Schweigendes Erdbeben

Knietief im deutschen Mittelstand: Sonja Heiss dekonstruiert in ihrem Debüt-Roman »Rimini« garstig die Lebens- und Liebesentwürfe einer Familie.

REZENSION VOLKER K. BELGHAUS

Es ist ein geografisches – weitgehend unbekanntes – Phänomen, dass sich, von den meisten unbemerkt, tief unter der Oberfläche abspielt. Etwas gerät in Bewegung, innerhalb von Wochen verschieben sich ganze Landschaften um mehrere Zentimeter – so langsam, dass man keine Erschütterung spürt. Diese »schweigenden Erdbeben« lassen sich nur durch moderne GPS-Systeme nachweisen.

Auch bei der Familie Armin hätten die Instrumente schon längst reagieren müssen. Die von der Familie mühsam aufrecht erhaltenen Fassaden schwanken zwar, werden aber noch eine Weile halten. Knietief im deutschen Mittelstand stecken die Eltern Barbara und Alexander, sowie deren erwachsene Kinder Masha und Hans, der als Jurist arbeitet und mit seiner Frau Ellen zwei Kinder hat. Masha, die erfolglose Schauspielerin, beginnt, ihre Falten im Gesicht als »Risse« zu betrachten, fühlt sich als »altes Kleinkind«, will aber endlich selber Nachwuchs.

Masha ist es auch, die die ersten Erschütterungen spürt und auf dem Weg zur familiären Weihnachtsfeier kurzerhand aus dem Zug flüchtet, sich im Bahnhofshotel über einige Dinge klar wird und sich einsam fühlt – denn »Kinder trinken sich nicht an Heiligabend durch die Hotelbar«. Hans’ Karriere und seine Ehe mit Ellen sind wegen seiner Aggressionen in Gefahr. Die Rentner Barbara und Alexander leben aneinander vorbei und können sich nicht mehr ausstehen.

Sonja Heiss, geboren 1976, ist Regisseurin der Kinofilme »Hotel Very Welcome« und »Hedi Schneider steckt fest«. Letzterer war als Drehbuch für den Deutschen Filmpreis nominiert und gewann ihn in der Kategorie »Bester Hauptdarsteller«. Ihr Erzählungsband »Das Glück geht aus« erschien 2011. »Rimini« ist ihr erster Roman. Man merkt dem Buch die cineastische Herkunft der Autorin an – die literarische Dekonstruktion einer deutschen Familie ist stark dialoglastig und erinnert teilweise an ein Filmskript. Die Dialoge sind pointiert, amüsant, spitz und enthalten die Gefahr gegenseitiger Verletzung. Trotzdem haben sie auch ihre Längen, etwa bei den Gesprächen zwischen Hans und seiner Psychiaterin. 

Heiss’ Handlungsorte sind sehr beengt – Büros, Schlafzimmer und der Haushalt der Eltern. Nur manchmal öffnen sich die Räume, etwa beim Rückblick auf die Hochzeitsreise von Barbara und Alexander nach Rimini in den Sechzigern, wo alles neu, hell und sommerlich war, sich aber bereits die ersten Schatten auf ihre Beziehung legen. Die Mittelstandsprobleme der Nachwuchs-Generation sind hingegen nichts gegen die ausweglose Lebenssituation der Eltern. Während die Jungen Partnerschaften knapp mit »Scheidungsgrund: Mitleid« beenden, kommen die Alten nicht voneinander los. Zuneigung und scheinbare Abhängigkeit werden zu Waffen; das wird besonders in jener hinterhältigen Szene deutlich, als es Barbara bei einem Spaziergang nach einer Rindswurst gelüstet, ihr Mann ihr aber stattdessen insistierend eine Banane aufdrängt, da sie doch hungrig sei. So ist das mit Lebens- und Liebesentwürfen: Man will Fleisch, bekommt letztlich aber nur Obst mit braunen Flecken.

Sonja Heiss: »Rimini«, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2017, Roman, 400 Seiten, 20.- Euro 

Lesung am 23. November 2017 in der Hochschul- und Kreisbibliothek Bonn-Rhein-Sieg in Rheinbach

Literatur
11 / 2017

Schweigendes Erdbeben

Von: Volker K. Belghaus


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