Das Ehepaar Dorothee und Helge Achenbach im Frühjahr 2014. Foto: privat

Foto: Markus J. Feger

»Ich bin ungeklärter Status«

Die Zeit nach und während des Kunstskandals: Dorothee Achenbach hat ein Buch über die Monate geschrieben, in denen ihr Mann, der Düsseldorfer Kunstvermittler Helge Achenbach, verhaftet und verurteilt wurde. k.west hat sie getroffen.

Text Hans Hoff

»Halte durch, meine tapfere Dorothee.« Diesen Satz hat Helge Achenbach aus der Haft heraus geschrieben. Anfang 2015 hat er der Frau, die seit 24 Jahren an seiner Seite steht, Mut zusprechen wollen. Mehr konnte er nicht tun, denn Untersuchungshaft bedeutet Abschottung. Jede Zeile wird kontrolliert, jeder Besuch schwer gemacht. Viel geändert hat sich daran auch nach dem Urteil im Sommer 2015 nicht. Sechs Jahre Haft haben die Richter Achenbach verordnet, weil er als Kunstberater und Kunsthändler in 18 Fällen seine Kunden betrogen haben soll. 

Achenbach hat jene, denen er Kunstwerke und Ähnliches vermittelte, betrogen, weil er Rechnungen veränderte, weil er mehr kassierte als ihm nach den Vereinbarungen zustand. Das Geld floss in mehrere Gastronomieprojekte, wo es mehr  oder weniger versickerte. Der Schaden wird mit einem hohen zweistelligen Millionenbetrag beziffert. Es ist ein Schaden, der auch Achenbachs Familie betrifft. Die leidet sehr. »Eure Lage ist brutal, aber nicht hoffnungslos«, schrieb er im Februar 2015 aus der Haft.

Ob das wirklich stimmt, vermag Dorothee Achenbach derzeit gar nicht zu sagen. Die 52-Jährige wirkt schmal und zerbrechlich, als sie zum Gespräch antritt. Sie spricht in kurzen Sätzen, sie antwortet, was sie gefragt wird, sie wägt jedes Wort wohl. Sie wahrt die feine Form, aber sie weiß, dass alles, was sie sagt, auch von den gegnerischen Anwälten gelesen wird. Sie ist im Visier jener, die ihr misstrauen, die annehmen, sie habe doch mehr gewusst von den Umtrieben ihres Mannes als sie zugibt.

Ein Buch hat sie geschrieben. »Meine Wäsche kennt jetzt jeder« heißt es, und es beschreibt das, was in zwölf Monaten geschah. In lapidarem, aber durchaus humorvollem Ton rekapituliert Dorothee Achenbach das Geschehen. Es beginnt Pfingsten 2014 mit der Rückkehr von einer Party in Washington. 

Bei der Landung liegt Düsseldorf in Trümmern, zumindest was die Baumlandschaft angeht. Der Sturm Ela hat gewütet. Er hat einen Großteil des Grüns in der Stadt niedergewalzt. Hätte Achenbach es damals lesen können, wäre es ein schönes Sinnbild gewesen für all das, was ihr in den Folgemonaten geschehen sollte. Bei-
nahe täglich hatte sie danach Kontakt mit Gerichtsvollziehern, mit Anwälten, die Millionensummen von ihr fordern, die aus ihrer Sicht ihre Alterssicherung plündern wollen. 

Zwölf Monate umfasst das Buch. Den Zeitraum von der Verhaftung ihres Mannes bis zur Verurteilung. Die liegt nun schon beinahe ein halbes Jahr zurück, aber verbessert hat sich seitdem nicht viel. »Wir haben noch immer kaum eine ruhige Minute«, sagt die Autorin und erklärt ihre Motivation. »Es ging mir darum, das Ganze zu verarbeiten«, sagt sie, die mit ihrer Schreibarbeit auch ein wenig Glaubwürdigkeit zurückerobern möchte. »Ich habe gedacht: Wenn ich das nicht aufschreibe, glaubt mir das keiner.«

Detailliert beschreibt sie sich als Opfer eines Vernichtungsfeldzuges. Sie zeigt, wie ihr Leben dekonstruiert wurde. Von denen, die ein bisschen was zurückholen wollen von dem Vermögen, das ihr Gatte sich ergaunert hat. Dabei geht es stets auch um die Frage, was sie hätte wissen können, was sie hätte wissen müssen. Und um das Misstrauen, das ihr professionelle Rechtsvertreter entgegenbringen. Es lässt sie nicht zur Ruhe kommen.

Fragt man sie nach der Hoffnung, irgendwann diesen Albtraum verlassen zu dürfen, gibt sie sich wenig optimistisch. »Es kann ja auch im Sinne der gegnerischen Anwälte sein, dass dieser Streit niemals endet. Sie verdienen ja kräftig daran«.Die Strategie der Gegenseite? Sie sieht es so: »Das Ziel scheint mir zu sein, dass keiner von uns je wieder aufsteht.«

Im Buch weicht der an sich lockere Ton immer wieder einer gewissen Bitterkeit, wenn die Rede auf die Kläger kommt, auf die Aldi-Erben, die als Hauptgeschädigte gelten. »Manches ist so beängstigend und verletzend, da hilft auch kein Humor mehr«, sagt Achenbach.

