. Dass Verbrüderung, Ökumene mit ihnen allen ohne Bekehrung sinnlos sei, ist aus Sicht der Piusbrüder nur logisch.

Die großen Kirchen reden so nicht mehr – um den Preis einer Uneindeutigkeit, die viele als Beliebigkeit auffassen. Die Piusbrüder dagegen streben zurück in einen Fundamentalismus, den die Öffentlichkeit gern nur mit dem Islam assoziiert. Insofern hantieren sie in St. Bonifatius und anderswo mit geistigen Sprengsätzen. Dem deutschen Papst ist sein Versuch der Entschärfung missraten; die Explosion hat die katholische Kirche in Deutschland erschüttert. Ob die folgende katholische Selbstbesinnung Weihwasser auf die Mühlen der kleinen, aufrechten Bergeborbecker Parallelgesellschaft leitet, ist allerdings sehr fraglich. Und der Verfassungsschutz muss gewiss keinen Schlapphut bei St. Bonifatius einschleusen. Die Frau mit dem Dutt würde ihn ohnedies gleich enttarnen: Apage!   //

Kulturgeschichte
03 / 2009

Missa est

Von: Martin Kuhna


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