Der Mantelbau des neuen Stadtarchivs nach Plänen von Sibylle und Felix Waechter wird nur noch drei Geschosse bekommen – ursprünglich waren vier geplant. Bilder: Waechter + Waechter

Geduldspiel mit dem Stadtgedächtnis

2009 ging das Kölner Stadtarchiv unter. Der Neubau sollte längst begonnen sein. Warum ist es noch nicht so weit?

Text Annika Wind

Eigentlich kann es bald losgehen: Das Verwaltungsgebäude, das hier einmal gestanden hat, ist längst abgerissen. Die Bauwagensiedlung umgezogen, der Baumbestand abgeholzt. Geblieben ist eine riesige Fläche zwischen Eifelwall und Luxemburger Straße, auf der das neue Kölner Stadtarchiv stehen soll. Da kommt nun dieser Mann. Er trägt eine Warnweste und sagt, er sei zum »Aufpassen« hier. Und dass man die schlammige Fläche nicht fotografieren dürfe. Keine Fotos von einem bloßen Bauplatz? »Sie müssen verstehen«, erklärt später Sven Brüggemann, Pressesprecher der Kölner Gebäudewirtschaft, am Telefon: »Dieses Projekt ist eben sehr sensibel.«

Gemeint ist das Stadtarchiv, das vor sieben Jahren während der Bauarbeiten für einen U-Bahn-Tunnel eingestürzt war und nun am Eifelwall sein neues Domizil bekommen soll. Damals war das historische Gedächtnis der Stadt zwischen Schutt und Schlamm versunken: 62.000 Urkunden und Testamente, fast 2000 Handschriften, darunter Originale von Napoleon, Verdi oder Heinrich Böll aus über 1000 Jahren regionaler und überregionaler Geschichte. Nach einer beispiellosen Bergungs- und Restaurierungsaktion sollen die Dokumente nun in der Nähe der Universität dauerhaft eine neue Heimat finden. Doch der Baustart verzögert sich, einige Probleme sind weiterhin ungelöst.

Wie so oft in der Kölner Kulturpolitik geht es um Geld. Als vor Jahren der Rat beschlossen hatte, ein neues Archiv zu bauen, planten die Verantwortlichen eigentlich ein sinnvolles Gesamtpaket: Das Darmstädter Architekturbüro Waechter+Waechter sollte in seinem damaligen Entwurf nicht nur die Bestände des Stadtarchivs unterbringen, sondern auch das Rheinische Bildarchiv und die 450.000 Bände der Kunst- und Museumsbibliothek (KMB) – beide sitzen zurzeit noch in der Nähe des Stadtmuseums. Doch dann beschloss die Stadtspitze, 20 Millionen Euro des Kulturetats einzusparen und nur noch eine »kleine Lösung« umzusetzen. Waechter+Waechter mussten ihren Entwurf verändern. Von ursprünglich vier Geschossen im sogenannten »Mantelbau«, der sich um einen sechsgeschossigen, fensterlosen Magazintrakt am Eifelwall legt, werden jetzt nur noch drei gebaut. Immerhin darf das Rheinische Bildarchiv wie geplant hier einziehen, die Kunst- und Museumsbibliothek nun aber doch nicht.

Dabei hätte der Neubau am Eifelwall deren langes Nomadentum beendet: »Unser Haus ist zurzeit auf fünf Standorte in der Stadt verteilt«, sagt KMB-Direktorin Dr. Elke Purpus: Über 50 Prozent der Bestände mussten schon aufgrund enormer Platzprobleme in Magazine ausgelagert werden; dabei ist die KMB eine Präsenzbibliothek. Allein im vergangenen Jahr haben 10.000 Menschen die KMB genutzt – bei gerade einmal 32 Arbeitsplätzen, die ihnen im Lesesaal des Museums Ludwig und im Museum für Angewandte Kunst zur Verfügung stehen. Kostbare Folianten seien nur in den Verwaltungsräumen einsehbar, in denen es nicht einmal einen Vorlege- oder Lesesaal gebe. Zudem fehlten eine Garderobe, Aufenthalts-, Medien-, Veranstaltungs-, Ausstellungs- und Gruppenarbeitsräume. Und vor allem Magazinflächen. All das hätte man im Neubau des Stadtarchivs gemeinsam nutzen können.

