WDR-Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz auf einer Pressekonferenz zu einer ARD-Radio-Feature-Reihe über Sinnsuche. Über den Sinn eines Kulturradios soll es dabei nicht gehen. Foto: WDR/Herby Sachs

VERÄRGERUNG ÜBER VERÄNDERUNG

Die geplante Reform des Kulturradios WDR 3 schlägt Wellen – höhere, als den Verantwortlichen lieb ist. Sie nennen den Protest aufgebauscht. Die Protestierer warnen vor Quotendenken und Qualitätsverarmung.

 

TEXT: HANS HOFF

Der Spiegel berichtet von einer missglückten Programmreform im WDR-Radio  und kritisiert sowohl den Hörfunkdirektor als auch die Intendanz. Wolfgang Schmitz steht mittendrin im Konflikt, in dem es nach der Meinung vieler Kritiker um den Freiraum geht, der im WDR immer weiter schrumpfe. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen kassiert Schmitz sogar eine Abmahnung, ein Kollege wird gleich ganz entlassen. Ein Bundestagsabgeordneter der SPD warnt vor der neuen Art öffentlich-rechtlicher Anstalten, sich ihrer unbequemen Redakteure zu entledigen.

Das war im Jahre 1981, als es noch für einen Skandal reichte, dass die Comedytruppe »Die 3 Tornados« in einem Sketch zum Abschied der beliebten Sendung »Radiothek« Maria und Joseph und das Wörtchen bumsen in einen Kontext gebracht hatten. Schmitz war damals Moderator im als Rotfunk verschrienen Sender, und die CDU sorgte mit einer Beschwerde dafür, dass er abgewatscht wurde.

Heute wird Schmitz wieder abgewatscht. Wieder geht es um den schwindenden Freiraum im WDR-Radio und um eine nach Ansicht vieler Kritiker völlig missglückte Radioreform. Allerdings gibt es einen kleinen, feinen Unterschied. Schmitz ist nicht mehr Moderator, er ist seit 2007  Hörfunkdirektor und steht nun als einer da, der die Kultur mit Füßen tritt. An denen trägt er übrigens gerne mal rote Schuhe. Manche sagen, er sei in seinen rund vier Jahrzehnten beim WDR immer eine Art öffentlich-rechtlicher Freak geblieben, einer, der seine verbliebene Unkonventionalität notfalls auch übers Schuhwerk dokumentiert. Sechs rote Paare habe er im Schrank, sagt er auf Anfrage und wundert sich, warum das nun interessant sein soll.

Die Antwort könnte im öffentlichen Aufruhr zu suchen sein. Über 17.000 Menschen haben sich bislang in eine Protestliste eingetragen, in der vor einer inhaltlichen Verarmung der Kulturwelle WDR 3 gewarnt wird. Die Banalisierung des Magazins »Resonanzen« steht da ebenso auf der Vorwurfsliste wie das Verschwinden von Sendeplätzen für Features und der Verlust von 32 Minuten politischer Berichterstattung.

Nun ist man im WDR gewohnt, Dresche zu kassieren, auch wenn man nur mal ein paar Stühle im Studio verrücken will. Hörer und Macher empfinden Veränderungen oft als Bedrohung und artikulieren ihre Verlustängste auch mal lautstark. Das war man in Köln gewohnt, dazu musste man nicht einmal an den Streit um die »Radiothek« erinnern oder an die Querelen, als aus WDR 1 die junge Welle Eins Live wurde. Womit bei der aktuellen Debatte indes niemand gerechnet hatte, war die Vehemenz der Proteste, die vor allem übers Internet ein riesiges Echo von so respektabler Größe fanden, dass es schwer wurde, die empörten Stimmen zu überhören.

Auch Schmitz hatte das Anliegen der Radioretter ganz offensichtlich unterschätzt. »Angesichts der relativ geringfügigen Änderungen habe ich nicht damit gerechnet, dass so die Post abgeht«, sagte er, nicht ohne zu betonen, dass die Befürchtungen der Kritiker in ihrer Gänze völlig grundlos bestünden. »Wenn gekürzt werden sollte, könnte ich die Proteste ja verstehen«, wandte er ein: »Aber wir kürzen nicht, wir schichten lediglich Ressourcen um. Und vor allem: Am Charakter von WDR 3 ändert sich nichts.«

Das sehen die Kritiker anders. Sie bombardierten den WDR mit Offenen Briefen, sie aktivierten Pressekollegen und setzten die Anstaltshierarchen quasi unter Dauerfeuer. Sie behaupteten kurzerhand, die Umstellungen bei WDR 3 seien nur der Vorlauf zu einer Vereinheitlichung des kulturellen Programms, quasi die Vorstufe zu einem Kulturmantelprogramm, mit dem die bislang noch anspruchsvollen ARD-Wellen irgendwann zu einem bundesweiten Kulturradio zusammengeschaltet werden könnten. Schmitz streitet solch ein Vorhaben vehement ab.

