Foto: Ralph Mecke

GÄRTNER IN MAHLERS GARTEN

Sir Simon Rattle hält Albrecht Mayer für einen der besten Oboisten aller Zeiten. Im April gastiert Mayer mit »Bonjour Paris« in der Düsseldorfer Tonhalle.

TEXT: FRIEDEMANN KLUGE

Spätestens seit Patrick Süskinds »Kontrabaß« sind auch weniger musikalisch veranlagte Bildungsbürger darüber informiert, dass dieses Instrument aufgrund des Mangels an solistischer Literatur zu kaum mehr als einem puren Resonanzbodendasein verurteilt ist. Ein Schicksal, das es etwa mit der Posaune, mit der Harfe und sogar mit der Viola teilt, für die mehr boshafte Musikerwitze als Kompositionen im Umlauf sind. Wenn nun ein hochbegabter – sagen wir – Kontrabassist sich mit seinem ausschließlich mitbrummelnden Dasein unterfordert fühlte und auf die Idee käme, Bachs »Ich habe genug« oder Loewes »Heinrich der Vogler« die Singstimme wegzunehmen? Und sie durch eine eigene Bearbeitung für Kontrabass zu ersetzen? Dann würden sich die Musikfreunde – Virtuosität hin, Virtuosität her – vermutlich die Haare raufen!

Nichts anderes aber unternimmt der derzeit weltbeste Oboist Albrecht Mayer: Das Gros aller überhaupt existierenden Oboenkonzerte entstammt dem Barock. Darunter sind wirklich prachtvolle Werke – Bach, Albinoni, Marcello und ein paar andere –, aber auch so manches Duodezgeschnatter, das zurecht dem Vergessen anheim gefallen ist. Was also tun? Albrecht Mayer bearbeitete gemeinsam mit Andreas Tarkmann Vokalwerke von Bach, Händel und Mozart für sein Instrument und traf damit – von einigen musikpuristischen Bedenkenträgern einmal abgesehen – beim Publikum voll ins Schwarze! Und genau das ist, was Mayer anstrebt: Er will keinem Komponisten dienen, sondern dem Publikum. »Denn nichts macht mich so glücklich, wie die Anerkennung durch den Applaus.« Mit seinen CDs »Lieder ohne Worte«  und »Auf Mozarts Spuren« hielt er sich über große Zeiträume hinweg auf den vorderen Plätzen der deutschen Klassik-Charts. Gern wird kolportiert, er habe mit seinen Händel-Transkriptionen (»New Seasons« mit der Sinfonia Varsovia) gar die deutschen Pop-Charts »gestürmt«. Indes: So heftig kann der Sturm nicht gewesen sein, denn in den Monatslisten taucht sie unter den Top 30 nicht auf. Für manch einen mag es ja auch ein eher zweifelhafter Ruhm sein, auf der Hühnerleiter mit »Unheilig«, Farin Urlaub, Xavier Naidoo und »Tokio Hotel« zu sitzen, kaum aber für jemanden, der, wie Mayer, im Privatleben auch Hip Hop und Rap zu schätzen weiß.

Auch verbal macht Mayer keinen Hehl aus seiner Ansicht, dass das vorliegende Angebot an Oboenliteratur ihm viel zu mager ist. Wohl nicht nur im Scherz behauptete er einmal selbstbewusst: »Hätte ich früher gelebt, gäbe es ein Oboenkonzert von Gustav Mahler. Ich hätte zwanzig Jahre lang seinen Garten geharkt.« Beinahe fassungslos erklärt er an anderer Stelle: »Die wichtigsten Stimmen in den Sinfonien der Romantik sind von Oboen gespielt worden. Aber aus für mich sehr schwer nachvollziehbaren Gründen hatte die Oboe keinen solistischen Stellenwert in dieser Zeit.«

Am Beginn der Weltkarriere des 1965 geborenen Mayer stand keine Oboe, sondern eine Sprechstörung: der Bub stotterte, und der Vater, ein Bamberger Kinderarzt, verfolgte zunächst rein therapeutische Ziele, als er seinen Sohn ein Holzblasinstrument lernen ließ. Es war der Musiklehrer der Schule, der aus nicht ganz uneigennützigen Gründen die Oboe vorschlug: Ihm fehlte in der Schule schlicht und einfach eine Oboengruppe. Schon nach kürzester Übungszeit sind der kleine Albrecht und sein Instrument nicht mehr zu trennen, und es sind die besorgten Eltern, die dem Kind nunmehr Spielpausen verordnen müssen. Wohl auch deshalb, weil die Oboe spieltechnisch, bedingt durch den permanent einzuhaltenden Lippendruck, ein ziemlich anstrengendes Instrument ist.

