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Thorsten Holz, ganz analog. Foto: Pressestelle RUB

»MIT GOOGLE MUSS ICH ALLES TEILEN.«

Nun ist die Katze aus dem Sack, die Datenschützer und Internet-Skeptiker längst dort vermuteten: Google und Facebook geben offen zu, dass sie die Daten ihrer Nutzer zu Profilen verknüpfen. Was das bedeutet, erklärt der Bochumer Informatik-Professor Thorsten Holz.

 

INTERVIEW: ULRICH DEUTER

Profilbildung heißt der Markt der Zukunft. Sie ermöglicht personalisierte Werbung, aber auch die gläserne Gesellschaft mit neuen Formen der Vorhersage und Kontrolle. Wer sich in bestimmen Zonen bewegt (Handy-Daten-Erfassung), in bestimmten Geschäften einkauft (Kreditkarten-Daten-Erfassung), bestimmte Webseiten aufsucht (Cookie-Daten-Erfassung), der könnte bald prophylaktischen Besuch von der Polizei bekommen – oder zumindest seine Kreditlinie gekürzt: »Andere Kunden, die ihre Karte in den Geschäften benutzt haben, in denen Sie kürzlich eingekauft haben, wiesen in der Vergangenheit American Express gegenüber eine geringe Rückzahlungsmoral auf«, hieß laut Süddeutscher Zeitung die Begründung für die Herabstufung der Kreditwürdigkeit eines Mannes in Atlanta, USA.

22 Millionen Deutsche besitzen ein Facebook-Konto, 800 Millionen weltweit. Doch die wenigsten kennen den Pakt, den sie geschlossen haben: »Für Inhalte wie Fotos und Videos, die unter die Rechte an geistigem Eigentum fallen, erteilst du uns (…) die folgende Erlaubnis: Du gibst uns eine nicht-exklusive, übertragbare, unterlizenzierbare, gebührenfreie, weltweite Lizenz für die Nutzung jeglicher IP-Inhalte, die du auf oder im Zusammenhang mit Facebook postest.« Das haben alle Facebooker per Klick unterschrieben und sich damit selbst aller Rechte über ihre Daten beraubt.

Dass man jedoch gar nicht bei Facebook eingeschrieben sein muss, um von Mark Zuckerbergs Datenkrake verschlungen zu werden, enthüllt Thorsten Holz vom Lehrstuhl Systemsicherheit an der Ruhr-Universität. Holz gehört mit seinen gerade mal 30 Jahren absolut zur Facebook-Generation, in seinem Büro steht ein schicker iMac, aber seine derzeitige »Lektüre« ist die Audio-Fassung des Buchs »Angriff auf die Freiheit« von Juli Zeh & Ilija Trojanow, eine alarmistische Streitschrift gegen die informationelle Ausbeutung der Privatsphäre. Tatsächlich ist geschichtsblind und politisch naiv, wer glaubt, im Fall der Fälle würde nicht auch der Staat auf von Privatfirmen gesammelte Daten zugreifen. Der nach 9/11 erlassene Patriot Act in den USA, der uneingeschränkten behördlichen Zugriff auf Telefon- und Internetverkehr erlaubt, sollte uns eine Warnung sein.


K.WEST: Der Dienst »Google+«, ein sogenanntes soziales Netzwerk, wirbt in diesen Wochen ganzseitig mit dem Slogan: »Selbst bestimmen, was andere sehen, lesen oder erfahren. Das ist ein Plus.« So will Google mit dem Argument größerer Sicherheit Facebook Konkurrenz machen.

HOLZ (sieht sich die Anzeige an, lächelt ungläubig, schüttelt den Kopf): Das stimmt natürlich nur teilweise! Ich kann zwar einschränken, wer meiner Freunde etwas sieht. Aber mit Google muss ich alles teilen, was ich dort einstelle. Das ist ja deren Geschäftsmodell.

K.WEST: Was geschieht datentechnisch, wenn Menschen sich mit ihren Facebook-Freunden austauschen oder bei Google etwas suchen?