Ihm gehe es darum, WDR 3 und WDR 5 besser zu koordinieren, sie erkennbarer und weniger austauschbar zu machen. Er will den Katholiken nicht immer nur erklären, dass sie katholisch sind. »Ich mache doch ein Kulturprogramm nicht nur für bereits überzeugte Kultur-Hörer. Ich muss das Programm auch weiter entwickeln, um andere Hörerschichten zu erreichen.«

Nun wäre das mit der Weiterentwicklung viel leichter gefallen, hätte sich der WDR nicht einige dicke Schnitzer erlaubt. In einem Offenen Brief hatten sich die besorgten Hörer an die Intendantin gewandt, doch die befand das Anliegen keiner persönlichen Reaktion für würdig und ließ ihren Hörfunkdirektor antworten. Dass so etwas nach außen nicht nur ein bisschen arrogant wirkt, merkte an der WDR-Spitze kaum jemand.

Auch die Antwort von Hörfunkdirektor Schmitz fiel, um es mal vorsichtig zu sagen, nicht vollends überzeugend aus. In einem ellenlangen Schreiben konterte er ausführlich jeden Kritikpunkt, ließ aber völlig den Eindruck einer klaren Linie vermissen. Als dann noch eine Journalistin namens Erika Fuchs ihre Eindrücke in einem Blog formulierte, blaffte er unsouverän zurück und lästerte mit Bezug auf die bekannte Micky-Maus-Übersetzerin, er kenne eine Erika Fuchs nur aus Entenhausen. Überdies sei so gut wie alles falsch, was sie da schreibe.

Es schaukelte sich so einiges auf, und als vorläufiger Höhepunkt kam eine Entscheidung des WDR-Rundfunkrates, der das Reformvorhaben bei WDR 3 kurzerhand zur Diskussion an den Programmausschuss zurückverwies. Im Jubel der Radioretter, die dieses Vorgehen als eine Klatsche für Schmitz empfanden und auch so verkauften, ging ein bisschen unter, dass keineswegs Einigkeit darüber besteht, ob die Veränderungen im Programm der Zustimmung des Rundfunkrates bedürfen. Wären die Veränderungen zustimmungspflichtig, wie die Radioretter behaupten, könnte wohl kaum ein Radiomacher noch irgendetwas an seinem Angebot modifizieren, ohne gleich das oberste Aufsichtsgremium anzurufen. Das wird sich am 16. April erneut mit dem Thema befassen.

Zum Unmut bei jenen, die per Unterschrift ihre Ängste vor einem verflachenden Programm bekundeten, trug zusätzlich bei, dass in der WDR-Spitze auf Journalistenanfragen lange die Relevanz der Proteste heruntergespielt wurde. Zudem wurde angedeutet, dass der große Proteststurm letztlich gespeist werde von ein paar Windmachern im WDR, die als Redakteure ihre bequem gepolsterten Pöstchen bis zur Rente verteidigen.

Von Schmitz wird man solche Lästereien nicht hören. Er hat sich längst an die Gebetsmühle begeben und versucht, die Wogen zu glätten. »Wir werden um 18 Uhr eine Tageszusammenfassung der politischen Ereignisse haben, wir haben dann die Möglichkeit, bei Breaking News ins aktuelle Programm zu gehen, und ich möchte bei WDR 3 einen herausgehobenen kulturpolitischen Kommentar haben sowie ein aktuelles Kulturmagazin am Sonntag. Das Internetangebot soll besser  werden«, sagt er. Veränderung müsse doch möglich sein, fleht er fast. »Das geht nur mit Umschichtungen, wobei am gesamten Etat nicht gespart wird«, behauptet er.

Ob die WDR 3-Reform für Schmitz eine der letzten großen Aktionen sein wird, muss sich zeigen. Eine für ihn wichtige ist es auf jeden Fall. Am 30. April 2014 läuft sein Vertrag als Hörfunkdirektor aus. Dann ist er über 65 Jahre alt und dürfte kaum noch einmal wiedergewählt werden. Wie man sich später dann an ihn erinnern wird, hängt auch von den weiteren Entwicklungen im aktuellen Streit ab. Drückt Schmitz die Reform brachial durch, wird er mit ihr verbandelt bleiben. Bezieht er die Kritik ein und besänftigt die Protestanten nachhaltig, bleibt vielleicht die Erinnerung an einen Aufmüpfigen mit roten Schuhen.

www.die-radioretter.de.

Offenlegung: Der Autor spricht einmal im Monat als freier Mitarbeiter die Medienkolumne für das WDR 5-Magazin »Politikum«.

Medien
04 / 2012

VERÄRGERUNG ÜBER VERÄNDERUNG

Von: HANS HOFF


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