1991 Spätaussiedlerin aus Russland in der Erstaufnahmestelle Unna-Massen Fotos: Brigitte Krämer

2004 Friedensdorf Oberhausen

»Das hat alles am Rhein gelebt«

Bis Mitte September kamen 144.000 Flüchtlinge nach Nordrhein-Westfalen, seitdem wächst ihre Zahl jeden Tag. Sie werden das Land verändern, wie es Einwanderer seit Jahrtausenden tun.

Text: Stefan Laurin

Frühherbst in Dortmund. Es war kalt in der Nacht auf den 6. September. Doch vor dem Nordausgang des Hauptbahnhofs hielt ein Auto nach dem anderen. Studenten brachten Schlafsäcke und Decken, ältere Ehepaare Obst und Kinderkleidung. Türkische Bäcker trugen Bleche mit Baklava-Spezialitäten in den Bahnhofseingang. Auf mehr als hundert Metern stapelten sich die Spenden entlang der orange gefliesten Bahnhofswand. Nur wenige Stunden zuvor war die Nachricht unter dem Hashtag #trainofhopedo erstmals in den Sozialen Netzwerken aufgetaucht: Flüchtlinge aus Ungarn seien auf dem Weg nach Dortmund. Sie hätten kaum mehr, als sie am Leib trügen, und bräuchten Hilfe. Wann genau sie kommen würden, war nicht klar. Immer wieder änderte sich die angekündigte Zeit. Mal hieß es, ein Zug würde um kurz nach Mitternacht eintreffen, dann, er komme um drei Uhr morgens. Als er schließlich am Sonntagvormittag einlief, wurden die Ankömmlinge wie zuvor ihre Leidensgenossen in Frankfurt und München von hunderten Menschen mit Jubel und Applaus begrüßt.

Wie die ersten Einwanderer in die Region, die heute Nordrhein-Westfalen heißt, begrüßt wurden, ist unbekannt, ebenso das Jahr ihrer Ankunft. Diejenigen, die heute Germanen genannt werden, bekamen diesen Namen erst von den Römern. Ihre Truppen, ein multikulturell zusammengewürfelter Haufen von Soldaten aus allen Provinzen des Römischen Reichs, waren die ersten Einwanderer, von denen wir dank der Aufzeichnungen des Tacitus überhaupt wissen.

Beklatscht wurden sie wohl nirgends, aber auch auf Ablehnung stießen sie nicht in allen Teilen des Landes. Im heutigen Köln, wo sie im Jahr 19 vor unserer Zeitrechnung eine Siedlung errichteten, arrangierten sich einige Stämme schnell mit den neuen Herrschern. Steinhäuser, Bäder, Sportarenen, auch ein verlässliches Rechtssystem und die Möglichkeit, durch Handel mit den Römern zu Geld zu kommen, erhöhten die Akzeptanz ebenso wie eine Armee, die im Ruf stand, fast unbesiegbar zu sein.

In Westfalen sah das anders aus. Dort schlossen sich Stämme zum Kampf gegen die Römer zusammen und schlugen die Varus-Legionen bei Kalkriese. Doch die Koalition hielt nicht lange, Anführer Arminus wurde von eigenen Leuten erschlagen.

Die Römer prägten die von ihnen besetzten Gebiete und das Umland. Als erste gründeten die Juden in Köln eine Gemeinde. Auch das Christentum war ein römischer Import. Die Missionierung ging von Köln aus, als 800 Karl der Große in Rom gekrönt wurde, waren die heidnischen Götter im heutigen NRW vergessen. Eine Religion aus dem Nahen Osten, eingeführt durch römische Missionare, sollte das Land prägen – bis in die Gegenwart.

Die Bürger des Römischen Reichs waren nur die ersten Migranten in NRW. Viele andere sollten folgen. Im 5. Jahrhundert zogen die Hunnen durch Westfalen und das Rheinland. Hier ansässige Langobarden zogen Richtung Süden. Um 700 kamen die ersten Roma aus Nordindien an. Sachsen aus dem Osten siedelten in Westfalen. Und immer wieder zogen auch im Mittelalter Händler durch, ließen sich nieder oder zeugten Kinder.

 

Carl Zuckmayer lässt seinen Helden Harras in »Des Teufels General« diese »Völkermühle« beschreiben: »Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. – Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt – und – und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, und – ach was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt – wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen. Vom Rhein – das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse. Seien Sie stolz darauf, Hartmann – und hängen Sie die Papiere Ihrer Großmutter in den Abtritt. Prost.«

Später kamen Bayern und Nordhessen zur Arbeit in die Industriegebiete an Rhein und Ruhr, noch später Polen, Türken und Italiener. Angehörige von Besatzungsmächten blieben und gründeten Familien, wie es Soldaten seit Jahrhunderten tun. Die Universitäten zogen Studenten und Wissenschaftler aus aller Welt an, ebenso  Krankenhäuser, in denen seit Jahrzehnten Ärzte von überall her ausgebildet wurden. Viele blieben.

