Francisco de Zurbarán: Der Heilige Franziskus von Assisi, um 1658 –1660. Alte Pinakothek. © bpk – Bildagentur Kunst, Kultur, Geschichte / München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Alte Pinakothek.

Francisco de Zurbarán: Fray Pedro de Oña, um 1630. Colección Municipal. Ayuntamiento de Sevilla. © Colección Municipal, Ayuntamiento de Sevilla.

Stilles Spektakel

Was machen die tief religiösen, in Andacht und Ergriffenheit versunkenen Bilder des Francisco Zurbarán bis heute so reizvoll? Seine große, deutschlandweit erste Werkschau im Museum Kunstpalast in Düsseldorf hält etliche Antworten bereit.

Text: Stefanie Stadel

Ein Lamm, sonst nichts. Mit zusammengebundenen Hufen und halb geschlossenen Augen liegt es da, ruhig auf einem planen Stein. Bereit für den Opfertod. Wie auf einer sorgsam ausgeleuchteten Bühne präsentiert Francisco Zurbarán sein »Agnus Dei«, nur das Bühnenbild fehlt – keine Landschaft, kein schmückendes Beiwerk, keine Geschichte. Alles dunkel. Und so bleibt rein gar nichts, das die Andacht stören könnte. Was passiert nun beim unausweichlichen Blick auf das Lamm Gottes? Mitleid erfüllt uns, auch Ergriffenheit, ob der stillen Demut, die das Bild beherrscht. Sicher stellt sich auch Bewunderung ein für die malerische Raffinesse, mit der Zurbarán es versteht, jedes Löckchen des hell schimmernden Fells zu runden. Man möchte geradezu hineingreifen in den himmlischen Flausch.

Hier kommen beide zusammen: dingliche und geistige, beschreibende und emotional ansprechende Qualitäten. Dabei wirkt die so exakt und virtuos wiedergegebene Materialität beinahe wie ein Hilfsmittel, weil sie dem Betrachter die Botschaft ganz nahe bringt – die heilige Botschaft in verblüffend realem Gewand vor Augen führt. Überhaupt steckt in dem kleinen Gemälde vieles von dem, was Zurbaráns Kunst ausmacht. Während das Gros der zeitgenössischen Kollegen in wilden Gesten und dramatischen Bilderzählungen schwelgte, zeigt sich die Barockmalerei bei Zurbarán von ihrer absolut verinnerlichten Seite.

Das ist, wofür der Künstler aus Sevilla – einer der großen Meister der europäischen Malerei – bekannt und geschätzt ist. Allerdings dürfte der Kreis seiner Bewunderer hierzulande eher überschaubar sein. Allein, weil das Anschauungsmaterial fehlt. Bisher hat der deutschsprachige Raum keine einzige Werkschau gesehen. Nur sechs von Zurbaráns Gemälden finden sich in deutschem Museumsbesitz. Eines davon, der »Heilige Franziskus«, hängt seit rund 80 Jahren im Museum Kunstpalast.

Es gibt also einen Anknüpfungspunkt, wenn sich Düsseldorf dem Spanier zuwendet und sein Schaffen mit gut 70 Werken aus allen Phasen zur Anschauung bringt. Am Ehrenhof sieht man das Projekt als drittes einer Reihe, die 2006 mit dem italienischen Barock-Genie Caravaggio begann und sechs Jahre darauf Fortsetzung fand mit dem Manieristen El Greco, der die meiste Zeit in Spanien verlebte. Hat man beide gesehen, so reizt der Vergleich: Da El Greco, der mit seinen überlängten, verdrehten Figuren und seiner expressiven Farbgebung zum leuchtenden Vorbild der Moderne wurde. Dort Caravaggio, der seine heiligen Geschichten mit Dramatik und Affekt aufmischt und direkt in den eigenen Alltag verpflanzt. Hier jetzt Zurbarán: Die zeitliche und räumliche Distanz zu den Vorgängern ist nicht allzu groß. In seiner Lichtregie mit dem heftigen Helldunkel greift Zurbarán offensichtlich Caravaggios Vorbild auf. Doch scheint der Tumult seiner Kollegen ihm völlig fremd.

Auch in Zurbaráns Vita sucht man vergeblich nach aufregenden Details: 1598 wurde er in der kargen Extremadura geboren und zeigte schon als Junge künstlerisches Talent. Früh ging er in die Lehre und machte später in der reichen Handelsstadt und Kunstmetropole Sevilla neben Diego Velázques und dem jüngeren Rivalen Bartolomé Esteban Murillo Karriere. Zwischendurch heiratete Zurbarán dreimal, hatte einen Haufen Kinder und jede Menge Gehilfen, denn es gab viel zu tun. Jene Ruhe, die seinen Gemälden innewohnt, in der eigenen Werkstatt hat Zurbarán sie selten gefunden.

Seit den 1620er Jahren feierte er seine größten Erfolge unter der Patronage des allgegenwärtigen Klerus, der ihn in die ausschweifende Bildpropaganda der Gegenreformation einband. Davon zeugen etliche Gemälde und Zyklen, mit denen Zurbarán Kirchen und Klöster in Andalusien und in der Extremadura schmückte. Er malte und malte Heilige, Büßer, Bekenner, Märtyrer, Ordensleute und eine »Unbefleckte Empfängnis« nach der anderen.

