RWE-Zentrale in Essen

Streichkonzert statt Kammermusik

Die Politik fordert ihre Kultureinrichtungen in Zeiten kommunaler Finanznot gerne auf, sich auf die Suche nach Sponsoren zu begeben. Doch denen geht zunehmend das dafür nötige Kleingeld aus. Ein Lagebericht.

Text Stefan Laurin

Mit 4,5 Millionen Euro im Jahr unterstützten die Stadtwerke Bochum über viele Jahre hinweg Kulturveranstaltungen, Sportereignisse und soziale Projekte in der notorisch klammen Ruhrgebietsstadt. Vor allem in der Zeit des Nothaushalts sorgten sie in Bochum zusammen mit der Sparkasse dafür, dass auch kleine Kulturveranstalter halbwegs durch die finanzielle Dürre kamen. Doch 2013 mussten die Stadtwerke und ihr damaliger Geschäftsführer Bernd Wilmert den Gürtel enger schnallen: Der Energieversorger senkte seinen Sponsoringetat auf 2,7 Millionen Euro. Heute stehen nur noch eine Million Euro zur Verfügung. »Die Energiewende hat für uns dramatische ökonomische Folgen, denen wir Rechnung tragen müssen«, so Wilmert.  Zwar macht das Unternehmen immer noch satte Gewinne, aber Insider schätzen, dass diese um 10 Millionen Euro jährlich höher ausgefallen wären, wenn es die Energiewende nicht gegeben hätte. Zudem wurde mit den Überschüssen der Stadtwerke der Verlust ausgeglichen, den Bochum durch seine RWE-Beteiligung machte: 100 Millionen Euro flossen in den Haushalt der Stadt.

Bei den Bochumer Stadtwerken steht nicht nur weniger Sponsoring-Geld zur Verfügung, auch die Verteilung der Mittel wurde verändert. Mittlerweile entscheiden die Kunden über die Verwendung, mit der Konsequenz, dass nur noch gut 20 Prozent des Geldes in den Kulturbereich fließen. Der Kabarettist und Schriftsteller Frank Goosen verglich das Verfahren seinerzeit mit einem Rattenrennen, die verschiedenen Gruppen hätten das Gefühl, gegeneinander ausgespielt zu werden. »Es ist ein unfairer Wettbewerb, bei dem kleine Bewerber schlechte Chancen gegen mitgliederstarke Vereine haben, die ihre Leute zum Abstimmen schicken können.« Geändert hat die Kritik Goosens daran nichts. Die Abstimmungen erfreuen sich großer Beliebtheit, die Vergabe der Mittel ist transparent und für die Stadtwerke ein PR-Erfolg. 

 Vergabe der Mittel ist transparent und für die Stadtwerke ein PR-Erfolg. In vielen nordrhein-westfälischen Städten sieht es kaum anders aus. In welcher Höhe die Dortmunder Stadtwerke DEW ihre Sponsoringmittel gekürzt haben, wollte das Unternehmen auf Anfrage von k.west nicht mitteilen. Aber dass es durch die Energiewende und die Beteiligung an kostspieligen und erfolglosen Projekten wie dem Kohlekraftwerk »Gekko« in Hamm, das DEW 100 Million Euro kostete, wirtschaftlich unter Druck steht, ist offensichtlich. In diesem Jahr reichte es nicht einmal mehr für eine Gewinnabführung an die Stadtkasse. Der Grund? Auch DEW verweist auf die Energiewende. Doch die ist nicht allein für das kulturelle Streichkonzert verantwortlich.