HOLZ: Bei Google kann man seine Such-Historie einsehen, doch was genau die Google- oder Facebook-Server im Hintergrund machen, bleibt oft im Dunkeln, weil die Plattformen nicht offenlegen, was sie tun und treiben. Ein interessanter Fall war der eines Mannes aus Wien, der Facebook zur Offenlegung aller seiner Daten verklagt hatte. Darauf wurde ihm eine CD mit zirka 1.200 Seiten zugesendet, die seine Einlog-Daten zeigten, seine Kontakte mit anderen, seine Bilder usw. Aber auch Daten, die er längst gelöscht hatte. Sowie Daten, die man sonst nicht sieht. Denn eines der Privacy-Probleme ist ja, dass mittlerweile viele Web-Seiten Facebooks »Gefällt-mir«-Button eingebaut haben. Wenn ich eine solche Seite lade, bekommt Facebook eine Information über das, was ich mir gerade im Netz ansehe. Und fügt dies vermutlich zu einem Profil von mir hinzu. Das Potenzial ist also da, um zu erfassen, welche politischen News ich bevorzuge, wenn ich etwa Spiegel online lese. Diese Gefahr prangern auch die Datenschützer immer wieder an, insbesondere den »Gefällt-mir«-Button, weil der ermöglicht, die Leute zu tracken.

K.WEST: Tracken heißt: ihre Spuren nachzuverfolgen?

HOLZ: Ja. Und ich muss nicht einmal einen Facebook-Account haben, um nachverfolgt werden zu können. Denn sobald ich eine Website besuche, die diesen »Gefällt-mir«-Button trägt, wird eine Anfrage an Facebook geschickt, deren Programm dann eine neue Identität für mich erzeugt, die auch bei mir bleibt. Damit kann Facebook nachverfolgen, wo und wie ich mich weiter im Netz bewege – ich muss diesen Button nicht einmal anklicken. Facebook weiß dann zwar nicht, wer ich bin, aber, dass es diesen Nutzer gibt, der diesen bestimmten Browser einsetzt. Dazu werden sogenannte Cookies verwendet, kleine Textdateien, die einen Browser markieren. Über so ein Cookie kann man eine eindeutige ID vergeben. Als Nutzer hat man die Möglichkeit, Cookies abzuschalten, doch dann verliert man auch seine sonstigen Einstellungen zu einer Web-Seite. Das ist der typische Zwiespalt: Komfort oder Sicherheit.

K.WEST: Wäre es für Sie möglich herauszufinden, was Facebook & Co. sonst noch im Hintergrund mit den Daten ihrer Nutzer treiben?

HOLZ: Solche Einblicke sind sehr schwierig, das sind Firmengeheimnisse, für sie bares Geld. Ihr Geschäftsmodell dahinter legen sie ungern offen. Jüngst gab es eine Gerichtsentscheidung, dass die »Freunde«-Suche, die es in den sozialen Netzen typischerweise gibt, nicht datenschutzkonform ist. Weil man so immer mehr Menschen ungefragt in das Netz hineinzieht. Das Interessante ist, dass Facebook sogenannte Schattenkonten unterhält. Angenommen, es gibt zwei Personen im sozialen Netz, die jemand Drittes als »Freund« einladen und dazu dessen Email-Adresse angeben – so funktioniert das ja. Dann richtet Facebook ein Schattenkonto unter dieser Email-Adresse ein, eine virtuelle Person, die diese beiden realen Personen verbindet. So ein Schattenkonto sammelt also noch weitere, versteckte Beziehungen, verbindet zwei Menschen über eine virtuelle Ecke. Das sind Mechanismen, die man von außen nicht sieht.

K.WEST: Die Gier von Google, Facebook & Co. nach Daten ist gegen alle Widerstände ungebrochen. Warum, Ihrer Meinung nach?

