Alte Stadt, junge Geschichten

Türkische Autoren erkunden Istanbul

//   Das vorerst amtliche Buch über diese Stadt ist ja eigentlich schon vor zwei Jahren erschienen: Orhan Pamuks »Istanbul – Erinnerungen an eine Stadt«. Doch da es erst in diesem Herbst die Türkei als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse literarisch zu entdecken gilt, hat Constanze Letsch, die für den Perlentaucher regel- mäßig »Post aus Istanbul« abschickt, als Herausgeberin elf jüngere Kolleginnen und Kollegen des Nobelpreisträgers für eine literarische Stadterkundung gewinnen können. »Unser Istanbul« heißt ihre Sammlung, was natürlich die Frage aufwirft, gegen wen oder was sich der im Titel selbstbewusst erhobene Besitzanspruch richtet. Gegen das wehmütige Stadt- und Geschichtspanorama Pamuks? Gegen den literarischen Orientalismus europäischer Autoren? Dass der Untertitel nicht einfach nur »türkische Literatur«, sondern »junge türkische Literatur« offeriert, ließe zudem vermuten, dass die so Bezeich- neten nicht durch das beschlagene Fenster – so hat Pamuk einmal »Hüzün«, die kollektive Melancholie, versinnbildlicht  – auf die Welt und insbesondere auf Istanbul schauen.

Der Vollständigkeit halber sei aber doch noch angemerkt, dass die Kategorie »jung« in »Unser Istanbul« für die Jahrgänge 1955 bis 1982 steht. Als Generationsmanifest taugt »Unser Istanbul« also schlecht, doch die Zeit derartiger Befindlichkeiten ist ja glücklicherweise vorerst auch vorbei. Genauso wenig bedient die Mehrzahl der Beiträge ein vordergründiges Metropolengefühl. Allein die Schnelligkeit einer sich rasant wandelnden 14-Millionen-Einwohner-Weltstadt wollen die Autoren nicht festhalten, und es ist auch nicht gerade der Schmelztiegel Großstadt, an dem sich ihre Phantasie entzündet. Dennoch zählen jene Geschichten zu den starken des Bandes, die urba-nes Leben sehr konkret und ohne märchenhafte Anwandlungen festhalten. Ayşegül Devecioğlu versteht es in »Winterschlaf«, auf verstörende Weise, von der großstädtischen Armut zu erzählen. Mitten in einem Istanbuler Wohlstandsviertel beobachtet die Erzählerin in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft eine in einer kleinen Baracke hausende Gruppe sozial Geächteter. Aus der anfänglichen Irritation wird im Verlauf von »Winterschlaf« eine tief greifende Fremdheitserfahrung, die letztendlich die Wahrnehmung der Stadt verändert und so erfahrbar macht, was Istanbul wie kaum noch eine westeuropäische Metropole kennzeichnet: die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.

Istanbul, so heißt es hingegen in Fahrettin Çiloğlus »Die Reise meiner Großmutter nach Istanbul«, sei eine Märchenstadt, aber eine, »die aus dem Märchen weggelaufen war«. Doch nicht alle Autoren des Bandes lassen diese sagenumwobene Stadt im Hier und Jetzt ankommen. Çiloğlus selbst nimmt den Umweg über die Erinnerung an die Großmutter, um sein Bild vom sich wandelnden Istanbul historisch zu schärfen. Faruk Duman erzählt in »Die Bastei« von ganz ferner Zeit, von einem »dunkelhäutigen, reinen Jüngling«, dem großmütigen Hacci Efendi und dessen schöner Frau. Das lässt sich als Spiel mit Motiven aus Flauberts »Legende von Sankt Julian dem Gastfreien« lesen, sogar als raffinierte Ironisierung orientalischer Erzähltradition. Genauso aber könnte Dumans Festung auch gegen die literarische Moderne gerichtet sein.

Andere Autoren hingegen finden auf sehr direktem Weg den Weg in der Gegenwart. So montiert Cem Akaş in »Wo ist der Teppich?« sehr maskuline Dialogfetzen zu einem schnell geschnitten Abstecher ins kleinkriminelle Milieu. Den Umweg über den Albtraum nimmt Murat Uyurkulaks und Aslı Ilgın Kopuz’ Erzählung »Das Vogelnest«. Es ist ein lediglich angedeuteter Kindsmissbrauch, den Tahir, eine als Mann verkleidete Taxifahrerin, nachts in ihrer kleinen Einzimmerwohnung »verstehen« will. Tagsüber wartet sie am Taksim-Platz auf Kundschaft und läuft »dem Brot und der Liebe hinterher«. So einfach ist das, doch es ist eine gänzlich unsentimentale Geschichte. Identitätsprobleme kennt das Märchen nicht. Und wenn sie am Ende nicht gestorben ist, dann lebt Tahir noch immer im Heute.   //

Unser Istanbul. Herausgegeben von Constanze Letsch; Berliner Taschenbuch Verlag Berlin 2008, 217 Seiten, 8,90 Euro

Literatur
10 / 2008

Alte Stadt, junge Geschichten

Von: Andrej Klahn


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