Herr Luna

Michael Chabons Familien- und Abenteuerroman »Moonglow« wird auf der Lit.Cologne vorgestellt.

REZENSION ANDREAS WILINK

Sechs Wochen vor der Kapitulation Deutschlands sieht der Großvater von Michael Chabon auf einer Waldeslichtung die V2-Rakete. Ein Priester hat ihn, den Offizier der US-Army, der in Feindesland unterwegs ist, um Wissenschaftler und Forscher einzusammeln und womöglich Wernher von Braun zu schnappen (der im Mai 1945 in Tirol festgenommen wird), an den Ort geführt. Die Kirche des Seelsorgers ist von Bomben zerstört und hieß St.-Dominikus – nach dem Schutzpatron auch der Astronomen. Eine vielfache Kette der Bezüge zieht sich durch »Moonglow«, der jüdische Memoiren des 20. Jahrhunderts als Abenteuer- und Schelmenroman im Format filmischer Dramaturgie erzählt. Nicht von ungefähr wird Fritz Langs Stummfilm von der »Frau im Mond« erwähnt. Ein Familien-Leben voll der Episoden, Anekdoten, Kapriolen, Geheimnisse, aufgetischt von einem Autor, der mit der Psychoanalyse ebenso spielt wie mit dem Kino und technischem Knowhow und es mit der Originalität gern mal etwas bunt treibt, wenn hier »eine Menagerie dänischer Möbel« steht, dort »eine Operette von Vorwürfen« gemacht wird. 

Der Opa mütterlicherseits – genialisch und mit »Ganoveninstinkt«, der weniger Assimilation als vielmehr Mimikry betreibt, dessen Lieblingsroman »Der Zauberberg« ist, auf dessen Vorsatzblatt er in Großbuchstaben HUMANISMUS schreibt – studiert Ingenieurwesen, heiratet eine hochdramatische, psychotische  Überlebende des Holocaust-Europa, die als TV-»Nachthexe« Horrorgeschichten vorliest, sprengt aus jugendlichem Jux fast ein Brücke, was ihn für den militärischen Nachrichtendienst qualifiziert, und zieht gegen die Nazis zu Felde. Der lunaeske Phantast wird Vertreter, Bombenbauer, Gefängnisinsasse, Unternehmer und mischt indirekt mit am Raumfahrtprogramm der NASA, wobei sein Eigensinn die Apollo-Mission als »total falsch angefangen« betrachtet. Chabons leichthändig unterhaltsames, hübsch versnobtes, detailverschraubtes Buch wirkt in seinen besten Momenten als Halluzinogen. Daran ist die Mondsucht schuld, die einen in die Umnachtung führt, bis man klarer sieht.

Michael Chabon: »Moonglow«, Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Andrea Fischer, Kiepenheuer und Witsch, Köln, 2018, Roman, 493 Seiten, 24 Euro, erscheint am 8. März 2018

Lesungen am 13. März im Filmforum NRW im Museum Ludwig (18 Uhr) und in der Volksbühne am Rudolfplatz, Köln (20.30 Uhr) (im Rahmen der lit.Cologne)

Literatur
03 / 2018

Herr Luna

Von: Andreas Wilink


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