HOLZ: Targeting, gezielte Werbung, ist sicher der im Moment interessanteste und lukrativste Bereich. Aber selbst die virtuellen Bauernhöfe, die man dort bewirtschaften kann, das Spiel »Farmville«, ist mittlerweile an der Börse und Millionen Dollar wert. Andere Geschäftsmodelle sind noch unklar. Noch gibt es juristische Grenzen der Datennutzung und Datenweitergabe. Frage ist, ob sich das irgendwann ändert. Also speichern die Plattformen diese Daten einfach mal. Auch Twitter hat jetzt begonnen, die kompletten Tweets (d.h. Nachrichten), die seit Bestehen der Plattform geschrieben wurden und alle gespeichert sind, zu verkaufen. So können interessierte Stellen dann im Nachhinein nachverfolgen, welche Reaktionen etwa auf eine Werbekampagne oder ein politisches Ereignis in der Twitter-Community erfolgten. Das verbessert die Analyse von Trends, selbst Aktientrends. Daten sind das ganze Kapital, sonst könnte Facebook nicht mit einer Bewertung von 100 Milliarden Dollar an die Börse gehen, denn die besitzen außer 2000 Mitarbeitern und ein paar Rechenzentren ja nicht viel.

K.WEST: Wie bewerten Sie den Umstand, dass die Firmen, über die wir hier sprechen, alle in den USA beheimatet sind und die Daten also dahin abfließen? Der Patriot Act erlaubt dortigen Behörden das Mitlesen.

HOLZ: Darüber muss man sich klar sein, wenn man Daten in die USA verlegt. Das ist vielen Leuten gar nicht klar. Das Datenschutzrecht in Europa ist höher als in den USA. Da muss man gerade in sozialen Netzen aufpassen.

K.WEST: Welche offenen Stellen aus dem Mail-Verkehr, den sozialen Netzwerken und Google hinaus in Richtung Behörden gibt es hierzulande?

HOLZ: Auf der Grundlage eines richterlichen Beschlusses gibt es für die Strafverfolgungsbehörden immer die Möglichkeit, Daten aus den sozialen Netzwerken oder dem Email-Verkehr zu erhalten. Ein anderer Aspekt ist die Fahndung per Facebook, wo etwa die Polizei Hannover ein öffentliches Profil unterhält mit tausenden von »Freunden«, wodurch man dann v.a. junge Menschen erreicht und sie zur Mithilfe bei einer Fahndung bewegen kann – was schon mehrfach Erfolg hatte.

K.WEST: Frage ist, was die Polizei von den in der Regel unfassbar offenherzigen Facebook-Kids dann sonst noch erfährt …

HOLZ: Eine Steigerung dessen ist der Versuch, als Behörde oder auch als andere Institution per Facebook Meinungen zu beeinflussen. Vor einem Jahr wurde bekannt, dass das amerikanische Militär ein Software-Projekt entwickelt, um in sozialen Netzwerken mit Hilfe virtueller Identitäten gezielt bestimmte Themen zu lancieren und so in die öffentliche Meinungsbildung einzugreifen. Auch das FBI suchte per Ausschreibung Fachleute für ein ähnliches Projekt. Vermutlich werden wir in Zukunft noch mehr in diesem Bereich sehen, wir stehen noch sehr am Anfang mit sozialen Netzen. Hier ist auf jeden Fall noch viel Platz für Verschwörungstheorien.

K.WEST: Haben Sie selbst ein Facebook-Konto?

HOLZ: Ja, auch einen Twitter-Account. Aber ich habe nicht viele persönliche Daten in meinem Profil. Und ich nutze meistens Mails. Darüberhinaus kommuniziere ich teilweise über Anonymisierungsdienste wie »Tor«. Aber auch so etwas hat zwei Seiten: Es ist gut für einen Dissidenten in China, der so der Internetüberwachung entgeht. Aber auch für einen Kinderpornokonsumenten. Die Technik ist an sich neutral, es kommt auf den Anwendungsfall an.

 

Beispiel für das Bewegungsprofil, das Telefongesellschaften über jeden Handy-Benutzer besitzen:http://www.zeit.de/datenschutz/malte-spitz-vorratsdaten. Info zur Anonymisierungsplattform Tor: https://www.torproject.org

 

 

Kulturgeschichte, Medien
04 / 2012

»MIT GOOGLE MUSS ICH ALLES TEILEN.«

Von: ULRICH DEUTER


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