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Cindy und Bert sind paranoid

Cover-Versionen von Songs können schön sein - manchmal sogar viel schöner als das Original. Volker K. Belghaus hat sich umgesehen...  

Letztes Weihnachten schenkte er ihr sein Herz. Aber, man weiß es längst – am nächsten Tag hat sie es einfach weggegeben. Diese tragische Geschichte, der Song »Last Christmas« der Pop-Gruppe »Wham!«, fräst sich unerbittlich als Ohrwurm in weihnachtlich gestimmte Gehörgänge. Wer das Lied nicht mehr ertragen kann, der schalte ab oder noch besser, er greife zur Cover-Version. Etwa die unterkühlt-reduzierte und hübsch verhallte Electro-Variante von »The XX« oder jene von Element of Crime, die auf deren eigenem Cover-Album »Fremde Federn« zu hören ist. Warm und lässig von Sven Regener geschrammelt und nordisch heruntergeschnoddert, wie sich das gehört. 

Im besten Fall ist eine Cover-Version besser als das Original, rührt an Seele und Herz oder wächst in anderer Version zu neuer Größe. Sie kann auch hinreißend albern sein oder ist so merkwürdig, dass es weh tut. »Die Musik ist heilig!« antwortet André Tolba, Rockabilly-Gitarrist und Kopf des »Adriano Batolba Orchestra« auf die Frage, was eine gute Coverversion ausmacht. So albern, schräg und spielfreudig die Ideen auch seien, der Respekt vor der Musik selbst sei das Wichtigste. Neben seiner eigenen Band spielt Tolba auch in anderen Formationen, etwa in den Bands um den Sänger Sascha und dessen Rock’n’Roll-Cover-Alter Ego »Dick Brave and the Backbeats« und hat an Stefan Raabs legendärem »Satellite«-Cover zur Show-Eröffnung des Eurovision Song
Contest 2011 in Düsseldorf mitgearbeitet. 

Da Lena nach ihrem Erfolg erneut antrat, durfte sie nicht mit ihrem Titel aus dem Vorjahr die Show beginnen. Das übernahm Raab, indem er mit den Moderatorinnen Engelke und Rakers herumalberte und begann, das Stück auf einer akustischen Gitarre zu spielen, was in eine angenehm größenwahnsinnige, achtminütige Rockabilly-Version von »Satellite« ausartete. Die steigerte sich stetig, bis eine komplette Big-Band mit zwei Schlagzeugen und 13 Bläsern auf der Bühne vor einer riesigen, hektisch animierten LED-Wand stand, um Tempo und Sound stetig anzuziehen. Dem krachenden Schlussakkord folgte eine Pyro-Explosion, die visuell die halbe Bühne wegsprengte und den Zuschauern weltweit zeigte, wie eine lässige Show aussehen kann. 

Raabs Rockabilly-Version klingt im Vergleich sogar besser als das Original, das sich schon damals durch heftigen Airplay in den Radiosendern tot gedudelt hatte. Das funktioniert auch anders herum – Whitney Houstons Bombastschmachter »I Will Always Love You« verliert gegen Dolly Partons Original von 1974, das ohne Plastiksoul und dramatischem Tremolo in der Stimme auskommt und eher melancholisch und nachdenklich klingt. Oder der Song »Tainted Love«, der im Original von Gloria Jones 1965 ein schneller, cooler Motown-Song war, 1981 durch Marc Almond und »Soft Cell« zur clubkompatiblen Synthesizer-Hymne wurde, die 43 Wochen in den Charts blieb, und 2001 durch Marylin Manson zur schleppenden Metal-Ballade transformierte. Dass die Scorpions dem Song ein hannoveranisches Hartmetallkleid verpassten, soll gnädig verschwiegen werden.

Interessant wird es, wenn die Cover-Version dem bekannten Song neue Tiefe und eine andere Emotionalität gibt, wie bei »Mensch«. Schon Grönemeyers Original ist nah am Wasser gebaut; der Kölner Pianist Frank Chastenier hat vor einiger Zeit eine stille Instrumentalversion eingespielt. Erst tastet er sich improvisierend vor, findet dann die zarte Melodie, bis Till Brönners gedämpfte Trompete zum Refrain dazukommt. Ähnlich verhält es sich bei »Du bist nicht allein« von Roy Black. Ein Schlager aus dem Old German Songbook, zigfach in Hecks Hitparade dargeboten. Für den Soundtrack der deutschen Tragikomödie »Du bist nicht allein« haben einige Musiker der Band Element of Crime mit dem Schauspieler Axel Prahl eine Cover-Version eingespielt. Deren entschlacktes Arrangement und eine traurige Trompete lenken die Aufmerksamkeit auf den Text und machen daraus ein großes Liebeslied voller Hoffnung: »Du bist nicht allein, wenn du träumst heute Abend«. 

Es gibt auch schaurige Cover-Versionen, die so schräg sind, dass sie vom Formatradio gern in die langweilige wie überfüllte Schublade »Kult« einsortiert werden. Black Sabbath bekamen das in den 70ern mit ihrem Hit »Paranoid« zu spüren, als das Schlagerduo »Cindy & Bert« den Song coverte, um daraus sinn- und grundlos »Der Hund von Baskerville« zu machen. Sänger Norbert Berger schrieb den kruden deutschen Text derart konsequent am Original vorbei, dass einem noch heute die Spucke wegbleibt. Doof, aber durchaus sympathisch ist hingegen »Die Wanne ist voll« von Dieter Hallervorden und Helga Feddersen; im Original das Duett »You Are The One That I Want« aus dem Musicalfilm »Grease«. So befreit und hemmungslos zu blödeln, trauen sich nur noch die wenigsten. 

Durchaus ernst meinten es die Macher des Stimmungsschlagers »Schöne Maid«. Der Erfolgsproduzent Jack White, der eigentlich Horst Nußbaum heißt und früher Fußballer war, und somit eine Cover-Version seines eigenen Ichs darstellt, übertrug 1971 das tahitianische Volkslied »Nau Haka Taranga« ins Deutsche. Ergebnis war die Mitklatschnummer »Schöne Maid«, die Tony Marshall interpretierte. Der hatte keine Lust, die Nummer zu singen, und soll sich vorher mit Chianti einen gehörigen Schwips angetrunken haben, auf dass ihn Jack White aus dem Studio werfen möge. Dazu kam es aber nicht, »Schöne Maid« wurde zum Hit und bescherte Marshall sechs goldene Schallplatten und die Ehrenbürgerschaft von Bora-Bora. Anfang der 90er Jahre produzierte White »Looking for Freedom« mit David Hasselhoff; dessen Superhit hatte Tony Marshall bereits 1978 als »Auf der Straße nach Süden« gesungen. Umgekehrt funktionierte das auch – aus Hasselhoffs »Crazy For You« machte White kurzerhand den imperativen Saufschlager »Resi bring Bier!«, mit dem Marshall und Roberto Blanco im Duett Bierzelte zum Beben brachten.

Ähnlich erschütternd für die Fans der Originalsongs ist das Album »Rock Swings« von Paul Anka, der die Klassiker der Hartgitarrenmusik kurzerhand zu Big-Band-Arrangements umgebaut hat. Höhepunkt ist sicher Nirvanas »Smells Like Teen Spirit« im jazzigen Happy-Sound. Fingerschnippender Existenzialisten-Pathos – das hätte sich nicht mal James Last getraut!

Musik
12 / 2017

Cindy und Bert sind paranoid

Von: Volker K. Belghaus


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