Auf der zwölf Meter hohen Glasfassade des neuen Museums zeigt sich Macke mit Hut und verwegenem Blick. Als Vorbild für das imposante Aushängeschild diente sein Selbstporträt von 1909. Foto: Karl Heinz Schommer.

Macke in Glas und hinter Glas

Lohnt ein Besuch im neuen Macke-Haus in Bonn? Unsere Autorin Stefanie Stadel war dort.

Nach zwei Jahren Arbeit präsentiert sich das Museum August Macke Haus als Hingucker. Kapitale Werke finden sich hier kaum. Doch punktet Mackes spätklassizistisches Wohn- und Atelierhaus mit dem Charme des Original-Schauplatzes. Die neu eingerichtete, sehr gelungene Dauerausstellung informiert über Leben, Werk und Wirken des großen Expressionisten. Dazu kommt der feine Erweiterungsbau mit Raum für Wechselausstellungen.

Kein lauschiges Eckchen. Das Haus liegt an einer dicken Kreuzung im Schatten eines modernen Bürogebäudes, vor der Tür rauscht der Verkehr die Rampe der Viktoriabrücke herab. Sie gab es auch schon vor gut hundert Jahren, als August Macke an seinem Wohnzimmerfenster stand. Doch sah der Maler dort vor allem Fußgänger die Bahngleise queren, manchmal ein Pferdefuhrwerk – davon zeugen etliche seiner Bilder. Noch mehr reizte ihn offenbar der große Garten hinterm Haus als Motiv. Heute ist er bis auf einen kleinen grünen Rest überbaut, doch hat das Idyll die Zeit in zig Gemälden überdauert. Überhaupt war es eine ziemlich produktive und spannende Phase, die der Künstler zwischen 1911 und 1914 samt Familie in dem schlichten, spätklassizistischen Wohnhaus im Bonner Norden verbrachte. Unter dem Dach, wo er sich nach eigenem Geschmack sein erstes und einziges Atelier eingerichtet hatte, muss er wie besessen gearbeitet haben, als hätte er sein frühes Ende im Ersten Weltkrieg vorausgeahnt. Mackes wichtigste Werke sind dort oben entstanden. Im Wohnzimmer hat er mit gleichgesinnten Kollegen Pläne geschmiedet und die Moderne befeuert.

Doch erst jetzt kommt der Ort groß heraus. Aufgemöbelt mit einer vorbildlichen Dauerausstellung und erweitert durch den eleganten Neubau des Bonner Architekten Karl-Heinz Schommer lässt das neue Museum August Macke Haus beinahe die Versäumnisse und die Gleichgültigkeit vergangener Jahrzehnte  vergessen. Hatte sich die Stadt doch lange herzlich wenig um den Expressionisten geschert, der zwar nicht hier geboren, aber doch seit seiner Jugend in Bonn zu Hause war. 

In den 1970er Jahren waren es nicht etwa offizielle Stellen, sondern zwei Studenten der Kunstgeschichte, die in die Tasche griffen, um in Gedenken an den prominenten Bewohner eine Bronzetafel an der Hauswand anzubringen. In den 80ern wäre Mackes Heim um ein Haar entkernt und zur Gaststätte umfunktioniert worden. Damals hatte eine Bürgerinitiative das Schlimmste verhindert. Erst der Verein und die Stiftung August Macke Haus machten das Kleinod 1991 öffentlich zugänglich und führten bis vor kurzem den Beweis, dass selbst auf 370 Quadratmetern Museumsarbeit möglich ist. 

Der lang’ gehegte Wunsch nach mehr Raum und zeitgemäßen Ausstellungsbedingungen wurde in zwei Jahren Bauzeit verwirklicht, termin- und kostengerecht, was man mit Blick auf die Kulturbaustellen im nahen Köln kaum für möglich gehalten hätte. Gut sieben Millionen Euro wurden in Mackes Haus und die Erweiterung gesteckt. Dass der Bund die Hälfte zuschoss, ist wohl nicht zu knapp dem Einsatz des verstorbenen ehemaligen Außenministers Guido Westerwelle zu danken, der viele gute Worte für das Projekt eingelegt hat. Der Neubau vervierfacht das Platzangebot und bietet alles, was ein Museum heute braucht: Depot, Archiv und Bibliothek, Räume für Verwaltung, Museumspädagogik und Wechselausstellungen, Empfang, Café und Shop. Obendrauf kommt eine Dachterrasse. Viel Platz blieb nicht, doch genug, um historisch korrekt ein Stückchen des ehemaligen Garten-Idylls nachzuempfinden. Es liegt L-förmig umschlossen zwischen Altbau und Neubau. Zur Straße hin abgeschottet durch eine zwölf Meter hohe Glasfassade, die gleichzeitig als gigantisches Aushängeschild dient. Auf Riesenformat gebracht und in Glas graviert, grüßt Macke persönlich im Selbstporträt – mit Hut und leicht verwegenem Blick.

