Väter und Söhne

Der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk gräbt in seinem neuen Roman »Die rothaarige Frau« den Ödipus-Mythos aus.

REZENSION ANDREJ KLAHN

Kulturhistorische Wechselwirkungen, Angaben zu Anspielungen und Interpretationshinweise lassen sich vor der Lektüre dem Beipackzettel zu Orhan Pamuks neuem Roman entnehmen. Den hat der türkische Schriftsteller seiner Geschichte in Form dreier Zitate mitgegeben: Friedrich Nietzsches Ödipus-Deutung aus der »Geburt der Tragödie«, eine Zeile aus Sophokles’ Drama »König Ödipus« und ein Satz aus dem Nationalepos »Schahname« des persischen Dichters Firdausi, in dem ein Sohn versehentlich von seinem Vater getötet wird: »Einen Vater ohne Sohn drückt man genauso wenig an die Brust wie einen Sohn ohne Vater.« Danach folgt Pamuks Variation auf das mythische Thema: Ödipus trägt in »Die rothaarige Frau« den Namen Cem, aus dessen rückblickender Perspektive die ersten beiden Teile des Romans erzählt werden. Als Cems Vater die Familie für eine andere Frau verlässt, ist der Junge sechzehn Jahre alt und ein Sohn aus bürgerlichem Hause. Der Vater, ein Apotheker und linker Oppositioneller, ist schon vor seiner Flucht wenig präsent, weil ihm das politische Engagement wichtiger ist als die Familie.

Doch den historischen Hintergrund, die frühen 1980er Jahre nach dem dritten Militärputsch in der Türkei, deutet Pamuk auffallend zurückhaltend an, um dann zunächst eine seltsam aus der Zeit gefallene, parabelhaft einfache Geschichte zu erzählen. Der Ich-Erzähler verlässt die Mutter, um in der Ferienzeit sein Geld bei dem Brunnenbauer Mahmut zu verdienen. Der virile Meister wird Cem zum Vaterersatz, und während Mahmut sich auf der Suche nach Wasser mit einfachsten Mitteln verbissen ins Erdinnere vorarbeitet, stellt Cem einer rothaarigen Schönheit nach. Die Wandertheaterschauspielerin, mit der Cem später schlafen wird, könnte, der Ich-Erzähler betont es wiederholt, vom Alter her seine Mutter sein. Unglück folgt. Es ist also tiefenpsychologisches Terrain, das da in einem kleinen Ort bei Istanbul umgegraben wird. 

Alles, von der Handlung bis hin zum nächtlichen Sternenhimmel, ist in »Die rothaarige Frau« doppelt und dreifach codiert. Das liest sich im ersten Teil ebenso kunstfertig wie aufdringlich, zumal der Ich-Erzähler, ein passionierter Leser der Sophokleischen Tragödie, die Deutung seines eigenen Lebens im Lichte des antiken Stoffes immer mitliefert. Im zweiten Teil lockert Pamuk dann das mythische Korsett, das seiner Geschichte bis dahin die Luft abschnürt. Die Figuren, die zunächst kaum mehr als Handlungsträger sind, beginnen zu atmen und »Die rothaarige Frau« wächst sich zu einer Reflexion über Kinderlosigkeit, Vaterschaft und Autorität aus, bevor das Geschehen im letzten Abschnitt mit einer Nachschrift eine überraschende Perspektivierung erfährt. »Hat man immer das Gefühl, einen Vater zu brauchen, oder etwa nur dann, wenn man nicht weiterweiß und alles um einen herum zerfällt«, fragt sich Cem. In solchen Sätzen meint man durch den mythischen Schleier des 2016 in der Türkei erschienenen Romans eine zarte Anspielung auf die hässliche Fratze der türkischen Gegenwart zu erkennen. Pamuk ist klug und politisch wohl auch vorsichtig genug, es dabei zu belassen.

Orhan Pamuk: »Die rothaarige Frau«, Hanser, München 2017, 272 Seiten, 22 Euro

Orhan Pamuk liest im Rahmen der Literaturbüro-Ruhr-Reihe »Über Leben!« am 19. Oktober 2017 in der Essener Lichtburg, moderiert von Norbert Wehr und Recai Hallaç. 

Weitere Lesungen im Oktober: Ilija Trojanow  (11.10.), Andreas Altmann (13.10.), Jean-Philippe Blondel (25.10.) und Harald Welzer (26.10.) Die Reihe wird im November fortgesetzt. Termine und Veranstaltungsorte unter: www.ueber-leben.net

http://www.ueber-leben.net

Literatur
10 / 2017

Väter und Söhne

Von: Andrej Klahn


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