Tatsächlich geht es auch hier um eine Umschichtung des zur Verfügung stehenden Etats. Mit 50.000 Euro sponsort DEW in diesem Jahr das jüngst eröffnete Fußballmuseum des DFB. Im kommenden Jahr ist die doppelte Summe veranschlagt. DEW musste einspringen, weil sich kein anderes, dem Fußballverband genehmes Unternehmen fand, das das DFB-Museum unterstützen wollte. Also wurde bei DEW umverteilt, sodass das Konzerthaus der Stadt jetzt auf 75.000 Euro im Jahr verzichten muss. Auch die Stadtwerke Münster haben in den vergangenen Jahren Gewinnrückgänge zu verkraften. Auswirkungen auf das Sponsoring habe das jedoch nicht gehabt, lässt das Unternehmen wissen. »Auch für die nächsten Jahre sind keine Änderungen des Sponsorings geplant«, heißt es auf Anfrage dieses Magazins. Kultur spielt bei der Förderung in Münster allerdings keine große Rolle: Über die Hälfte der 593.850 Euro, die im vergangenen Jahr ausgegeben wurden, gingen in den Sportbereich. An Kultur und Gesellschaft flossen gerade mal 74.200 Euro – 13 Prozent des Etats. Allein der Verein Kindermuseum bekam davon 31.000 Euro.

Andere Energieversorger wie die Duisburger Stadtwerke haben bekannt gegeben, alle Sponsoringmaßnahmen einzustellen. Zu schlecht sei die wirtschaftliche Lage. Eon und RWE ließen k.west-Anfragen unbeantwortet, doch es ist bekannt, dass sie schon vor längerer Zeit die Kulturförderung reduziert haben. Was angesichts der Milliardenverluste kaum verwunderlich ist. Die RWE-Stiftung hingegen hat die Unterstützung nicht gekürzt. Doch auch die Stiftung, so Projektleiterin Daniele Berglehn, habe Probleme. Sie leide unter den niedrigen Zinsen. »Wir haben uns daher bereits 2014 entschlossen, nicht nur die Erträge, sondern auch Anteile aus dem Kapital einzusetzen, um weiter auch in größerem Maßstab fördern zu können.« Steigen die Zinsen in absehbarerer Zeit nicht wieder, könne dieser Kurs jedoch nicht weitergefahren werden, ohne die Existenz der Stiftung zu gefährden. Entspannter stellt sich die Lage bei den Sparkassen dar. Auch sie sind in den vergangenen Jahren häufig eingesprungen, wenn die Städte den Rotstift ansetzen mussten. Zwar gehören die Sparkassen offiziell nicht den Städten, ihren Trägern, und sie sind formal unabhängig, aber Kommunalpolitiker dominieren die Aufsichtsgremien.

Die Gewinne der Sparkassen bilden zusammen mit dem Geld der städtischen Unternehmen den größten Schattenhaushalt, über den Kommunalpolitiker noch verfügen können. Aber auch die Erträge der Sparkassen leiden unter den anhaltend niedrigen Zinsen. Zudem haben sie durch Online-Banken Konkurrenz bekommen, und die Pleite der WestLB ist an ihnen auch nicht spurlos vorüber gegangen. Trotzdem hat keine der von k.west angefragten Sparkassen vor, das Kultursponsoring zu kürzen. Weder die Sparkasse KölnBonn, die mit 13,5 Millionen Euro, die an über 1.700 Vereine und Initiativen vergeben werden, zu den wichtigsten Sponsoren in Nordrhein-Westfalen gehört. Noch die Dortmunder Sparkasse, die etwa das Stadttheater, die Philharmoniker, der nationale Kinder- und Jugendmusikwettbewerb »Jugend musiziert«, Kunstausstellungen und die Musikfestivals »Klangvokal« und »Juicy Beats« genauso wie das Literaturfestival »LesArt«, der alternative Karneval »Geierabend« und die Comedy-Reihe »RuhrHOCHDeutsch« unterstützt. Dennoch: Wer in der Kultur auf das Geld von Stadtwerken und anderen Energieunternehmen setzt, sieht schweren Zeiten entgegen. Die Energiewende setzt der Branche zu. Und das wird mittelfristig auch so bleiben. Allein bei den Sparkassen sieht es besser aus. Vorerst.

Kulturpolitik
01 / 2016

Streichkonzert statt Kammermusik

Von: Stefan Laurin


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