Foto: M. Kuhna

EIN SCHEIN VON SCHILDA

Trotz Protests schafft Düsseldorf seine Gaslaternen ab.

TEXT: MARTIN KUHNA

Noch leuchten 16.000 Gaslaternen in der Landeshauptstadt. Zwar hat Berlin sogar über 40.000 solcher Leuchten, doch in Düsseldorf wird die Straßenbeleuchtung zu über einem Viertel mit Gas betrieben. Das warme Licht prägt ganze Viertel wie nirgendwo sonst. Aus einem schwer begreiflichen Grund ist den Düsseldorfer Politikern das neuerdings peinlich.

Vor 40, 50 Jahren wäre ihr Elektrifizierungseifer kaum aufgefallen. Damals wollte jede Stadt unbedingt modern sein und autofreundlich grell. Modern hieß bei der Beleuchtung elektrisch. »Gaslicht« verkam zur Chiffre für Gestrigkeit; die alten Lampen wurden überall zu Tausenden niedergelegt, städtische Straßen in kaltes oder gelb-gespenstisches Leuchtstoff-Licht getaucht.

Auch in Düsseldorf wurden Gaslaternen durch moderne Lampen ersetzt. Aber der übliche Kahlschlag fand nicht statt. Man wusste, dass Energie- und Wartungskosten bei Gaslaternen höher waren. Die Stadtwerke rechneten dagegen: Austausch amortisiere sich erst nach 30 oder 40 Jahren. Dann aber seien Elektrolampen oft schon marode, während die gasdurchströmten Masten der alten Laternen rostfrei bleiben. Bürger, Verwaltung und Politik schienen einig: Von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen, wird das vorbildlich gepflegte Gaslicht erhalten.

Seit 2009 soll das nicht mehr gelten. Außer den alten Spar-Argumenten wenden die politischen Milchmädchen nun noch den Umweltschutz gegen das Gaslicht, obwohl die 16.000 Düsseldorfer Laternen kaum messbar zum CO2-Ausstoß der Stadt beitragen. Selbst die »seltenen Erden« in den Gas-Glühstrümpfen werden zum radioaktiven Problem hochgejazzt. »LED« ist das neue Zauberwort. Dummerweise ist LED-Technik für Straßenbeleuchtung noch sehr teuer und keineswegs ausgereift. Deshalb soll Gaslicht auch durch Natriumdampftechnik mit ihrem gelben Licht ersetzt werden. Kurios: Deren preiswertere Varianten verbietet die EU schon bald; da gibt es genug auszutauschen.

Eine bunte Bürgerinitiative mit Kunstmäzenin Gabriele Henkel und Altstadtbäcker Josef Hinkel, mit Akademiechef Tony Cragg und Karnevalisten, mit Designern, Historikern und Vertretern des Traditionsvereins »Düsseldorfer Jongens« konnte den Rat nicht erweichen. Der will partout die Gaslaternen loswerden und hat beschlossen, dass 1400 schon in den nächsten Monaten verschwinden sollen. Als ob Eile geboten wäre. Die Versuchung, sich mit Symbolpolitik à la Glühbirnenverbot und »Biobenzin« zu profilieren, scheint unwiderstehlich.

Völlig indifferent sind die Lokalpolitiker gegen das Hauptargument der Gaslichtfreunde: dass die Stadt ein technisches Denkmal zerstört, das in einmaliger Weise Gaslicht als einstigen Schrittmacher der Industrialisierung und Urbanisierung tagtäglich in Funktion demonstriert. Die Initiative sieht darin mit einigem Recht ein Weltkulturerbe – wie die Essener Zeche Zollverein oder die Völklinger Hütte. Politik und Verwaltung jedoch demonstrieren derweil ihr Denkmalverständnis, indem sie grell leuchtende Imitationen alter Gaslaternen aufstellen lassen, einschließlich nachgemachter Gasbrenner aus Plastik. Echt falsch, reiner Kitsch, schäbiger Schein. Wie Plastikblumen auf dem Ratssaaltisch. Kritiker meinen: typisch Düsseldorf.

Kulturpolitik
02 / 2011

EIN SCHEIN VON SCHILDA

Von: MARTIN KUHNA


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