Hier ist Herne

Auch für kleine Städte ist die Kulturhauptstadt-Bewerbung Ehrensache – für einige zumindest

»Wer dafür ist, den bitte ich um das Handzeichen … Danke, wir kommen zum nächsten Punkt …« Im Sitzungssaal 214 des Herner Rathauses scheinen Europa und seine Kulturhauptstadt weit weg. Die Mitglieder des Kulturausschusses haben dicke Wälzer vor sich liegen: das Zahlenwerk des städtischen Etats. Unter Leitung der Vorsitzenden blättern sie durch jene Posten, für die ihr Plazet gefragt ist – der Nebenkosten-Zuschuss für die Kneipe der Flottmann-Hallen, die Reparatur des Bücherbusses, die Streichung von jährlich 19.000 Euro Landesmitteln bei der Volkshochschule. Doch inmitten des alltäglichen Elends meldet sich ein SPD-Vertreter zu Wort und beantragt im Namen seiner Partei und der Grünen, 10.000 Euro im Haushalt 2006 bereitzustellen, damit Herne sich schon jetzt auf seine Rolle als Kulturhauptstadtteil vorbereiten kann.

10.000 Euro – in Herne ist das viel Geld. Die Stadt von 170.000 Einwohnern steckt tief in den Strukturwandelproblemen des Ruhrgebiets. Die Verschuldung ist hoch, die Arbeitslosenquote dito. Pflichtschuldig macht der CDU-Vertreter die Bedenken seiner Partei gegen den »populistischen« Antrag der rot-grünen Koalition geltend.

Zwar sei der Ansatz völlig richtig, »und wir würden gern 20.000 Euro dafür bereitstellen« Weil aber in dem Antrag keine Rede davon ist, wo die geforderte Summe herkommen solle, sei er unseriös.

Dass die 10.000 Euro nicht oder nicht ausschließlich durch Sparen im Kulturetat gewonnen werden sollen, darüber ist sich nicht nur der Ausschuss einig, so sieht es auch Kulturdezernentin Gudrun Thierhoff. Immerhin erhoffen sich alle durch den Titel Kulturhauptstadt fürs Ruhrgebiet einen Imagegewinn auch für ihre Stadt – da könnte man mit Fug auch im Marketing-Etat und anderswo wildern. Weil sich die Christdemokraten am Ende enthalten, wird der Antrag angenommen. Herner Künstler werden mit Hilfe der 10.000 Euro ihre Projektideen zur Kulturhauptstadt 2010 weiter verfolgen und bald öffentlich präsentieren können.

Ihre Initiative und das mehrheitliche Engagement der Politiker lesen sich wie ein Idealbeispiel dafür, dass auch kleinere Ruhr-Städte beim Projekt Kulturhauptstadt nicht im Schlagschatten der großen verkümmern müssten. Allerdings ist das Verhältnis der Herner Aktiven zur Kandidatin Essen und deren Protagonisten ambivalent, wie ein Gespräch mit Peter Liedtke zeigt. Der Fotograf und Initiator der Internet-Fotosammlung »Pixelprojekt Ruhrgebiet « war maßgeblich beteiligt, als Architekten, Bildhauer, Musiker in Herne über die Kulturhauptstadt nachzudenken begannen. Außerdem sitzt Liedtke als sachkundiger Bürger für die Grünen im Kulturausschuss. Anfangs, sagt er, seien viele skeptisch gewesen: Passiert da wirklich was? Haben kleinere Städte eine Chance? Geht es nicht immer nur um Essen, Bochum, Dortmund und Duisburg mit ihren »Leuchttürmen« und gewichtigen Sponsoren? Die Skepsis ist bis heute nicht gewichen. Man nehme nur »Twins«, sagt Liedtke, das Projekt der 160 Partnerstädte – ideales Vehikel, mit dem sich auch kleinere Gemeinden engagieren könnten. Aber wo hat das erste Vorbereitungstreffen mit ausländischen Gästen stattgefunden? In Duisburg, Dortmund, Essen. Auch Kulturdezernentin Thierhoff meint, dass solche Gesten in den kleinen Städten wohl registriert würden. Peter Liedtke hat überdies Unbehagen an »zentralistischen« Tendenzen der Bewerbungs-Organisation; wirklicher Dialog mit kleinen Städten und der freien Kunstszene finde kaum statt.

