Maurice Philip Remy. Foto: Micky Göler

»Die Ausstellung ist ein Skandal«

Maurice Philip Remy hat ein Buch über Cornelius Gurlitt veröffentlicht, das zu den Ausstellungen in Bonn und Bern erscheint. Ein Interview.

INTERVIEW STEFANIE STADEL

k.west: Ihr Buch erscheint nicht umsonst punktgenau zu den Gurlitt-Ausstellungen in Bonn und Bern. Was halten Sie von der Doppelschau? 

REMY: Das Kunstmuseum Bern hat die Sammlung geerbt und kann mit ihr machen, was es möchte. Die Ausstellung in der Bundeskunsthalle allerdings ist für mich ein Skandal. Das hat verschiedene Gründe: Zunächst handelt es sich um die Sammlung eines Privatmannes, Cornelius Gurlitt. Der hat die Kunstwerke nach Bern vermacht. Niemals aber wollte er, dass seine Bilder in Bonn gezeigt werden. Außerdem ist seine Sammlung auf ganz undurchsichtige Weise zur Regierung gekommen. In meinem Buch habe ich nachgewiesen, dass die Beschlagnahmung 2012 in der Münchner Wohnung von Cornelius Gurlitt zu Unrecht geschehen ist. Das heißt, die Staatsanwaltschaft in Augsburg hat einen rechtswidrigen Durchsuchungsbefehl konstruiert, um auf die Sammlung zuzugreifen. Damit fängt es an. Weiter geht es damit, dass dem Mann kein Pflichtverteidiger gestellt wurde, was dringend notwendig gewesen wäre. Jahrelang hielt man seine Kunst in amtlicher Verwahrung, hat völlig ineffizient geforscht und 2013 auch noch falsche Informationen an die Presse durchgestochen.

k.west: Sprechen Sie an auf die Titelgeschichte im Focus?

REMY: Ja, dort wurde erstmals über den Fund berichtet. Auf der Titelseite stand in fetten Lettern »Der Nazi-Schatz«. In der Geschichte war dann die Rede von 1.500 Kunstwerken, die zur »Beute Hitlers« gehört hätten. Die Informationen zur Story hatte man von den Ermittlern bekommen. Man hat den alten, schwer kranken Mann brutal der Öffentlichkeit preisgegeben, er wurde danach gejagt, überspitzt gesagt, regelrecht zu Tode gehetzt. 

k.west: Menschlich war das furchtbar. Aber bestand nicht ein berechtigter Verdacht? Immerhin wurden die Werke vom NS-Kunsthändler Hildebrand Gurlitt zusammengetragen. 

REMY: Sicher rechtfertigt die Herkunft, dass man sich die Kunstwerke genauer anschaut. Trotzdem hätte man die Sammlung nicht unter Generalverdacht stellen dürfen. Richtig wäre gewesen, zu sagen, wir wissen nicht, woher die Bilder kommen, sie könnten Raubkunst sein, könnten aber auch legal erworben worden sein. Stattdessen haben die Behörden eine viel zu hohe Zahl angeblicher Verdachtsfälle völlig unbelegt in den Raum gestellt. Und sind dabei geblieben. Über zwei Jahre haben die Staatsanwaltschaft und das Staatsministerium für Kultur von 590 Bildern gesprochen, bei denen ein begründeter Verdacht bestehe. Ich hatte das große Glück, dass Cornelius Gurlitt mir erlaubt hat, sämtliche Unterlagen einzusehen. So konnte ich alles prüfen und weiß, dass die Angaben absolut übertrieben waren. 

k.west: Sie werfen den Verantwortlichen also vor, Medien und Öffentlichkeit bewusst getäuscht zu haben...

REMY: Ja, für mich ist es eine echte Desinformations-Kampagne, die kein Ende nimmt. Auch in Bonn wird die Sammlung unter falschen Vorzeichen präsentiert. Da heißt es schon im Ausstellungstitel »Der NS-Kunstraub und seine Folgen«, obwohl sich unter den 1566 Kunstwerken der Sammlung Gurlitt nur fünf finden, die sicher Raubkunst sind und ein sechstes, das höchstwahrscheinlich verfolgungsbedingt entzogen wurde. Der Anteil liegt unter einem Prozent – das ist weniger, als in vielen Museen und öffentlichen Sammlungen zu vermuten ist.

k.west: Aber warum sollte man so viel Wert auf falsche Informationen legen? Weshalb sollen wir über die Herkunft der Sammlung getäuscht werden?

REMY: Da kann ich nur mutmaßen. Meiner Meinung nach ist ein Grund, dass es in den staatlichen Sammlungen bisher zu wenig ordentliche Aufklärung gegeben hat. Da, wo wirklich Raubkunst zu finden wäre, nämlich in den Museen, wurde lange Zeit nicht richtig hingeschaut. Auch noch 2013, als der »Fall Gurlitt« an die Öffentlichkeit kam. Ich glaube, dass Monika Grütters und ihr
Ministerium die Gurlitt-Show inszeniert haben, um davon abzulenken und sich als beherzte, aktive Aufklärer zu positionieren. Als wollten sie sagen, schaut her, wir tun etwas, wir klären das rückhaltlos auf. Außerdem ist im »Fall Gurlitt« juristisch und politisch vieles schief gelaufen. Dem Mann ist extremes Unrecht wiederfahren, das wissen die Verantwortlichen. Sie haben sich verrannt und versuchen nun, das noch irgendwie zu rechtfertigen, indem sie auf die angeblich vielen Verdachtsfälle pochen. 

k.west: Ihr Buch hat bereits einige positive Resonanz gefunden. Wie reagiert die Politik bisher?

REMY: Von Seiten des Staatsministeriums hört man nicht viel, die tun das noch ab als die »subjektive Sicht von Herrn Remy«. Naja, da müssten sie sich mein Buch mal anschauen mit 2.000 Fuß-
noten – das ist alles schon sehr sorgfältig belegt. Man bemüht sich, es herunterzuspielen. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass die Sache irgendwann noch einmal hochkocht. Und ich hoffe, dass jemand in der Politik den Mut haben wird, eine parlamentarische Anfrage zu stellen oder einen Untersuchungsausschuss zu fordern. Damit endlich mehr Licht in diese unsägliche Geschichte kommt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen
werden.

BUNDESKUNSTHALLE, BONN

BIS 11. MÄRZ 2018 

TEL.: 0228 / 91710 


KUNSTMUSEUM BERN

BIS 4. MÄRZ 2018

TEL.: 0041 / 31 / 328 09 44


MAURICE PHILIP REMY: 

»DER FALL GURLITT. DIE WAHRE GESCHICHTE ÜBER 

DEUTSCHLANDS GRÖSSTEN KUNSTSKANDAL«

EUROPAVERLAG, 2017

672 SEITEN, 35 EURO

Kunst
01 / 2018

»Die Ausstellung ist ein Skandal«

Von: Stefanie Stadel


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