Das Bild einer Bevölkerung, die über lange Zeiträume an einem Ort siedelt, ist Unsinn. Wer einen Blick in die eigene Familiengeschichte wirft, wird dies feststellen. Schon die Urgroßeltern der meisten Menschen lebten in anderen Ländern und Regionen. Kein neues Phänomen, wie die österreichische Wissenschaftlerin Sylvia Hahn in ihrem Buch »Historische Migrationsforschung« für das Mittelalter beschreibt. Bürgerbücher aus dem Mittelalter belegen für Frankfurt am Main, »dass rund die Hälfte der Bevölkerung Zuwanderer waren.« Frankfurt war kein Einzelfall: »In Nördlingen etwa betrug der Anteil der Neubürger 30 Prozent und in Ulm 20 Prozent.« In den Städten in Rheinland und Westfalen dürfte die Situation kaum anders gewesen sein. Die heute oft skandalisierten Anteile von Migranten an der Bevölkerung einer Stadt sind historisch gesehen Normalität.

Normal ist allerdings auch, dass nicht alle Zuwanderer gleichermaßen willkommen geheißen werden. Den Unterschied macht seit jeher der Grund der Einwanderung: Willkommen war immer, wer Geld hatte. Ein reicher Kaufmann wurde, wenn er kein Jude war, schnell in die Stadtgesellschaft integriert. Studenten und Wissenschaftler waren als Zugezogene schon im Mittelalter begehrt. Fachkräfte wurden zu jeder Zeit abgeworben und mit Privilegien ausgestattet. Religiös Verfolgte genossen den Schutz ihrer Glaubensbrüder. Wer aber arm war oder einer diskriminierten Minderheit angehörte, hatte es schwer. Juden, Roma, auch mittellose Bauern und Handwerker, Huren und viele, die vor Kriegen oder Hunger flüchteten, wurden selten mit offenen Armen empfangen.

Mehr als eine Million Flüchtlinge werden dieses Jahr nach Deutschland kommen. Dazu müssen die Zuwanderer aus der Europäischen Union gezählt werden. Ärzte aus Griechenland, Ingenieure aus Rumänien und Designer aus Spanien gehören ebenso dazu wie Roma vom Balkan, die Armut und Diskriminierung  entgehen wollen. Ein Ende ist nicht abzusehen: Die Kriege im Nahen Osten dauern an, die Angehörigen der afrikanischen Mittelschicht sehen in ihren korrupten Heimatländern keine Perspektive, die Wirtschaftskrise in Südeuropa hält an.

Für den Münsteraner Politologen Aladin El-Mafaalani ist klar, dass die Einwanderung uns  verändern wird: »Gesellschaften  mit einem hohen Anteil an Einwanderern sind dynamischer und das Wirtschaftswachstum ist höher.« Deutsche Städte mit einem besonders hohen Migrantenanteil seien auch wirtschaftlich die erfolgreichsten. In München, Stuttgart und Nürnberg haben zwischen 34 und 36 Prozent der Menschen Wurzeln im Ausland. In NRW führen Köln (31 Prozent) und Düsseldorf (32 Prozent) die Liste an. Der Osten, die wirtschaftlich schwächste Region der Bundesrepublik, hat den geringsten Migrantenanteil. Selbst Universitätsstädte wie Dresden und Leipzig kommen nicht über acht Prozent.

Einwanderer verändern Städte. Durch wirtschaftliche und kulturelle Betätigung, durch ihre Lebensweise. Das geht nicht konfliktfrei ab: »Rassismus bricht immer dann besonders extrem aus, wenn die Mittel- und Oberschicht sich von Migranten bedroht fühlt, wenn sie auf einmal mit den Neuankömmlingen um gute Jobs und Immobilien in guten Lagen konkurrieren muss.« Für die wirtschaftliche Dynamik sei Deutschland allerdings auf Zuwanderung angewiesen.

El-Mafaalani sieht auch nicht, dass das ganze Land die Flüchtlinge begeistert aufnimmt: »In Leipzig hat niemand am Bahnhof geklatscht, als die Züge kamen.«

Doch ein hoher Migrantenanteil ist noch kein Garant für Wachstum. Regionen, die wirtschaftlich schwach sind, ziehen eher arme Migranten an. Oft sei mangelnde Information der Grund, so El-Mafaalani: »Viele Einwanderer vom Balkan kommen ins Ruhrgebiet wegen der günstigen Mieten. Dass es hier kaum Arbeit gibt, wissen sie nicht.«

Um von der Dynamik der Zuwanderung zu profitieren, muss das Ruhrgebiet wirtschaftlich attraktiver werden. Auch für Einwanderer. Es könnte sonst wieder eine Chance auslassen.

 

Kulturpolitik
10 / 2015

»Das hat alles am Rhein gelebt«

Von: Stefan Laurin


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