Bei aller Skepsis, so Liedtke, habe man in Herne aber nicht abwarten wollen, ob bei der Vorbereitung für die Kulturhauptstadt irgendwann mal etwas abfällt. So haben sich Menschen zusammengetan, um erste Projektentwürfe zu einem appetitanregenden Amuse gueule zusammenzustellen; die Inszenierungen und Installationen bewegen sich um das im Wortsinn naheliegende Thema »Rhein- Herne-Kanal«. Mit diesem Musterkoffer, sagt Liedtke, könne man dann sofort nach der EU-Entscheidung fürs Ruhrgebiet »Hier ist Herne!« rufen. Tatsächlich sollen die Ideen schon im Frühjahr öffentlich präsentiert werden, auf dem Kanal-Ausflugsschiffchen »Friedrich der Große«.

So wollen die Herner offensiv dafür streiten, dass Projekte für 2010 in ihre Stadt vergeben werden – einschließlich der damit verbundenen Fördergelder, möglichst auch von so potenten Sponsoren, wie sie Herne selbst kaum mehr in seinen Mauern hat. Die Stadtpolitik, sagt Peter Liedtke, habe man anfangs zum Jagen tragen müssen: »Die dachten, die Verwaltung macht 2009 irgendeinen Vorschlag zur Kulturhauptstadt, den man dann absegnet.« Inzwischen sei allen klar geworden, dass es ein längerer Prozess ist, in dem Herne sich als Kulturhauptstadtteil positionieren und überhaupt erst auf der kulturellen Landkarte eintragen kann – denn, so Liedtke: Herne und Kultur, das sei trotz »Tage Alter Musik« ja nicht eben ein etabliertes Begriffspaar.

Gudrun Thierhoff, Kulturdezernentin seit Herbst 2005, sieht heute alle wichtigen Kräfte an diesem Prozess beteiligt. Dabei seien sich alle dessen bewusst, dass das Unternehmen Kulturhauptstadt zuerst einmal Geld kostet, sogar dann, wenn Herne von sich aus nichts weiter unternimmt: über den jährlichen Beitrag zum Regionalverband Ruhrgebiet nämlich, der im Jahr 2010 wohl auch einmalig erhöht werden wird, wie Jürgen Fischer vom Bewerbungsbüro sagt. Trotz dieser – nach Einwohnerzahl berechneten – RVR-Umlage gebe es hier und da in kleineren Städten das wenig selbstbewusste Gefühl: »Hoffentlich werden wir auch berücksichtigt«, meint Thierhoff. Dass Herne dagegen sich laut zu Wort meldet, auch wenn das noch ein bisschen mehr Geld kostet, sei Konsens, »und wir wollen das als Stadt fördern, mit allen Mitteln«. Auch wenn die bescheiden sind und der städtische Haushalt »sehr, sehr eng« ist. Nein, »Leuchttürme« habe Herne nicht zu bieten, sagt die Dezernentin und lässt ebenfalls eine kleine Spitze gegen die Großen erkennen, »aber wir haben ein paar Leuchtfeuer«.

Dass es in einigen der 53 Ruhrgebiets-Städten Vorbehalte gegen das Projekt Kulturhauptstadt gab, bestätigt Jürgen Fischer vom Bewerbungsbüro. Vor allem »am Rand« des Ruhrgebiets seien anfangs die Erfolgschancen bezweifelt worden. Aber das sei Vergangenheit, seit Essen und die Region erst in NRW und dann in Deutschland das Rennen machten. Duisburg und Dortmund etwa, die sich immer mal wieder gern aus der imagemäßig schwierigen Haftungsgemeinschaft Ruhrgebiet in die Regionen Niederrhein und Sauerland abseilen möchten, seien inzwischen sehr engagiert bei der Sache. Auch in der kleinen Stadt Herten habe man zu Beginn der Bewerbung vernehmlich überlegt, ob man nicht eigentlich zum Münsterland gehöre – »aber jetzt haben die sich sehr eingebracht «.

Dass es immer noch Städte gibt, die sich mit sehr gebremstem Eifer an den Vorbereitungen beteiligen, räumt Fischer nur indirekt ein – und bestätigt dabei die Strategie Hernes: Ob eine Stadt am Ende mit Projekten, mit Geldmitteln bedacht wird und vom resultierenden Renommee des Ganzen profitieren kann, das hänge nicht nur von unwiderstehlichen Spielstätten wie dem Gasometer Oberhausen oder der Gladbecker Maschinenhalle Zweckel ab, sondern auch davon, ob die Stadt mit tragfähigen Ideen auf sich aufmerksam macht. Die Grenzlinie zwischen großem Interesse und passivem Abwarten sieht Fischer allerdings nicht so sehr zwischen großen Städten hie und kleinen Städten da, sondern zwischen freier Kunstszene einerseits und den etablierten Institutionen andererseits.

