Hille Perl, Foto: Sony BMG 

Eine Charakterfrage

Die Gambistin Hille Perl ist mit zwei Projekten auf Gastspielreise

//   1740 ließ ein gewisser Monsieur Hubert Le Blanc in einem amüsanten Traktat keine Zweifel, welchem Streichinstrument sein Herz gehört. Nicht etwa der als Pygmäe geschmähten Violine oder dem als allzu prätentiös abqualifizierten Violoncello. Für ihn war die Königin der Streichinstrumente die Viola da Gamba – auch und gerade wegen ihrer »zärtlichen, weiblich harmonischen« Klangzüge. Seitdem hat die Hochgelobte zwar so manche Tiefen durchmachen müssen, galt sie lange Zeit als zu spröde, zickig und selbstverliebt aristokratisch gestimmt. Doch dank der Alten-Musik-Bewegung hat die Gambe nicht nur längst wieder eine Renaissance erlebt. Zurzeit steht sie mal wieder in der Blüte ihres nunmehr vier Jahrhunderte währenden Lebens.

Erheblichen Anteil daran hat neben dem katalanischen Altmeister Jordi Savall vor allem Hille Perl. Immerhin ist die gebürtige Bremerin seit dem fünften Lebensjahr mit jenem Instrument verwachsen, das im England und Frankreich der Renaissance und des Barock den Kammermusikton angab. Seit ihrer ersten Solo-CD, mit der sie 1997 den sagenumwobenen Gamben-Komponisten Sainte Colombe würdigte, verwandelt Perl die Notenkonvolute eines John Dowland oder Marin Marais in zeitlos geistvolle Musik. Wer jedoch von Hille Perl etwas über das Innenleben ihres Instruments, aber auch einiges über seine Vorzüge gegenüber dem artverwandten Cello erfahren will, erhält zunächst eine leicht empört wirkende Antwort: »Also, im Ernst, natürlich ist der offensichtlichste Vorteil einer Gambe dem Cello gegenüber der, dass eine Gambe sechs oder sogar sieben Saiten hat. Während das Cello nur vier besitzt.«

Nachdem Perl aber ihren Gesprächspartner über die weiteren Pluspunkte der Gambe wie etwa ihre akkordische Spieltechnik aufgeklärt hat, ist sie mit großer Leidenschaft bei ihrer Eloge auf das ganz und gar konkurrenzlose Instrument. Da schwärmt sie vom erdigen und dennoch durchsichtigen Klang, vom Zarten und doch Vollen, vom Vertrauten und gleichzeitig Exotischen. Wenn Hille Perl dann ihre verschiedenen Gamben-Modelle beschreibt, scheint es, als würde sie gleich mehrere Liebesbeziehungen pflegen: »Meine Tielke-Kopie ist stark und direkt. Meine französische Cheron-Kopie hat Schmelz und vereinigt die Akkorde zu wunderbaren Klangwolken. Mein jetziges Lieblingsinstrument, eine Gambe aus dem frühen 18. Jahrhundert von Matthias Alban, hat so viele überraschende Charaktereigenschaften, dass es jeden Tag aufs Neue aufregend und äußerst spannend ist, was sie mir mitzuteilen hat. Es scheint, dass sie eher mir die Klänge schenkt, als dass ich sie in ihr suchen muss.«

Für dieses wundersame Erleben und Gelingen, dieses geradezu kommunikative Ertasten und Erforschen braucht Hille Perl aber zuallererst die entsprechende Umgebung und nötige Ruhe. Beides hat die zierliche Frau mit der enormen Ausstrahlung idealerweise fernab großstädtischer Hektik auf dem norddeutschen platten Land gefunden. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem amerikanischen Lautenisten Lee Santana, hat sich die 1965 geborene Künstlerin in einem Bauernhof-Idyll eingerichtet, in dem sich die eigenen Hühner, Katzen und Pferde gute Nacht sagen. Dass Hille Perl jedoch das Gegenteil einer Einsiedlerin ist, unterstreicht allein ihr künstlerisches Selbstverständnis. Perl fühlt sich auch in ihrer Funktion als Gamben-Professorin an der Hochschule der Künste ihrer Heimatstadt Bremen als Bewahrerin und Vermittlerin einer Musik-Kultur, die trotz ihrer zeitlichen Ferne mehr denn je berühren und »mit unserem Dasein korrespondieren« kann.

