Foto: Frank Vinken 

Keine Monokultur

Das Petersen Quartett in der Essener Philharmonie – und anderswo

Wenn aus dem heutigen Musikveranstalter-Jargon die Begriffe »Residenzkünstler« und »Residenzensembles« nicht mehr wegzudenken sind, dann hat das wenig mit der Rückkehr zur feudalen Sklavenhalterei zu tun, sondern sehr viel mit schiefen Anglizismen. Tatsächlich müsste das Anhängsel »in residence«, mit dem Konzerthäuser und Abonnementsreihen immer mehr »composers«, »artists« oder »quartets« schmücken, korrekt mit »Anwesenheit« übersetzt werden – was Spitzfindige aber schnell zur Anwesenheitspflicht überinterpretieren könnten. Womit wir schon beim Kern der grassierenden »residencies« wären. Eine permanente oder auch nur übers Einspielen, Konzertieren und Abtrinken verlängerte Anwesenheit nämlich, wie sie jedem Stadtschreiber auferlegt ist, kann man den Stars der Musikbranche kaum zumuten. Und so bleibt meist alles beim Alten: Die »composers« schreiben ihre Auftragswerke wie gehabt im Komponierhäusl oder im Flugzeug, die »artists« und »quartets« terminieren ihren Tourneeplan so, dass sie mindestens dreimal in der Saison in ihrer Residenzstadt vorbeischauen. Also nichts als ein Etikettenschwindel?

Conrad Muck, der Primgeiger des Petersen Quartetts, sieht im »Residenz«-Konzept der Essener Philharmonie zumindest eine Chance, eine eigene Hörerschaft heranzuziehen. »Wenn wir, wie in Essen, über mehrere Spielzeiten gastieren, können wir verschiedene Werke und Leitfäden ausprobieren, auch ein umfangreicheres Repertoire bieten als sonst. Und wir merken jetzt schon, dass sich ein interessiertes und treues Publikum einstellt.«

Das Prinzip der verflossenen Konzertsaison war die wohl dosierte Mischung aus der vertrauten, klassisch-romantischen Musiksprache und Auftragswerken für das Petersen Quartett. Fast schon ein Klassiker des Ensembles ist die Koppelungen von Schuberts Streichquartett »Der Tod und das Mädchen« mit dem Quartett »Das Mädchen und der Tod« von Siegfried Matthus; ein neues Werk des jungen walisischen Komponisten Huw Watkins wurde zwischen Grieg und Dvořák gebettet. Im dritten Konzert traf die Uraufführung von Aribert Reimanns Miniaturen für Streichquartett auf das A-Dur-Quartett von Robert Schumann. Zu seinem 70. Geburtstag im nächsten Jahr will Reimann dem Ensemble dann ein weiteres Stück kredenzen. Einfallslosigkeit kann man den vier Streichern aus Berlin also kaum vorhalten.

Allerdings deutet die Komponistenauswahl auch an, dass Conrad Muck und seine Kollegen Daniel Bell (zweite Violine), Friedemann Weigle (Viola) und Henry-David Varema (Violoncello) in Sachen Neue Musik dezidierte Vorstellungen haben. Schließlich wolle man, wie Muck launig anmerkt, »nicht instrumental zerstörerisch agieren, sondern auch mal greifbare Melodien erhaschen«. So liegt dem Petersen Quartett vor allem an Meistern, die sich bruchlos der großen Quartett-Tradition von Beethoven bis Bartók und Schönberg anschließen – an Komponisten wie Ernst Krenek, Boris Blacher oder dem bei uns lange vernachlässigten Franzosen Henri Dutilleux, der erst kürzlich mit dem Siemens-Musikpreis geehrt wurde. In der laufenden Saison der Philharmonie Essen widmet sich dann das Petersen Quartett dem OEuvre von Dmitri Schostakowitsch, das in seiner Mischung aus reichem musikalischen Handwerk und humanistischem Ansatz im 20. Jahrhundert ohne Parallele ist.