Solcherlei Schwierigkeiten verdankt das Instrument seinen völlig unbegründet schlechten Ruf. Da hieß es schon mal, der hohe Druck, der beim Spielen im Kopf entsteht, ließe den Spieler zu einem Kandidaten für den Schlaganfall werden – ein Unsinnsgerücht, das nur noch übertroffen wird von der Fama, man werde durch das Spielen der Oboen nach und nach deppert. Bei Mayer keine Spur von Schwachsinn: Nach nur zweijähriger Lernzeit gibt er in einer Bamberger Kirche sein erstes Solokonzert. Nachdem er ursprünglich Gesang hatte studieren wollen, wiesen ihm seine Lehrer Georg Meerwein und Gerhard Scheuer, beide damals Solooboisten bei den Bamberger Symphonikern, den Weg in die Karriere des Instrumentalsolisten. Ihnen folgten der bedeutende französische Oboist Maurice Borgue und Ingo Goritzki, mit dem Mayer inzwischen seit langem befreundet ist und der ihn in der »Ahnenreihe« mit einem anderen Ausnahme-Oboisten sieht: dem in Mülheim geborenen Helmut Winschermann.

Im Jahre 1990 steigt Mayer als Solooboist bei den Bamberger Symphonikern ein. Nur zwei Jahre später, 1992, unternimmt er den ganz großen Sprung zu den Berliner Philharmonikern, wo er sich seither der außerordentlichen Wertschätzung seiner Kollegen erfreut. Wilfried Strehle, Bratschist des Orchesters, bringt es auf den Punkt: »Er ist der umfassendste Oboist, den wir jemals hatten«; und der Chefdirigent, Sir Simon Rattle, setzt noch eins drauf, wenn er Mayer als »einen der besten Oboisten aller Zeiten« rühmt. Wer einen solchen Ruf genießt, dem kann nichts gut genug sein. Und so spielt Mayer, immer auf der Suche nach dem perfekten Klang, buchstäblich sein eigenes Instrument, das er in Verbindung mit einem Berliner Instrumentenbauer selbst entwickelt hat.

Mayer versteht es, den sich unter- und einordnenden Orchestermusiker mit dem solistisch geforderten Oboisten zu verbinden: »Seit ich als Solist herumreise, genieße ich es, in der Gruppe zu spielen. Weil der Druck weg ist, den man sich selber macht, wenn das einzige Ziel darin besteht, Solo-Oboist der Philharmoniker zu sein.« Der Zweijahresrhythmus scheint für Mayers Karriere bestimmend zu sein: 2004 erhält  er den begehrten Echo-Klassik-Award, 2006 den E.T.A.-Hoffmann-Kulturpreis seiner Heimatstadt Bamberg,  2008 und 2010 nochmals den Klassik-Award.

Auf seiner vorerst letzten, bei DECCA er-schienenen CD »Bonjour Paris« finden sich erneut eigene Arrangements solcher Werke, die eigentlich für andere Besetzungen gedacht waren. So Ravels »Pavane pour une infante défunte« oder Saties »Gymnopédies«.

Anders als im Fall des eingangs beschworenen Kontrabassisten, dürfte sich angesichts solchen Wohlklangs kaum ein Musikfreund die Haare raufen. Die stellen sich ihm nämlich ganz von allein auf: jene kleinen Härchen im Nackenbereich – was mit lustvollem Frösteln einherzugehen pflegt.


Am 10.4. in der Tonhalle, Düsseldorf www.tonhalle.de + www.albrechtmayer.com

Musik
04 / 2011

GÄRTNER IN MAHLERS GARTEN


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