Es war einmal: das FKT. Foto: Thorsten Schnorrbusch

Bitte einmal gentrifizieren: Tankstelle in Wuppertal-Barmen. Foto: Andreas von Ow

GLANZ UND ELEND DES TEMPORÄREN

»Zwischennutzung« ist das Zauberwort der Stadtentwicklung. Künstler und Kreative machen fröhlich mit – aber wissen sie auch, worauf sie sich da einlassen?

TEXT: HONKE RAMBOW

In Bochum gab es bis zum Sommer 2014 das Freie Kunst Territorium (FKT). In einer ehemaligen Genesungsstätte von Thyssen-Krupp hatte sich eine Gruppe bildender Künstler eingerichtet. Ateliers in einem einstöckigen Bädertrakt, das angrenzende Behandlungs- und Bürogebäude wurde für Ausstellungen und Performances genutzt. Die Künstler zahlten der Thyssen-Immobilien-Gesellschaft eine Miete unter Marktniveau und kümmerten sich im Gegenzug um den Erhalt des denkmalgeschützten Gebäudes. Es lief gut an der Bessemer Straße, man knüpfte Kontakte in die angrenzenden Stadtteile Griesenbruch und Stahlhausen, zur benachbarten Volkshochschule und zur Friedenskirche, die gerade zum Stadtteilzentrum entwickelt wurde; Workshops brachten Publikumsverkehr; freie Performance- und Theaterschaffende nutzten die Räume für Proben. Es gab nur einen Haken: Der Mietvertrag konnte jederzeit gekündigt werden.

Das störte die Künstler irgendwann. Als das Konzept des FKT funktionierte, wollten sie dauerhaft bleiben. So wurde eine Strategie entwickelt, das Gebäude zu kaufen. Zusätzliche Mieter wie der Fachbereich Theaterwissenschaften der Ruhr-Universität und die Volkshochschule bekundeten Interesse. Ein Eigenanteil von rund 200.000 Euro wurde aufgebracht, das Land NRW zeigte Bereitschaft, den Rest im Rahmen einer Projektförderung aufzustocken. Es fehlte nur ein Anteil von der Stadt Bochum. Die aber konnte oder wollte nicht einsteigen. Stattdessen fand sich plötzlich ein Käufer für das Gebäude – das FKT musste innerhalb weniger Monate ausziehen. Es existiert nicht mehr.

Die beteiligten Künstler arbeiten noch in Bochum. Dorothee Schäfer fand ein Atelier direkt neben dem alten Standort im Stadtteilzentrum Q1 in der Friedenskirche. Sie habe zum ersten Mal einen dauerhaften Mietvertrag für einen Arbeitsraum unterschrieben, erzählt sie und findet, dass das ein gutes Gefühl sei: »Vielleicht hat das auch etwas mit dem Alter zu tun.« Dass Zwischennutzungen interessante Möglichkeiten bieten, glaubt sie immer noch. An temporären Projekten würde sie jederzeit wieder mitwirken. Allerdings nur, wenn ein klar definierter Zeitrahmen von Anfang an Teil der Planung ist. Für kontinuierliche künstlerische Arbeit braucht sie die Sicherheit des Ortes. Eine Gruppe wie das FKT, so Schäfer, werde vor allem auch durch den Ort definiert.

Als Gaby Schulten 2007 in Wuppertal begann, Zwischennutzer und Besitzer leerstehender Immobilien zusammenzubringen, leistete sie Pionierarbeit. Ihre »Zwischennutzungsagentur Wuppertal« war neu; ein ähnliches Projekt gab es nur noch in Berlin. »Damals war es kein Problem, potenzielle Nutzer zu finden, die sich auf das Temporäre einlassen. Die Schwierigkeit war eher, die Besitzer davon zu überzeugen.« Eine Altersfrage: Mittlerweile ändere sich das, so Schulten. Die Generation von Immobilienbesitzern, die noch von lebenslangen Mietverhältnissen ausgeht, schwinde.

Der Begriff »Zwischennutzung« ist im Diskurs eng mit einem anderen verknüpft: »Kreativwirtschaft«. Fast immer sind es Kreative, die leerstehende Räume zeitweise bespielen. Kommunalverwaltungen und Stadtplanung profitieren von Zwischennutzung: Sie bewahrt nicht nur die Substanz, sondern führt im besten Fall zu Gentrifizierung. Die Kreativen werten das heruntergekommene Viertel auf, bis es wieder zu rentablen Preisen vermietet werden kann – so die einfache Rechnung.

Eine Rechnung, die in boomenden Metropolen wie Berlin, Köln, Hamburg und Düsseldorf aufgeht, in schrumpfenden Städten wie denen des Ruhrgebiets eher unrealistisch ist. Hier müsste die temporäre Nutzung preiswerter oder kostenloser Räume eine so gewaltige Eigendynamik entwickeln, dass sie wieder Menschen in großer Zahl in die Region zieht. Für die Stadtplanung ist es jedoch die weitaus bequemere Variante, mit Zwischennutzungen zu arbeiten. Zudem wirkt es zukunftsorientierter und optimistischer, als den Rückbau von Wohn- und Geschäftsraum in Angriff zu nehmen.

