Neues aus dem Karteisystemraum

J.J. Voskuils monumentale Chronik der laufenden Nicht-Ereignisse: »Das Büro«.

REZENSION ANDREJ KLAHN

Inventarverzeichnisuntersuchungen sind nicht unbedingt der Stoff, aus dem Beststeller gemacht sind. Und ein Karteisystemraum zählt nicht zu den Schauplätzen, an denen sich Weltbewegendes ereignet. Das Betätigen des Zeilenschalthebels der Schreibmaschine ist, alles in allem, als spannungstreibendes Element nur bedingt geeignet, und der Resonanzraum, in dem Vorträge über die Geschichte des niederländischen Weihnachtsbaumes ein angemessenes Echo finden, darf als eher klein gelten. 

Johannes Jacobus Voskuil, 1926 in Den Haag geboren und 2008 in Amsterdam gestorben, hat über all das dennoch geschrieben: einen Roman, der es dem schieren Umfang nach mit Weltliteratur-Schwergewichten wie Marcel Proust aufnehmen kann. »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« wäre auch kein schlechter Titel gewesen für Voskuils episch ausuferndes Vorhaben, das der Schriftsteller in den 1990er Jahren zu Papier gebracht hat. Denn Voskuil blickt in seinem siebenbändigen, schlicht »Das Büro« betitelten Schlüsselromanzyklus auf eine drei Jahrzehnte währende Arbeit als wissenschaftlicher Beamter im volkskundlichen Meertens Institut in Amsterdam zurück. Und vielleicht hat Voskuil die rund 5.500 Seiten auch als Tätigkeitsnachweis verfasst, mit dem er sich selbst beweisen wollte, dass all die am Karteikasten sinnlos verbrachten Jahre eben doch nicht vertan waren. Denn so mündete die teilnehmende Beobachtung schließlich in einen Roman, der seinesgleichen sucht.

Voskuil lässt sein unsicheres, ängstliches Alter Ego Maarten Koning in den 1950er Jahren als Mann ohne Ambitionen in die Umlaufbahn des absurden, vor allem auf Selbsterhalt ausgerichteten Wissenschaftskosmos eintreten. Reizen würde ihn der Job, weil die Tätigkeit keinen »Anspruch auf irgendetwas« erhebe, lässt Koning am Anfang seinen Chef wissen. Beschäftigt sich das Institut doch mit so weltbewegenden Themen wie den regionalen Unterschieden im Umgang mit Nachgeburten von Pferden oder Umfragen zum Irrlichtglauben und zu Wichtelmännern. Nicht zu vergessen die auf ewig angelegte Arbeit am niederländischen Volkskundeatlas, die dem Institut als Projektgeld-Druckmaschine dient. Doch neben mangelndem Ehrgeiz zeichnet Maarten Koning auch Pflichtbewusstsein aus, sodass er zum Abteilungsleiter und gar zum kommissarischen Leiter des Büros aufsteigt. 

Dessen Alltag schildert Voskuil als aktenstaubtrocken-absurde und nicht selten komische Chronik der laufenden Nicht-Ereignisse. Diese detailversessene Nüchternheit entfaltet einen ganz eigenartigen Sog. Voskuil kommt ohne erkennbare Dramaturgie und Cliffhanger aus, und doch möchte man wissen, wie es weitergeht. Kollegen kommen, gehen und sterben, und die Typologie des Angestellten wird bis in die feinsten Charakterverästelungen akribisch ausdifferenziert. Da gibt es den Ehrgeizling und den Unzufriedenen, den Nörgler, den Querulanten oder den Krankmelder. Den Plot als unspektakulär zu bezeichnen, ist noch untertrieben. Der Dialog ist das vorherrschende Stilprinzip: Kleine Schwätzchen bei einer Tasse Kaffee, Klatsch, Tratsch und ab und an auch mal ein paar Boshaftigkeiten halten die Belegschaft bei Laune. Mit hyperrealer Schmucklosigkeit baut Voskuil so eine Welt zusammen, die in ihrer Lebensechtheit zugleich Satire auf die vollends verwaltete Welt und den Wissenschaftsbetrieb ist.

In den Niederlanden haben die zwischen 1996 und 2000 erschienenen Bände eine Aufregung versucht, die an die Harry-Potter-Manie hierzulande denken lässt. Rund 450.000 Exemplare gingen dort über die Ladentische. Nach dem Umzug des Meertens Institut wurden in den alten Räumlichkeiten Führungen für Voskuil-Fans abgehalten. Die Hoffnung des C.H. Beck Verlags, mit »Das Büro« einen Kassenschlager zu platzieren, haben sich vor fünf Jahren nicht erfüllt. Schon nach dem ersten Band wurden die Bemühungen um Voskuils Werk eingestellt. Danach hat der Berliner Verbrecher-Verlag mehr Mut bewiesen und sich der Sache angenommen. Für Herbst 2017 ist der letzte Band von »Das Büro« angekündigt, ins Deutsche gebracht von dem Dortmunder Übersetzer Gerd Busse. Das ist eine in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche Unternehmung. Nehmen Sie »Das Büro« mit in die Ferien!

J. J. Voskuil: »Das Büro 6. Abgang«, Verbrecher Verlag, Berlin 2017, ca. 900 Seiten, 34 Euro

Literatur
08 / 2017

Neues aus dem Karteisystemraum

Von: Andrej Klahn


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