Als Vorbild der imposanten Visitenkarte diente ein Bildnis im Bonner Kunstmuseum. Gemalt in dem für Macke ereignisreichen Jahr 1909. Er war damals 22, die Schule hatte er abgebrochen, das Studium an der angesehenen Düsseldorfer Kunstakademie geschmissen, eine Festanstellung als Bühnenbildner am dortigen »Theater der Moderne« ausgeschlagen – alles, um sich ganz der eigenen Malerei zu widmen und als freier Künstler Fuß zu fassen.  Stets bauen konnte er bei der kühnen Karriereplanung auf Elisabeth, die Liebe seines Lebens und zugleich sein liebstes Modell. 1909 ist auch das Jahr, in dem August die hübsche Fabrikantentochter ehelichen wird. Doch noch vor der Hochzeit kommt der kleine Walter auf die Welt; das Paar beugte dem Gerede um ein uneheliches Kind vor, indem es sich an den Tegernsee verabschiedete. 1910 kehrt man zu dritt zurück nach Bonn, wo Mackes Schwiegermutter der Familie das Haus an der Viktoriabrücke überlässt und den Wunsch nach einem eigenen Atelier erfüllt. 

Mit einigen von Mackes Werken, Fotos, Briefen und allerhand Multimedia lässt die neue Dauerausstellung die Zeit des ausgehenden Kaiserreichs sehr lebendig werden. Im Spielzimmer der beiden Macke-Söhne startet der Rundgang und erfolgt durch ein gutes Dutzend Räume über knarzende Treppen bis unters Dach – gut unterhalten und informiert, auch dank dem hervorragend bespielten Audio-Guide. Familiengeschichten werden erzählt, Schicksale beleuchtet. Der Besucher verfolgt Mackes Entwicklung, begleitet ihn auf Reisen, begegnet Weggefährten. 

Im Parterre kommt allerlei zusammen. Eines von Mackes Gartenbildern etwa, ein Stammbaum der Familie und die Speisekarte zum Hochzeitsmenü mit Kaviar und Krebsragout, Rehrücken, Ente und Eiscreme. Oder auch Mackes frühes Spargel-Gemälde à la Edouard Manet. Im Wohnzimmer auf der ersten Etage saß man mit Gästen zusammen – Delaunay und Apollinaire kamen zu Besuch, Gabriele Münter, Franz Marc und viele fortschrittlich gesinnte Kollegen aus der Gegend. Man ging ein und aus im Haus an der Bornheimer Straße. Als umtriebiger Organisator avancierte Macke zu einer Art Anführer der rheinischen Avantgarde.

Wenn es spät wurde bei Zusammenkünften, lagerte man auf dem Teppich, unter den Köpfen womöglich handbestickte Kissen, wie sie in Vitrinen liegen. Am großen Tisch im Salon fertigte Elisabeth Macke mit Freundinnen und Verwandten Handarbeiten nach Augusts Entwürfen. Nebenan im Musikzimmer nahm sie Klavierunterricht. Gelegentlich musizierte das Paar gemeinsam; während seine Frau den Ton vorgab, schmetterte er am liebsten Brahms-Lieder, auch ohne Noten lesen zu können. Das alles ist Thema in Bonn. Auch Mackes Verzweiflung an der Front und sein Tod in den ersten Kriegswochen mit erst 27 Jahren.

»Wir Maler wissen gut, dass mit dem Ausscheiden seiner Harmonien die Farbe in der deutschen Kunst um mehrere Tonfolgen verblassen muss«, schrieb der Freund Franz Marc in seinem Nachruf. »Er hat vor uns allen der Farbe den hellsten und reinsten Klang gegeben, so klar und hell wie sein ganzes Wesen war.« 1916 wird auch Marc im Krieg zu Tode kommen. Im Dachatelier hatten sich die Beiden ein paar Jahre zuvor Seite an Seite das »Paradies« ausgemalt – mit Ölfarben und Tempera auf den Kalkputz. 

Bald 70 Jahre war das monumentale Wandbild im Bonner Atelier verblieben, bis zu Elisabeths Tod. Als dann der Verkauf anstand, winkte Bonn ab. Münster schlug zu: Nachdem Mackes Skizzenbücher, Zeichnungen und das gesamte Archiv bereits ins LWL-Museum für Kunst und Kultur gewandert waren, wurde nun auch das Wandbild samt Mauerwerk aus dem Atelier gehievt und nach Münster verfrachtet. Ein Höhepunkt im Kapitel der Bonner Versäumnisse. Wie schön, dass der Spezialkran zumindest das Haus stehen gelassen hat.     

Die erste Wechselausstellung in den neuen Museums-Räumen heißt »August Macke und Freunde – Begegnung in Bildwelten« und zeigt den Hausherrn Seite an Seite mit seinen avantgardistischen Kollegen. Gabriele Münter und Wassily Kandinsky, das befreundete Ehepaar Marc und Robert Delaunay, dessen »Fensterbilder« so wichtig waren für Macke. Paul Klee und Louis Moilliet, die Macke auf die Reise nach Tunis begleitet hatten. Sie alle sind vertreten in der gut bestückten Eröffnungsschau. Auch die rheinischen Carlo Mense, Hans Thuar, Paul A. Seehaus oder Heinrich Campendonk, mit denen sich Macke unter dem Label des »Rheinischen Expressionismus« zusammenschloss. Beim Blättern durch damals angesagte Themenkreise wird anschaulich, wie die Künstler mit oft ähnlichen Motiven umgingen.

MUSEUM AUGUST MACKE HAUS
MIT EINER NEUEN DAUERAUSSTELLUNG IN MACKES WOHNHAUS UND MIT DER ERSTEN WECHSELAUSSTELLUNG  IN DEN NEUEN AUSSTELLUNGSRÄUMEN: »AUGUST MACKE UND FREUNDE – BEGEGNUNG IN BILDWELTEN« (BIS 4. MÄRZ 2018)

Kunst
02 / 2018

Macke in Glas und hinter Glas

Von: Stefanie Stadel


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