Dabei war die Ehe schon vor der Verhaftung ihres Mannes kein Zuckerschlecken. Dass er sie betrogen hatte, wusste sie. Sie knabberte am Vertrauensverlust, und so, wie sie das im Buch darstellt, sieht es so aus, als hätte die Ehe im Juni 2014 nicht wirklich viel Zukunft gehabt. Aber dann kam die Verhaftung, und alles änderte sich. 

Angesichts der Vorgeschichte rieten ihr viele, sich scheiden zu lassen. Für die Betrogene keine Option. »Wir sind seit 24 Jahren zusammen. Das wirft man nicht so einfach über den Haufen. Erst recht nicht in so schweren Zeiten«, sagt sie beinahe trotzig. »Fast die ganze Welt scheint gegen ihn. Soll ich mich auch noch gegen ihn stellen?«

In großen Passagen wirkt das Buch auch wie der Versuch, das, was ihr Gatte angestellt hat, zu verstehen. Fragt man sie, ob sich ihr Mann in der Haft verändert habe, zögert sie kurz. »Gute Frage«, sagt sie dann und denkt einen Moment nach, bevor sie sich klar gibt: »Ja, er hat sich verändert«.

In manchen Momenten denkt sie gar, dass er es besser haben könnte als sie. »Im täglichen Horror beneide ich ihn manchmal. Er lebt – wie er selbst sagt – in einem Schutzraum. Er ist der Öffentlichkeit nicht direkt ausgesetzt. Ich bin es ja, die beim Einkaufen angesprochen wird.«

Eine Antwort auf die Frage nach der Motivation ihres Mannes, seine Kunden so sehr hinters Licht zu führen, hat sie im Buch nicht parat. Auch im Gespräch hat sie eher eine Vermutung, als dass sie es tatsächlich weiß. »Er ist sicher auch verführt worden durch den Reichtum seiner Kunden. Er wollte da mithalten«, sagt sie und berichtet von seiner Großzügigkeit. Er sei es gewesen, der seine Kunden eingeladen habe, der durch rauschende Partys für Stimmung sorgen wollte. »Ihm fehlte am Ende sicherlich komplett die Erdung. Da muss ein hohes Maß an Verdrängung stattgefunden haben«, diagnostiziert Dorothee Achenbach, die ihrem Gatten im Buch einen anderen Namen gibt. Er heißt dort nicht Helge Achenbach, sondern Bernhard Krämer.

»Ich wollte einen kleinen fiktionalen und damit auch emotionalen Abstand«, begründet sie das. Sie wollte beim Schreiben nicht immer wieder vom eigenen Namen angeschrien werden. Ihr reichte schon, dass der sie aus jeder Zeitung ansprang.

Als eine Frau, die gelegentlich für Zeitungen schrieb, kannte Dorothee Achenbach die Medienlandschaft. Doch nach der Verhaftung sollte sie diese aus komplett neuer Perspektive erfahren. Ungeachtet der Tatsache, dass das Ehepaar Pfingsten 2014 aus Washington heimkehrte, schrieben beinahe alle Medien, er sei direkt aus dem WM-Camp der deutschen Nationalmannschaft in Brasilien angereist. Einer schrieb vom anderen ab, es kursierten Fantasie-Summen. Vieles davon hat Achenbach erschreckt, verblüfft, abgestoßen. Sie musste neu lernen, sich in diesem System einzuordnen.

Inzwischen nimmt sie es, wie es ist. »Das Buch ist weder eine Abrechnung noch ein Rachefeldzug, und ich gebe auch nicht das waidwunde Reh«, sagt sie. Fragt man sie, ob sie sich angesichts der Vorgänge nicht manchmal ein bisschen als Witwe fühle, wiegelt sie ab. »Ich bin ungeklärter Status. Bei Facebook gibt es dafür den Beziehungsstatus schwierig oder so ähnlich«, sagt sie.

Weil Zeitungen sie in Sippenhaft nehmen und sie vorsichtshalber nicht mehr über Kunst schreiben lassen, ist sie arbeitssuchend gemeldet. Momentan bezahlt ihr die Arbeitsagentur ein Coaching. Das Geld ist knapp. Das Haus, in dem die Familie lebte und das ihr allein gehörte, musste sie verkaufen. Fragt man sie, ob ihr Hartz IV drohe, gibt sie sich kämpferisch: »Ich bin optimistisch, eine Arbeit zu finden«. 

Natürlich sieht sie auch ihr Buch als Empfehlung an. Sie kann schreiben, sie kann erklären, das sind Qualitäten. Aber sie will noch mehr. »Ich würde mir wünschen, dass es anderen hilft, die in einer vergleichbar aussichtslosen Situation sind. Vielleicht kann ich damit ein bisschen Hoffnung geben.«

Trotzdem richtet sie sich darauf ein, nach der Veröffentlichung erneut Gegenwind von den Aldi-Erben ertragen zu müssen. »So, wie die Anwälte der Erben des Milliardärs bislang vorgegangen sind, könnte ich mir vorstellen, dass sie nach Gründen für Unterlassungserklärungen oder Klagen suchen. Honorare fließen ja immer«, sagt sie. Ob sie denn noch bei Aldi einkaufe? »Aus anderen Gründen grundsätzlich schon lange nicht mehr«, sagt sie. Mag die Not auch groß sein, so tief will sie dann doch nicht sinken.


Dorothee Achenbach: »Meine Wäsche kennt jetzt jeder«, Droste Verlag, Düsseldorf 2015, 226 Seiten, 16,99 Euro

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12 / 2015

»Ich bin ungeklärter Status«

Von: Hans Hoff


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