Die freie Szene, Bürger und Stadtteile lieferten überall Impulse; von großen Museen etwa »kommt im Moment noch relativ wenig«. Angesichts knapper Gelder warte man da wohl lieber das Ergebnis der Bewerbung ab, und vielleicht sehe sich mancher Direktor bis 2010 schon ganz woanders.

Die Überlegung ist natürlich nicht ganz abwegig, erst mal die Entscheidung der europäischen Jury im März oder April abzuwarten. Auch in Herne werden die 10.000 Euro nur für den Fall im Haushalt verankert, dass die Bewerbung Erfolg hat. Doch was bisher in Herne schon passiert ist, sei auch im Falle Scheiterns keineswegs verloren, meint Kulturdezernentin Thierhoff. Beim Thema Kulturhauptstadt haben Leute zusammengewirkt, die bis dahin bestenfalls parallel zueinander gearbeitet hatten.

Das bleibt, glaubt Thierhoff, unabhängig von »2010«. Und das haben Städte wie Herne all denen voraus, die erst mal schlau abwarten. Peter Liedtke hofft außerdem, dass die erarbeiteten Projekte auf jeden Fall zustande kommen und dem Ruf Hernes als Kulturort aufhelfen. Wenn die Stadt ihre Künstler dabei nicht allein lassen will, muss der Kulturausschuss unter neuen Vorzeichen wieder über Fördergeld beraten – irgendwo einzusparen zwischen Bücherbus und VHS-Kürzungen. //

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Projekt Zwillinge

Vom Projekt »TWINS 2010« sind die Betreiber der Kulturhauptstadt-Bewerbung so begeistert, dass sie immer wieder darauf zu sprechen kommen. Vermutlich, weil es das erste Projekt ist, das offiziell und öffentlich sichtbar in Gang gekommen ist: mit einer vorbereitenden Konferenz, zu der 250 Gäste aus Europa anreisten. Im Blick auf die ausstehende Bewertung durch Brüssel ein etwas gewagter Startschuss, der wohl darauf berechnet ist, der Jury in den Ohren zu hallen und zu beweisen: Wir schaffen was, schon jetzt und auch im europäischen Rahmen.

»TWINS« ist ein einfaches Prinzip, das auf nahezu alle Projekte der Kulturhauptstadt angewandt werden kann: Die Partnerstädte, die »twin towns«, sollen mitmachen. Träte Essen als einzelne Stadt an, wäre das eine reichlich provinzielle Idee; Abgesandte aus fünf, sechs Partnerstädten könnten kaum mehr sein als folkloristische Farbtupfer. Ruhrgebietsweit aber schlägt Quantität in Qualität um: Es geht um etwa 160 Partnerstädte, und mit deren Potenzial lässt sich dann schon der Anspruch begründen, die europäische Dimension des Projekts »Ruhr 2010« sichtbar zu machen. Für kleine Städte ist »TWINS« eine Möglichkeit, sich Verstärkung für Projekte zu holen, die sonst über ihre Kräfte gingen. Für alle Städte gilt, dass die angestaubte Nachkriegs-Idee der Städtepartnerschaften renoviert werden kann – vom Austausch zu gemeinsamen Projekten. Bei der Vorbereitungskonferenz bestimmten noch die Zwillings-Funktionäre das Bild. Immerhin trat auch ein blonder Engel auf in Gestalt von Christina Gegenbauer aus St. Pölten, Mitwirkende eines Recklinghäuser Jugend-Theaterprojekts und trotz ihrer 17 Jahre schon bei den Ruhrfestspielen erprobt. »Es ist ein Wahnsinn, was durch so ein Festival in Recklinghausen möglich wird«, hauchte sie, »was wird dann erst im Ruhrgebiet …« Begeisterter Applaus. Leider ist St. Pölten bloß mit Heidenheim an der Brenz verschwistert.

 

Kulturpolitik
03 / 2007

Hier ist Herne

Von: Martin Kuhna


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