Während Mohammad Al Taani an einer Mappe arbeitet, suchen sich die Malerin Roya Issa und der Autor Mohammad Matroud Wege in den Kulturbetrieb. Fotos: Wind

Und dazwischen kleine Wunder

Kulturschaffende, die nach Deutschland geflüchtet sind, müssen nicht nur eine neue Sprache lernen - sondern auch neue Spielregeln.

Text Annika Wind

»Die Schlepper setzen uns einfach aus. Auf einer unbewohnten Insel. Ohne Wasser und ohne Milch für die Babys.« Mohammad Ouammi schaut ungläubig auf den jungen Mann neben sich. Ja, er kennt die Geschichte dieser Flucht eigentlich. Er hat sie schon einmal für Mohammad Al Taani übersetzt, als kürzlich die ersten Journalisten zu ihm kamen. Aber als er sie wieder hört, der Syrer dazu Fotos auf seinem Handy zeigt und sein Körper vor Anspannung zittert, da kriecht das Unbehagen an den Besprechungstisch. Und für eine Weile bleibt es still. An der Hochschule der bildenden Künste in Essen (HBK), wo sie an diesem Morgen wieder einmal beisammensitzen und überlegen, wie es weiter gehen könnte mit diesem 23-Jährigen, der unbedingt Künstler werden will. Und mit all den anderen Flüchtlingen, um die man sich kümmern müsste. Eigentlich.

Kunst macht Arbeit. Nicht nur an einer Hochschule wie in Essen. Sie ist das tägliche Brot zahlreicher Flüchtlinge gewesen, die als Musiker, Schriftsteller, Maler oder Bildhauer in ihren Heimatländern ihr Geld verdienten. Und nun, in Deutschland, nicht nur eine neue Sprache lernen, sondern auch ein neues System verstehen müssen. Denn Kunst ist zunächst einmal Arbeit, das sagt auch die Bundesagentur in Berlin. Und die ist in den ersten drei Monaten für Asylbewerber grundsätzlich verboten, bis die Asylbehörde vielleicht ihre Zustimmung gibt. Erst dann kann man als Kulturschaffender versuchen, Fuß zu fassen. Irgendwie.

Mohammad Al Taani hatte es noch gar nicht versucht. Das Wichtigste war, dass er sein Leben und das seiner Schwester und Nichte gerettet hatte. Dass sie nicht im Mittelmeer ertrunken waren, obwohl ihr Schlauchboot bei einem ersten Fluchtversuch von der Türkei nach Griechenland kenterte und man sie beim zweiten kaltblütig auf jener Insel zurückließ. Als er schließlich im Aufnahmelager in Castrop-Rauxel ankam, fehlte ihm für Zukunftspläne die Kraft. Stattdessen zeichnete er, so als ließe sich damit der Wahnsinn des Krieges irgendwie begreifen. Und wurde, es klingt wie in einem Märchen, von einem Journalisten, der sich in seinem Flüchtlingsheim engagierte, entdeckt. Er stellte den Kontakt zur HBK in Essen her.

Und es ist schwer vorstellbar, wie Al Taani ohne ihn und so viele andere zurecht gekommen wäre: Zwar können sich Flüchtlinge die Zeugnisse aus ihren Heimatländern laut Wissenschaftsministerium anerkennen lassen. Aber schon allein für die Übersetzung ins Deutsche fehlte das Geld. Laut »Hochschulzugang für Flüchtlinge in NRW« hätte er stattdessen eine Zugangsprüfung machen können. Wer allerdings Kunst studieren will, braucht eine Mappe, dafür Material und Beratung. An der HBK hat Professor Stephan Paul Schneider den jungen Syrer daher erst einmal unbürokratisch in seine Malereiklasse aufgenommen. Ganz ohne Zeugnisse. »Denn er hat Talent, das hat mir genügt.« Seitdem begleitet ihn Schneiders Kollege Mohammad Ouammi, der aus Marokko stammt und daher fließend Arabisch kann, fast täglich. Damit Mohammad Al Taani eine gute Mappe macht, mit der er sich in Essen, im Prinzip aber an jeder Akademie bewerben kann. Damit der Künstler aus Syrien so etwas wie eine Eintrittskarte ins deutsche Kultursystem bekommt.

Wenn man so will, werden solche auch von der Heinrich Böll Stiftung vergeben. Seit 1990 insgesamt rund 170 mal – so oft hat sie Kulturschaffende bisher mit einem Stipendium für das Haus Langenbroich gefördert. »Unsere Arbeit hat sich allerdings verändert«, sagt Koordinatorin Sigrun Reckhaus. In letzter Zeit sind es vor allem syrische Intellektuelle, die im ehemaligen Landhaus des Literaturnobelpreisträgers leben. Sie bleiben länger als die Stipendiaten zuvor und kehren nicht in ihre Heimat zurück. So wie der regimekritische Schriftsteller und Journalist Mohammad Al Matroud, der dreimal in syrischen Gefängnissen saß, »ein weiteres Mal hätte ich wohl nicht überlebt«.

