Miriam koch. Foto: stadt Düsseldorf / Ingo Lammert

»Flüchtlingsbeauftragte heißt immer wieder etwas anderes.«

Interview mit der Flüchtlingsbeauftragten Miriam Koch über das Düsseldorfer Unterkunftsmodell.

 

Interview Dagny Moormann

Als Miriam Koch im Februar 2015 Flüchtlingsbeauftragte in Düsseldorf wird, ist niemandem klar, was diese Aufgabe bedeuten würde angesichts von rund 7.000 Flüchtlingen, die dann in die Stadt kamen. Gut so, findet die 49-Jährige. War sie anfangs mehr Bürgerbeauftragte und hielt Infoabende, entwickelte sie später ein Unterkunftsmodell für die Stadt mit, nahm Züge mit hunderten von Flüchtlingen in Empfang und brachte direkt ein zweites, zukunftsweisendes Projekt mit auf den Weg.

k.west: Frau Koch, Sie sind jetzt seit rund einem Jahr Flüchtlingsbeauftragte ‒ ist der Job so, wie Sie ihn sich vorgestellt haben?

Koch: Nee, so habe ich mir das nicht vorgestellt. Es war zwar klar, dass die Aufgabe immens würde, aber mit diesen hohen Flüchtlingszahlen hatten wir nicht gerechnet. Meine Tätigkeit hat sich dadurch völlig unterschiedlich entwickelt. Das ist ja auch der Reiz einer so gänzlich neuen Aufgabe. Ich konnte selbst kreieren, was ›Flüchtlingsbeauftragte‹ bedeutet.

k.west: Zum Beispiel? Koch: Anfangs war ich eher Bürgerbeauftragte und habe viele Infoveranstaltungen abgehalten, im Sommer mussten wir dann die ganzen Notaufnahmen organisieren, Zelte aufbauen und solche Dinge. Und im Herbst habe ich federführend den Empfang der Sonderzüge mit jeweils mehreren hundert Flüchtlingen für NRW abgewickelt. Nebenbei liefen permanent Themen wie Gesundheitsversorgung und psychosoziale Betreuung.

k.west: Klingt aber auch anstrengend. Machen Sie das gern?

Koch: Ja, besonders der Kontakt zu den Bürgern und den Flüchtlingen macht mir Spaß. Außerdem kann ich mich anders als in vielen Städten ausschließlich dem Thema widmen. Das ist Luxus.

k.west: Apropos anders als in vielen Städten, wie ist das Düsseldorfer Modell entstanden?

Koch: Im Prinzip auf der Rückfahrt von einer Containeranlage in Holland.

k.west: Wieso in Holland?

Koch: In Düsseldorf gab es bis dahin keine derartige Anlage, also haben wir uns letztes Frühjahr Angebote von Herstellern eingeholt, unter anderem von einer holländischen Firma. Das wollten Birgit Lilienbecker vom Gebäudemanagement und ich uns auch in Betrieb vor Ort ansehen. In Holland ist die Flüchtlingsunterbringung zentralistischer organisiert, es waren viel mehr Menschen in der Anlage. 

k.west: Es hat doch auch Vorteile, viele auf einmal unterbringen zu können.

Koch: Wir wollten auf jeden Fall kleinere Bereiche schaffen, weil das Miteinander besser funktioniert, auch die soziale Kontrolle. Pro Flur nur zehn Leute. Uns gefiel, dass der Hersteller flexible Module anbot, weil wir dadurch die Anlage mit Hilfe von Zwischentüren auf Familien verschiedener Größe anpassen können. Jede Familie kann eine eigene Pantryküche und Sanitärräume nutzen, das entzerrt die Situation unheimlich. Deshalb haben wir auf dem Rückweg von Holland direkt aufgezeichnet, wo die Zwischentüren für 20 Leute in jeder Etage sein müssen. 

k.west: Ende Oktober konnten die ersten in eine Anlage nach dem Düsseldorfer Modell einziehen – was haben sie dazu gesagt?

Koch: Die Leute waren glücklich nach drei Monaten im Zelt. 

k.west: Dabei sind die Anlagen ja eher nüchtern und spartanisch eingerichtet.

Koch: Es ging erst einmal darum, Obdachlosigkeit zu vermeiden. Und dann darum, dass sich die Leute wieder selbst versorgen können. Man muss sich klar machen, was man Menschen nimmt, wenn man sie dazu verdonnert, versorgt zu werden. 

k.west: War dieser Gedanke auch Ausgangspunkt für das Projekt, bei dem handwerklich ausgebildete Flüchtlinge selbst an
einem Wohnhaus mitbauen, also ihren Berufen wieder nachgehen und zugleich für ihre eigene Unterbringung sorgen können?

Koch: Ausgangspunkt nicht, aber ein wichtiger Effekt, es reicht nämlich nicht, die Leute einfach unterzubringen. Wir wollen sie gesellschaftlich beteiligen.

k.west: Und was war dann der Ausgangspunkt, wie kam es zu der Idee?

 

Koch: Es ist ein Gemeinschaftsprojekt, aber ein Anstoß dazu kam von einem Flüchtling selbst. Ich saß noch spätabends mit einem Journalisten und Flüchtlingen in einem Wohnzelt. Als ich Bilder einer Containeranlage gezeigt habe, sagte ein Mann am Tisch, er sei Maler und wolle beim Anstreichen helfen.

Kulturpolitik
02 / 2016

»Flüchtlingsbeauftragte heißt immer wieder etwas anderes.«


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