Oft sind es Einzelfiguren, die Zurbarán hervortreten lässt aus der unergründlichen Tiefe seiner dunklen Leinwände, die Museumsdirektor und Kurator Beat Wissmer nicht zu Unrecht an die meditativen »Black Paintings« eines Ad Reinhardt denken lässt. Gleich Skulpturen stehen oder knien Zurbaráns Figuren vor dem monochromen Grund im schneidenden Licht, vertieft in Gedanken und gehüllt in weiße, schwarze, braune Kutten, die sich in wunderbaren Falten um den Körper legen. Leicht oder schwer, grob oder geschmeidig – fast meint man beim Betrachten die taktile Beschaffenheit spüren zu können.

Daneben stehen biblische Historien, die sich allerdings jeder Dramatik enthalten. Wenn Zurabarán etwa das Abendmahl in Emmaus auf die Leinwand bringt, zeigt er keine Zweifler, keine Überraschung, keine heftigen Emotionen. Seine 1639 gemalte Version, die auch nach Düsseldorf kam, lässt drei Männer sehen, die ganz bei sich sind, still und ergriffen. Völlig anders Caravaggio, der bald 40 Jahre zuvor dieselbe Szene mit wilden Gesten und erstaunten Gesichtern inszeniert hatte. Der Italiener setzte alles daran, die Fassungslosigkeit der Jünger nachzuempfinden, just in dem Moment, da sie den Auferstandenen erkennen. Bei Zurbarán dagegen: Gelassenheit, unerschütterlicher Glaube und tiefe Beseeltheit. Bloß keine Aufregung.

Angesichts der Andacht und Askese mag man zunächst etwas überrascht vor einer Gruppe opulentkostümierter junger Damen stehen. Bis klar wird, dass auch diesmal Heilige gemeint sind. Katherina, Lucia, Marina, Casilda … – lauter schöne, stolze, junge Frauen, die Zurbarán zum Anlass nahm für seine Schwelgereien im Textilen. Die eine wurde für ihren Glauben enthauptet, eine andere gerädert, die dritte mit heißem Öl übergossen und von einem Schwert durchbohrt. Doch die blutigen Legenden interessieren den Maler wenig, umso mehr die kostbaren Stoffe und ihr wogendes Spiel. Seide und Brokat in Hülle und Fülle: faltig, zerknittert, gebauscht, verschlungen und besetzt mit Bordüren und Applikationen. Wobei Zurbarán die von der Kirche aufgestellten Regeln der Schicklichkeit und des Anstands bei der Darstellung von Heiligen stets im Blick behielt.

Er gehorchte und eckte nicht an beim Klerus. Als Maler des militanten Katholizismus illustrierte Zurbarán auf eigene überzeugende Art die zeitgenössischen Bibelauslegungen. Die Wunder der Schöpfung – unscheinbare wie überwältigende – erfasste er nach Maßgabe der großen mystischen Schriftsteller Spaniens, die empfahlen »Gott in allen Dingen zu finden« und diese Dinge realistisch und greifbar darzustellen. Das Lammfell ebenso wie den perlenbesetzten Rocksaum der Heiligen Casilda.

Während Zurbarán bei den kirchlichen Auftraggebern glänzend ankam, tat er sich am Hofe eher schwer. Philipp IV. zog die Eleganz eines Velázquez vor. Warum hatte Zurbarán das Nachsehen? Als mögliche Antwort zeigt die Schau Beispiele aus der Werkgruppe zu den »Heldentaten des Herkules«, die Zurbarán 1634 für den kunstinnigen König schuf. Ohne Spur von idealem Ebenmaß. Der heidnische Halbgott erscheint als gewöhnlicher Mann aus Fleisch und Blut. Schnurrbart, gesunde Sonnenbräune, stämmige Statur und dicke Muskelbeine zeichnen ihn eher als derben Bauern denn als Heroen aus.

Die Heiligen liegen ihm einfach mehr – auch die sparsam bekleideten. Ein junger Johannes, der mit Pfeilen gespickte Sebastian. Und Christus – an der Geißelsäule, mit einem weißen Tuch um die Lenden. Oder am Kreuz – die Ausstellung überrascht mit einer sehr eigentümlichen, wenn nicht einmaligen Sicht auf Golgatha. Da stehen nicht Maria und Johannes zu Füßen des toten Heilands, sondern ein betagter Maler. Die Rechte hat er ans Herz gelegt, mit der Linken hält er Pinsel und Palette. Wer könnte das sein? Dazu gibt es unterschiedliche Hypothesen. Eine recht naheliegende erkennt Zurbarán in dem älteren Herrn.

Wenn das stimmt, spricht daraus nicht nur Zurbaráns gesundes Selbstbewusstsein. Sondern auch allerhand Hintersinn, den man dem frommen Maler vielleicht nicht zugetraut hätte. Denn es sieht danach aus, als hätte der Künstler im Bild den Heiland eben gerade selbst dorthin gemalt und als stünde er nun andächtig vor dem eigenen Werk – ergriffen vom Schicksal Jesu? Oder doch mehr von der eigenen Kunst?

Vielleicht hatte Salvador Dalí Recht mit seinem Ausruf: »Achtung! Zurbarán wird uns jeden Tag ein wenig moderner vorkommen.«

Museum Kunstpalast, Düsseldorf, »Zurbaran– Meister des Details«, 10. Oktober 2015 bis 31. Januar 2016

Kunst
10 / 2015

Stilles Spektakel

Von: Stefanie Stadel


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