Kleider machen Wähler

Was tragen Spitzenpolitiker in ihrer Freizeit – und was erzählt das über sie? Der Stilberater Andreas Rose guckt für k.west genauer hin.

TEXT ANNIKA WIND

Weiß gestärkte Hemdkrägen. Darüber dunkelblauer Strick. So wurde im Juli 1990 Weltpolitik gemacht: im Freizeitlook. Betont leger gekleidet spazierten Bundeskanzler Helmut Kohl und der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow vor den Fernsehkameras durch den kaukasischen Kurort Schelesnowodsk. Die Eiszeit zwischen beiden Ländern war vorbei. So schmolzen die Spitzenpolitiker in ihren Wolljacken Ressentiments des Kalten Kriegs ab. 

Ein Bild, das um die Welt ging. Es zeigte, wie äußere Attribute zu politischen Bedeutungsträgern werden. Welche Fotos aber schicken die Spitzenkandidaten einer Landtagswahl, wenn man sie gerade nicht nach ihren offiziellen Outfits fragt? Was kommt dabei heraus, wenn man sie bittet, sich auf einem Foto im Freizeitlook zu präsentieren? Man bekommt keine Antwort, wie im Fall von Armin Laschet (CDU) oder Marcus Pretzell (AfD). Eine Absage, wie von Hannelore Kraft (SPD). Oder ein Foto zugeschickt, das den Spitzenmann der Piratenpartei im Kapuzenpullover zeigt – im Plenarsaal. »Michele Marsching macht eben keinen Unterschied, ob er privat oder beruflich unterwegs ist«, erklärt dazu sein Pressesprecher Daniel Düngel. 

Andreas Rose hält solch ein Auftreten für heikel: »Umgeben von Anzugträgern wirkt Marsching auf dem Bild regelrecht trotzig anders«, sagt der Stilberater aus Frankfurt. Wer ein Land repräsentieren will, von dem fordere der Kleidercodex aus seiner Sicht ein Mindestmaß an Konformität. Wer möglichst viele der 13 Millionen potenziellen Stimmen am 14. Mai in Nordrhein-Westfalen bekommen will, müsse für viele wählbar sein – auch modisch.

Unter der Überschrift »Öffentliches Erscheinungsbild des Landtags« hatte Carina Gödecke 2012 ein ungewöhnliches Schreiben an die Fraktionsvorsitzenden verschickt. Darin forderte die Düsseldorfer Landtags-Präsidentin einen strengeren Dresscode für Abgeordnete. Jacketts bei den Herren, bedeckte Schultern bei den Damen. Noch in den 90ern hatte die Grünen-Abgeordnete Silke Mackenthun Redeverbot bekommen, weil sie barfuß zum Rednerpult ging. Legendär ist die Szene von Joschka Fischer, der sich 1985 in weißen Turnschuhen zum Hessischen Umweltminister vereidigen ließ. 

Doch wie sehen 30 Jahre später Entscheidungsträger aus? »Das Wichtigste ist, dass sich die Person ihrer selbst sicher ist, das macht sie souverän«, sagt Rose, der zunächst als Grundausstattung zu Hosenanzügen, Kleidern oder Blazern in Schwarz, Blau und Grau rät und Frauen in Führungspositionen ermuntert, weiblicher aufzutreten. Wichtig seien zudem hochwertige Materialien und perfekte Schnitte. »Wer auf der Karriereleiter nach oben will, muss zeigen, wie achtsam mit sich selbst er ist.« Die Spitzenkandidatin der Linken hat daher aus seiner Sicht zunächst alles richtig gemacht, zumindest fast: »Özlem Demirel stehen der klassische Schnitt ihres Kleides und die Farben Schwarz und Weiß gut«, sagt Rose, nur die Ärmel seien unvorteilhaft zu lang.

Auch Sylvia Löhrmann wirke in ihrem Shirt mit Wasserfallausschnitt etwas kastig. »Das Grün ist allerdings wunderbar«, sagt Rose, es gebe der Politikerin Profil. Ein grünes Shirt, das eine Grünen-Spitzenpolitikerin im Grünen trägt: Ist das nicht ein bisschen zu offensichtlich? »Ganz im Gegenteil«, findet Rose. »Politiker sollten versuchen, solch positive Markenzeichen für sich zu finden.« So wie einst Hans-Dietrich Genscher, der immer wieder seinen gelben Pullunder ausführte, oder Franz Münteferings roter Schal.

Regelrecht ins Schwärmen gerät Rose, als er das Bild von Christian Lindner sieht: Der Anzug des FDP-Politikers sitze exzellent, der Stoff wirke wertig, das Hemd dynamisch. Dynamisch? »Man hat den Eindruck, dass Lindner sich in seinem passgenauen Outfit wohl fühlt«, sagt der Stilberater. Dass er zudem ohne Krawatte auftrete, stünde für Locker- und Jugendlichkeit. Schon vor 150 Jahren hatte die einstige Freizeitkleidung englischer Landbesitzer ihre eigene Aussagekraft: Wer ein schlichtes Sakko und das passende Beinkleid dazu trug, setzte sich bewusst von den pompösen Auftritten des viktorianischen Zeitalters ab. »Wer Anzug trägt, wirkt kompetent und seriös«, sagt Rose. Die Nahost-Expertin Florence Gaub hat den Business-Zweiteiler allerdings einmal als das »gleichmacherischste Kleidungsstück schlechthin« genannt. Anders ausgedrückt: Wer Anzug trägt, bietet so wenig Angriffsfläche wie möglich. Vielleicht sollte der krawattenlose Lindner über gelbe Einstecktücher nachdenken. Ist ja eher unwahrscheinlich, dass aus ihm noch eine rote Socke wird.

Kulturpolitik
05 / 2017

Kleider machen Wähler

Von: Annika Wind


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