Weil die Probleme derart drängten, wurde zwischenzeitig sogar eine Auflösung der KMB diskutiert. Diese Pläne sind glücklicherweise vom Tisch. Dafür hat der Rat der Stadt nun eine Kooperation zwischen der KMB und der Universitätsbibliothek angeregt. Aus ihr könnte eines Tages eine »Zentralbibliothek für Kunst und Kunstgeschichte« entstehen. Ob die allerdings dann auch einen neuen Standort bekommt? Womöglich in der Nähe des Stadtarchivs?

Dafür müsste es erst einmal gebaut werden. Nach dem Einsturz 2009 hatte der damalige Oberbürgermeister Jürgen Roters den Neubau für 2015 versprochen. In einer Beschlussvorlage des Rates vom 20. April 2015 hieß es zuletzt, mit den Ausschachtungsarbeiten am Eifelwall wolle man »spätestens im Dezember 2015« beginnen. In dem Dokument wird als Eröffnungstermin 2019 genannt. Im Stadtarchiv selbst rechnet man inzwischen eher mit 2020: »Denn schon allein der Einzug sämtlicher Bestände dürfte ein halbes Jahr in Anspruch nehmen«, erklärt Archivsprecher Tobias Kolf. 

Doch nach wie vor tut sich auf dem Bauplatz nichts. Und jeder Monat, um den sich das Projekt verzögert, kostet Geld. Für die provisorische Unterbringung der Dokumente aus dem Stadtarchiv, u.a. im Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum Porz oder im Sächsischen Staatsarchiv Wermsdorf, muss die Stadt jährlich drei Millionen Euro aufbringen. Zusätzlich werden noch Archivflächen des Erzbistums (jährliche Kosten: 43.000 Euro) und im Kunstlager der Spedition Hasenkamp (macht noch mal 115.000 Euro) angemietet. Nach dem Einsturz waren die Archivalien zudem auf rund 20 Asylarchive in ganz Deutschland verteilt worden; diese brauchen ihre Magazinflächen allerdings langsam wieder zurück. Und weil es für das neue Archiv in Köln bekanntlich noch nicht einmal einen Spatenstich gab, werden die Dokumente notgedrungen für die nächste Zeit im ehemaligen Landesarchiv in Düsseldorf zwischengeparkt. Kostenpunkt allein für die rund 20 Regalkilometer, die man dafür anmietet: jährlich 465.800 Euro. Plus weitere 150.000 Euro für die Transporte nach Düsseldorf (nicht berechnet darin der spätere Weitertransport nach Köln).

Die Bürger erfahren von solch horrenden Folgekosten derzeit nur wenig. Das ist auch einer der Vorwürfe, die die Bürgerinitiative »ArchivKomplex« gegen die Stadtspitze erheben. Seit Jahren begleitet die Bürgerinitiative sämtliche Entwicklungen zum Thema Stadtarchiv kritisch. Zuletzt hatte sie zum siebten Jahrestag des Unglücks Anfang März eine Gedenkveranstaltung an der Einsturzstelle organisiert. Bei ihr machte der Künstler Mischa Kuball, der wenige Gehminuten entfernt an der Kunsthochschule für Medien unterrichtet, den Stadtvätern ein unbequemes Geschenk: Er ließ ein eigenes Werk installieren, dessen Gestaltung an die braunen Hinweisschilder auf Autobahnen erinnert. Doch statt einer kulturellen Sehenswürdigkeit zeigt es das riesige Loch, das wie eine Wunde in der Stadt klafft. »Das Schild soll helfen, das Vergessen zu stoppen«, sagt der Professor für Medienkunst. Dafür sorgen, dass nicht nur die Staatsanwaltschaft weiter nach der Unglücksursache forscht, sondern die Schuldigen eines Tages auch verurteilt werden. Kuball will der Stadtspitze zeigen, dass nach den »Glaubwürdigkeits- und Materialverlusten«, wie er es nennt, nun transparente Entscheidungen gefordert seien. Die Stadt müsse weiter um das Vertrauen ihrer Bürger werben. Offenlegen, was eines Tages an der Einsturzstelle entstehen soll. Was mit den Beständen der Kunst- und Museumsbibliothek geschieht und warum sich der Neubau immer wieder verzögert …

Kulturpolitik
04 / 2016

Geduldspiel mit dem Stadtgedächtnis

Von: Annika Wind


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