Duisburg traute sich bisher als einzige Stadt in NRW an einen großflächigen Abriss. Der Stadtteil Bruckhausen ist ein umstrittener Präzedenzfall. Hätten die teils leerstehenden Wohn- und Geschäftsräume nicht auch kreativ zwischengenutzt werden können? Der LEGENDA e.V. ist zumindest davon überzeugt – und sei es nur als Drehort für Film- und Fernsehen, wie es in dem Projekt »Testsidestories« für Urbane Künste Ruhr durchexerziert wurde. Doch kann Zwischennutzung in einem riesigen schrumpfenden Gebiet wie der Ruhrregion wirklich dauerhaft die Lösung sein?

In den vergangenen Jahren experimentierte Urbane Künste Ruhr umfangreich mit Möglichkeiten der Zwischennutzung, zuletzt beim Detroit-Projekt in Bochum. Es waren zeitlich klar begrenzte Vorhaben, oftmals von Künstlern mit Beteiligung der Bevölkerung vor Ort umgesetzt. In Bochum sollte ausgelotet werden, was die Kreativen nach Schließung des Opel-Werks anbieten können. Geradezu tragisch mutete an, dass das Gelände des FKT während des Detroit-Projekts Standort der »Onemansauna« von Modulorbeat war und auch die Pflanzcontainer für den Vorplatz des Schauspielhauses hier gebaut wurden. Und das, während sich die Künstler, die jahrelang für die und mit der Stadt arbeiteten, auf ihren Auszug vorbereiteten.

Auch vor diesem Hintergrund war die Film- und Fotoarbeit »Shoot Out« von Klaus Weddig, Chris Kondek und Christiane Kuehl, die in einer leerstehenden Schlecker-Filiale gezeigt wurde, vielleicht die beste des Festivals, weil sie humorvoll das Unbehagen der Künstler mit dem Partizipativen und Temporären thematisierte. Und erzählte, wie Künstler mit besten Absichten in die Region einfallen, für kurze Zeit etwas für die Menschen und die Orte tun wollen, aber letztlich daran scheitern, dass sie zu wenig Ahnung von den Voraussetzungen haben, die nicht ins sorgsam erarbeitete Konzept passen wollen.

Der in Bottrop geborene Sebastian Dannenberg ist ein Spezialist für Zwischennutzung: Er arbeitet überwiegend ortsspezifisch und ist darauf angewiesen, immer neue Räume zu besetzen. Bei »Bob’s Service« bespielte er 2013 vier Wochen lang eine Tankstelle in Wuppertal, die kurz vor dem Abriss stand, gemeinsam mit Stefanie Gerhardt, Kriz Olbricht, Andreas von Ow, Natalie Obert und David Semper. So erfolgreich, dass sich der Besitzer danach entschloss, sie zunächst als Kulturraum weiter zu nutzen.

Dannenberg ist sich seiner Rolle sehr bewusst: »Wir sind Vorreiter und müssen weiterziehen«. Selbstbewusst geht er auf Suche nach Räumen. Daniel Schnier von der Bremer »ZwischenZeitZentrale« erinnert sich, wie Dannenberg in sein Büro kam: »So, wo kann ich hier denn gentrifizieren?« In Bremen geht es aktuell um einen temporären, nicht-kommerziellen Galerieraum. Was die ZZZ dafür tun könne, dass er hierher kommt, habe Dannenberg gefragt. Schließlich bringe er Knowhow und die Kontakte mit. »Wenn es gut läuft, schafft es Aufmerksamkeit für den Stadtteil und zieht andere Projekte an«, hofft Schnier.

Dannenberg sieht eine neue Generation der Zwischennutzer, die den Wert ihrer Arbeit für wesentlich erachten und lernen, Forderungen zu stellen. Mit Schnier und der ZZZ fand Dannenberg einen Partner, der das Thema deutschlandweit einzigartig betreibt und Städte wie Düsseldorf berät, die gerade erst beginnen, sich damit zu befassen. Die ZZZ tritt bei Immobilien auch als Hauptmieter auf, um Besitzern wie Nutzern ein Mindestmaß an Sicherheit zu geben.

Aber: Profitieren wirklich beide Parteien gleichermaßen? Was bringt Zwischennutzung für die Zwischennutzer? Das Argument, dass sie günstig Raum bekommen, ist kurzsichtig. Denn ist die Zwischennutzung im Sinne der Stadtentwicklung erfolgreich, müssen sich die Nutzer darauf einrichten, ihre Siebensachen packen zu müssen. Die Hoffnung, eine temporäre Nutzung in eine dauerhafte umzuwandeln, ist bei steigenden Immobilienpreisen kaum realistisch. Am ehesten funktioniert das Modell für Künstler dann, wenn sie zeitlich klar begrenzte Projekte durchführen. Das schützt davor, zum Spielball der Stadtplaner zu werden.

Kulturpolitik
06 / 2015

GLANZ UND ELEND DES TEMPORÄREN

Von: Honke Rambow


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