Anna Lucia Richter und Michael Gees. Foto: Hermann und Clärchen Baus

»Mozart verzeiht einem Sänger nichts«

Die Kölner Sopranistin Anna Lucia Richter hat ihre erste CD vorgelegt.

Text Christoph Vratz

Ihre Karriere verläuft im Eiltempo. Die Kölner Sopranistin Anna Lucia Richter hat in der Londoner Wigmore Hall und bei der Schubertiade in Hohenems mit Liederabenden geglänzt. Sie ist mit den Orchestern von Los Angeles und Amsterdam, Berlin und Dresden aufgetreten. Jetzt hat die 25-Jährige ihre erste CD vorgelegt.

Ihre Studier- und Probierstube befindet sich unter einem Dach im Kölner Norden. Hier steht ein Flügel, den sie vom Opa übernommen hat. Hier kann sie singen, ungestört und unabhängig vom Wohlwollen empfindlicher Nachbarn. Dabei ist Anna Lucia Richter auf dem Sprung. Sie wird künftig mehr in Wien zuhause sein, der Weltmusikstadt, aber Köln nicht aufgeben. Denn sie ist in der Stadt tief verwurzelt. Der Vater geigt im Gürzenich-Orchester, der Großvater war Pianist, die Oma Bratscherin, der Onkel Cellist. Ein Musikerstammbaum. Auch die Mutter ist dort verzeichnet. Sie singt Alt und war ihre erste Gesangslehrerin, nachdem das Experiment Geige früh gescheitert war.

Untalentiert sei sie gewesen, sagt Anna Lucia Richter. »Mit vier Jahren habe ich versucht, der Geige die richtigen Töne zu entlocken. Es ging nicht, ich suchte sie und fand sie nicht.« Auch an der mangelnden Geduld habe es gelegen.

Anna Lucia Richter ist in allem klar, im Denken, in ihren fundierten Aussagen und in ihrem Gesang. Ihre Stimme hebt leise an. Sie vermag lange Bögen zu formen und hat in der Höhe etwas feenhaft Unbeschwertes. Gleichzeitig kann sie sich auf ein gesundes Fundament in der Tiefe verlassen. Das lässt sich nun auch auf Richters jüngst erschienener erster CD nachhören. Das Besondere: Sie singt auch Improvisationen! In der Klassik war das früher eine übliche Praxis, heute ist es eine sträflich verschmähte Disziplin, die am ehesten noch von Organisten praktiziert wird. Aber im Gesang?

Durch den Pianisten Michael Gees sei sie zum Gesang gekommen, erzählt Richter. Gees bekam kurz darauf einen Lehrauftrag an der Hochschule in Köln zum Thema Improvisation. »Das hat sich dann verselbständigt, wir haben immer häufiger probiert und dann kleine Konzerte gegeben mit Improvisations-Anteilen.«

Was braucht es für eine gute Improvisation? »Einerseits Erfahrung, andererseits die Offenheit, sich im jeweiligen Moment fallen zu lassen und sich etwas zu trauen. Unser Klassik-Geschäft heute hat viel mit Perfektionismus zu tun, in den Aufnahmestudios ist technisch alles möglich. In der Improvisation aber können viele Dinge geschehen, die nicht vorhersehbar und vielleicht auch nicht ideal sind: Dissonanzen, rhythmische Wechsel etc. Aber genau das macht es so interessant. Daher sind die Improvisationen auf der CD auch komplett ungeschnitten.«

Richters Lied-Improvisationen wirken, auch im Wechselspiel mit Michael Gees, ungemein ausgereift. Man merkt ihnen nicht an, dass sie aus dem Moment geboren werden und spontanen Einfällen folgen. Dem Lied gilt ihre große Liebe, ob mit Klavier oder Orchester. Sie weiß aber auch, dass Sänger oft zuerst auf ihre Opern-Stationen hin festgelegt werden. Aber sie ist klug genug zu erkennen, dass man sich im Backfischalter nicht zu früh an zu große Partien wagen sollte. An der Rheinoper hat sie die Barbarina im »Figaro«, später Zerlina in »Don Giovanni« gesungen. Nun wird sie im Aalto-Theater ihre erste Pamina geben.

Mozart – die Herausforderung! »Er verzeiht einem Sänger nichts«, sagt Richter. »Alles scheint so einfach, aber Mozart ist so direkt, da lässt sich nichts kaschieren.« Die Pamina, die wollte sie immer schon singen. »Aber wenn mich jemand vor zwei oder drei Jahren gefragt hätte, wäre es zu früh gewesen. Ich hatte ein Klangideal im Kopf und musikalisch genügend Ideen, aber rein körperlich und konditionsmäßig hätte ich das damals noch nicht geschafft.« Gerade ist sie aus San Francisco zurückgekehrt, wo sie mit András Schiff konzertierte.

Selbst so erfahrene Majestäten wie er gehen vor einem Konzert in sich, folgen einem genau getakteten Tagesablauf. Richter hält es ähnlich. Sperenzchen vor dem Konzert sind nicht ihre Sache. »Die letzten zehn Minuten gehören mir. Ich ziehe mich zurück, fokussiere mich ganz auf das, was auf mich zukommt.« Richter vertraut auch ihrem Körpergefühl, merkt, wenn sich Unsicherheit einschleicht, »etwa wenn ich mich dem Publikum entgegenlehne, weil ich unbedingt etwas vermitteln möchte«. Das sei ein Zeichen, dass sie eine Botschaft konstruieren und herstellen wolle, anstatt die Musik selbst sprechen zu lassen. Was bedeutet Natürlichkeit beim Singen? »Mir ist wichtig, dass sie aus der Empfindung des Inhalts und der des Textes kommt.

Die Gefahr ist, dass man in einem Satz oder einer Zeile drei Worte als besonders wesentlich ansieht und dann so betont, dass es zu kleingliedrig wird. Das ist fürs Publikum unübersichtlich und wirkt schnell artifiziell. Natürlichkeit entsteht dadurch, dass man sich große Linien vornimmt und wenige Schwerpunkte sehr überlegt setzt. Was in der Vorbereitung zunächst eine Art Unnatürlichkeit hervorruft, weil ich mir über alles Gedanken mache und eine Melodie nicht einfach fließen lasse. Ziel ist es, zu einem Fluss zu finden. Hin zur Authentizität.«

Musik
12 / 2015

»Mozart verzeiht einem Sänger nichts«

Von: Christoph Vratz


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