Er blieb ganze zwei Jahre in Langenbroich bei Düren, ehe er mit seiner Familie in Bocklemünd eine Bleibe fand. Auch die syrische Malerin Roya Issa blieb ein Jahr in Langenbroich. Nun hat sie in ihre Wohnung in Hürth eingeladen, in der ein sehr leckerer, sehr süßer Mandelkuchen auf dem Wohnzimmertisch steht. Auch ihr Landsmann Al Matroud ist zu Besuch. Und während die 42-jährige Künstlerin stolz von ihrer Tochter Leena erzählt, die nun in Hürth seit drei Monaten aufs Gymnasium geht, schreibt der ehemalige Nachbar aus Langenbroich eine Liste an arabischsprachigen Tages- und Internetzeitungen aufs Papier.

Mohammad Al Matroud hat seine Auftraggeber ein Stück weit mitgenommen: Nicht die tagesaktuellen Ereignisse in Syrien sind heute sein Thema, sondern die Situation von Flüchtlingen. »Ich bin zuversichtlich, dass ich eines Tages wieder von meinen Texten leben kann«, sagt der zweifache Familienvater. Zwar hat Roya Issa gleich nach ihrer Ankunft in Deutschland wieder mit dem Malen begonnen – aber ihr fehlen im Gegensatz zu Al Matroud Auftraggeber, eine Galerie und Sammler. In Syrien hat sie zwischenzeitlich Filmsets ausgestattet, als Kunstlehrerin gearbeitet. »Ich würde am Theater oder beim Film jeden Job annehmen, nur um einen Anfang zu finden«, sagt die Malerin.

Wie aber könnte sich Mohammad Al Taani in Essen sein zukünftiges Studium finanzieren? Zwar hatten sich die Hochschulen in NRW schon Ende 2014 in einem Memorandum darauf geeinigt, »studierwillige Flüchtlingen aus Krisengebieten bei der Aufnahme eines Studiums in besonderer Weise zu unterstützen«. Die Zahlen, die das Wissenschaftsministerium jedoch in Bezug auf Stipendien veröffentlicht, klingen erst einmal ernüchternd: Gerade einmal 200 syrische Studenten würden derzeit vom Auswärtigen Amt gefördert. »Dank der Landesmittel können nun 21 weitere Stipendienplätze an Hochschulen in Nordrhein-Westfalen vergeben werden«, schreibt das Ministerium.

Und so hat man sich auch mit dem Problem der Finanzierung an der HBK in Essen beschäftigt - und Mohammad Al Taani ein Stipendium der Trägergesellschaft in Aussicht gestellt, sollte er die Aufnahmeprüfung schaffen. Weil die syrischen Stipendiaten der Böll-Stiftung in der Regel in Deutschland bleiben, sind auch für Sigrun Reckhaus neue Aufgaben dazu gekommen. Mohammad Al Matroud hat seine Kurzgeschichten und Gedichte inzwischen in sechs Büchern veröffentlicht, eines davon war in Langenbroich entstanden. Um sie in Deutschland überhaupt verbreiten zu können, hat die Stiftung einige seiner Texte übersetzen lassen und zuletzt eine Lesung bei den Kölner Literaturtagen organisiert. Auch Roya Issa hat die Stiftung bereits eine Ausstellung im Dürener Schloss Burgau ermöglicht. Im Juni zeigt sie ihre Bilder im Bezirksrathaus in Köln-Lindenthal: Kahlköpfige Menschen, die den personifizierten Tod umschlingen, ihnen mit schwangeren Bäuchen oder Blumensträußen begegnen. Surreale Szenen, hinter deren glatter, kühler Oberfläche starke Gefühle lauern: Ängste, Trauer, Hoffnung.

Auch Mohammad Al Taani zeichnet nicht mehr nur auf Papier, er malt jetzt manchmal auch auf Leinwänden wie Roya Issa. Die beiden kennen sich nicht, aber sie haben zufällig an derselben Akademie in Damaskus studiert. Und sie stellen sich beide geradezu trotzig ihrem Neuanfang. Zuletzt hat Al Taani einen alten Mann gemalt. »Einen Weisen aus meinem Viertel in Daraa, der tot ist wie so viele andere.« Er hat ihm ein Porträt gewidmet, weil er ihn und sein Gesicht bewahren wollte. Und danach beschlossen, dass es weitergehen muss, auch mit seiner Kunst. »Er malt jetzt abstrakt«, sagt sein Professor, experimentiert mit Pigmenten und Ölfarben. Und wer den stillen Mann mit dem zaghaften Lächeln dabei beobachtet, der ahnt: Mohammad Al Taani hat nun Aussicht auf ein Kunststudium in Deutschland. Das hat nicht nur seine Formen und Farben befreit.

Kulturpolitik
02 / 2016

Und dazwischen kleine Wunder


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