Kombiniert werden das Klavierquintett und die Streichquartette Nr. 4 und 8 von Schostakowitsch mit Werken von Mozart und Beethoven. Wenn man Muck nach den Verbindungslinien und programmatischen Geheimtunneln zwischen den drei Komponisten fragt, antwortet er umwerfend ehrlich. Man könne sich den anstehenden Jubiläen des Jahres 2006 – 250. Geburtstag von Mozart und 100. Geburtstag von Schostakowitsch – doch »nicht ganz verschließen«. Honi soit qui mal y pense – zumal bei einem Kammermusikensemble, das seine gut komponierten Programme und stupende Klangkultur längst auf dem Podium und mit Einspielungen bewiesen hat. Vor 26 Jahren wurde das Petersen Quartett in Berlin gegründet; seinen hanseatisch-unspektakulären Namen verdankt es der langjährigen ersten Geigerin Ulrike Petersen. Anfang der neunziger Jahre hat der in der DDR ausgebildete Conrad Muck ihren Posten übernommen. Damals lagen die wichtigsten Auszeichnungen des Ensembles – erste Preise bei den Kammermusikwettbewerben in Evian und Florenz, der Ritterschlag beim ARDWettbewerb in München – schon zurück und wurde die Zusammenarbeit mit dem Plattenlabel Capriccio gerade verhandelt. Mit Aufnahmen der Quartette vom Tschechen Erwin Schulhoff war dem Petersen Quartett zweimal der Deutsche Schallplattenpreis sicher. Die Einspielungen von Mozart, Haydn, Matthus und Krenek ließen aufhorchen, ebenso der komplette Beethoven-Zyklus, der – nach langer Reifung – in diesen Monaten abgeschlossen wird.

Dabei tritt das Petersen Quartett keineswegs nur als Streicher-Monokultur auf. Die Lust an wechselnden Kombinationen mit Stimmen, Blasinstrumenten oder Klavieren hat zumal in den letzten Jahren die Programme bereichert. Dass es anspruchsvolle Kompositionen für die wunderbar funktionierende Verbindung von Singstimme und Streichquartett gibt, ist Kennern durchaus geläufig. Doch das Petersen Quartett beschränkt sich nicht auf die existierenden Werke eines Arnold Schönberg, Othmar Schoeck oder Guillaume Lekeu, sondern kümmert sich auch um die Erweiterung des Repertoires. Für Jochen Kowalski arbeitete Siegfried Matthus die »Dichterliebe « von Schumann zum Zyklus für Countertenor und Streichquartett um; im vergangenen Mai wurden in Essen Aribert Reimanns Liedarrangements von Schumann und Mendelssohn vorgestellt. Eine Transkription von Schostakowitschs Liedern nach Texten von Anna Achmatowa wurde bei der jungen Russin Lera Auerbach bestellt, so dass bald ein ganzes Programm mit Neufassungen und Übermalungen des vertrauten Liedguts bestritten werden kann.

Muck und seine Mitspieler wissen aber auch, dass solche Vorstöße in Repertoire-Neuland nicht nur die eigene Neugier befriedigen, sondern vielleicht auch den gesättigten Klassik-Markt noch einmal beleben kann. Dass das europäische Bildungsbürgerpublikum letztlich einer aussterbenden Gattung angehört, dämmerte ihm spätestens vor anderthalb Jahren, als das Quartett zusammen mit der Pianistin Ewa Kupiec zwei Konzerte in Hongkong gab. »Etwa zwei Drittel des Publikums im ausverkauften Saal waren junge Leute zwischen 18 und 25 Jahren – bei einem wirklich anspruchsvollen Programm. Die Begeisterung war groß und die Schlangen bei der Autogrammstunde auch. Wenn man das erlebt, weiß man wieder, wofür man das alles macht.« Der Klassikhunger auf dem asiatischen Festland scheint derzeit enorm. Aber auch in Australien, wohin die jüngste Konzertreise des Quartetts führte, besteht Nachholbedarf für erfinderische Musiker – und für neue Konzertsäle. Da hält es Muck für durchaus vorstellbar, dass sich der Klassikmarkt in Kürze aus den Kerngebieten in Europa und den USA verlagern könnte.

Nachdenken und Umdenken ist also gefordert. Auch die Frage, wie ein jüngeres Publikum für eine berüchtigt esoterische Gattung wie das Streichquartett zu interessieren sei, bewegt die Herzen und Hirne der vier Berliner.

Doch gottlob gibt es immer wieder Erlebnisse, die den Glauben an Erneuerung wach hält. So wie jener Morgen in einer kalifornischen Schule, wo sich das Petersen Quartett mit Werken von Dvořák, Schumann und Beethoven vorstellte. Als man die Grundschüler fragte, welches der Quartette ihnen am besten gefallen habe, nannten sie nicht etwa das eingängige »Amerikanische Quartett« von Dvořák, sondern das Finale aus Beethovens »Rasumowsky- Quartett« op. 59 Nr. 1. »Für uns war das eine wunderbare Erkenntnis – dass dieses Werk offenbar so stringent gedacht und mitreißend komponiert ist, dass selbst Kinder davon nachhaltig beeindruckt sind. Da würde sich Beethoven sicher freudig im Grab umdrehen.« //

Termine des Petersen Quartetts in der Philharmonie Essen: 20. November 2005; 23. März 2006; 16. Juni 2006; Werke von Mozart, Schostakowitsch und Beethoven www.philharmonie-essen.de

Kunst
11 / 2005

Keine Monokultur

Von: Michael Struck-Schloen


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