Dazu gehört die Erhabenheit des vor 350 Jahren geborenen französischen Gambisten Marais. Dazu zählen aber vielleicht noch mehr die von dem Shakespeare-Zeitgenossen John Dowland vertonten »Semper dolens«-Tränen, seine klingende Liebesseelen-Fäulnis, die von Countertenor Andreas Scholl bis zum Pop-Troubadour Sting in aller Munde ist. Gerade Stings Aufnahme wurde denn auch zu einer Art Initialzündung für Perls neuestes Dowland-Projekt »In Darkness Let Me Dwell«, mit dem sie samt ihrem Ensemble The Sirius Viols, Lee Santana sowie der Sopranistin Dorothee Mields in Dortmund gastiert.

»Wir wurden daran erinnert«, schreibt Perl dazu im Booklet, »dass diese Literatur unsere ureigenste musikalische Muttersprache bildet, da wir diese Werke seit Kindertagen im Herzen tragen«. In Dowlands Liedern, Solo-Lautenstücken sowie Galiards und Pavanen für Gamben-Consort wird die Schwermut mal zutiefst empfindsam, mal hochexpressiv ausgebreitet, umspielt und gepflegt. Wie selbstverständlich verschmelzen dabei Trauer und Trost anziehend in Würde. Neuerlich trifft Hille Perl mitten ins Herzrhythmus-Zentrum dieser kostbaren Partituren. Wobei sie sich wiederum als ausgesprochene Team-Playerin, als Prima inter pares sieht. Gemäß dem Perl’schen Motto »Gambisten aller Länder: Vereinigt Euch!« hat sie dafür die fünfköpfige Gamben-Truppe The Sirius Viols gegründet. Und widmet sie sich nicht gerade mit Lee Santana in trauter Zweisamkeit dem Œuvre eines Marais oder mit dem Quartett The Age of Passions den Komponisten Bach und Telemann, lässt sie im Trio Los Otros den Bogen hüpfen und springen, wenn sie mit Santana und dem Tänzer Steve Player die alte Kunst der Improvisation neu entflammt.

Konzentrierte man sich dabei bisher auf den spanisch-italienischen Kulturraum, hat Perl mit Los Otros nun den Schritt über den großen Teich gewagt, um mit dem Tembeme Ensamble Continuo die bis ins 16. Jahrhundert zurückreichenden, ibero-mexikanischen Klangwurzeln auszugraben. Herausgekommen ist »La Hacha«, was soviel wie »Die Fackel« bedeutet. Plötzlich verbindet sich virtuose spanische Barockmusik mit mexikanischer Tanzmusik, hört man bis heute gesungene Lieder, die damals aufgrund der anstößigen Textzeilen in den Archiven der Inquisition verschwanden. Wenn Hille Perl einem ihrer wertvollen und reich verzierten Instrumente die entsprechend feuerscharfen Klangfarben entlockt, lösen sie auch das aus, was wohl nur die Gambe schaffen kann: »Die Vibrationen, die man durch den Bogen und in den Beinen spürt, sorgen dafür, dass man sich als Gambist als durchaus privilegiertes und vom Glück verfolgtes Menschenkind empfindet.« Der Gamben-Fan Hubert Le Blanc hätte das 1740 nicht besser formulieren können.   //

Termine: 18. Nov. 2008 Schloss und Museum Morsbroich, Leverkusen sowie 26. Nov. 2008 Konzerthaus Dortmund.

Musik
11 / 2008

Eine Charakterfrage

Von: Guido Fischer


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