Das allererste Cover von »Intro«, 1991

Das aktuelle Cover von »Intro«

»Intro«-Chef Thomas Venker

»Intro«-Chef Matthias Hörstmann

»POP IST EINE GEMEINSAM GEPRÄGTE WELT.«

Als Printmagazin für Pop-Musik müsste die Kölner Intro eigentlich in der Doppelkrise stecken. Stattdessen ist sie – 20 Jahre nachihrer Gründung – Herz eines clever vernetzten Medienunternehmens. Einnahmen aus Festivals, Netz-TV und Spartenmagazinen sichern ihr Überleben. Ein Gespräch mit Chefredakteur Thomas Venker über »erzwun-gene« Expansion, die Bedeutung von Pop und die Aufgabe von Musikmagazinen in Zeiten des Internets.

 

INTERVIEW: INGO JUKNAT

Das alte 4711-Haus in Köln-Ehrenfeld ist eine Seltenheit – ein »Kreativquartier«, das den Namen wirklich verdient. Hier ist Vernetzung zur Abwechslung kein Wunschdenken, sondern Realität. In der einstigen Duftwasser-Zentrale wird das Festival »c/o pop« organisiert, hier sitzen die Booker des renommierten »Gebäude 9«, der Netz-TV-Sender Putpat, Magazine wie Bolzen, Festivalguide und natürlich die Intro. Die letzten vier gehören zum selben Mutterkonzern, der Unternehmensgruppe von Intro-Gründer Matthias Hörstmann. Am Ende eines langen Ganges auf der Intro-Etage wartet Thomas Venker. Das Büro des Chefredakteurs ist bescheiden, Venker hat es nicht mal allein. Die auffälligsten Details haben wenig mit Popmusik zu tun. An der Wand hängt ein Meisterschaftswimpel des VfB Stuttgart, 60 Jahre alt, mit sämtlichen Spielerunterschriften. »Mein Vater und mein Opa waren im Verein aktiv«, sagt Venker in seinem ruhigen, fast gemütlichen, Schwabenakzent. Den Tisch von Büro-Kollege Linus Volkmann ziert ein Eintracht Frankfurt-Wimpel. Fußball-Fans sind sie fast alle bei der Intro. Und der Fußball hat sie auch schon gerettet. In Form der 11 Freunde. Doch dazu später.


K.WEST: Erstmal Glückwunsch zum 20-jährigen! Wie lang sind Sie selbst dabei?

VENKER: Ich bin seit dem Jahr 2000 dabei. Ich feiere aktuell auch ein Jubiläum, meine 125. Ausgabe.

K.WEST: Ist der Job in den letzten zwölf Jahren anstrengender oder aufregender geworden?

VENKER: Es ist ein ganz anderer Job geworden. Als ich angefangen habe, war die Intro ein Laden mit wenig mehr als zehn Angestellten. Inzwischen ist daraus eine große Unternehmensgruppe, die HUG, erwachsen – mit fast 100 Mitarbeitern. Ich betreue als Director den gesamten Media-Content-Bereich der Hörstmann Unternehmensgruppe – dazu gehören putpat.tv, Sneaker Freaker, Festivalguide, 11 Freunde, Bolzen, das Textbüro, Intro natürlich, aber auch die ganzen Social-Media-Auftritte und Webseiten, beispielsweise der hauseigenen Festivals »Melt!«, Berlin Festival und »Splash«. Das Team besteht aus 25 Leuten.

K.WEST: Ihr betreibt ein Musikfernsehen im Netz, gebt Fußball- und Sneaker-Hefte heraus und organisiert Festivals. Muss ein Musikmagazin heute in andere Bereiche einsteigen, um Geld zu verdienen?

VENKER: Wir haben ab Mitte der 2000er die neue Dynamik der Branche bemerkt und wussten, dass es schwierig würde mit Intro allein. Ich glaube, die größte strategische Leistung bestand darin, beim Fußballmagazin 11 Freunde einzusteigen und das Heft nach vorne zu bringen. Das hat den Verlag gestärkt und gezeigt, dass wir die Kompetenz haben, in andere Felder zu expandieren.

K.WEST: 11 Freunde ist inzwischen bei Gruner & Jahr.

VENKER: Zu 51 Prozent. Matthias Hörstmann, der Verleger von Intro, hält aber noch Anteile.

K.WEST: Was hat sich in der Musikwelt in Ihrer Zeit als Intro-Chef am meisten verändert?

VENKER: Die Label-Landschaft ist eine ganz andere. Im Jahr 2000 standen die Plattenfirmen noch viel besser da – hatten deutlich mehr Mitarbeiter und ganz andere Möglichkeiten.

K.WEST: Inwiefern?

VENKER: Eine große Veränderung hat bei der Bemusterung stattgefunden. Damals hat man die Alben noch zugeschickt bekommen, heute ist das viel problematischer. Teilweise bekommt man erst kurz vor dem Interview was zu hören, generell werden bei den wichtigen Themen CDs mit watermark verschickt. Es gab früher auch deutlich mehr Interview-Reisen und Möglichkeiten, mit den Künstlern persönlich zu sprechen. Bei manchen Musikern ist heute mit Ach und Krach ein Telefoninterview drin. Das merkt man ganz extrem bei den Genres, die hierzulande nicht die stärksten sind, wie Dubstep. Da kriegst du kaum ein Interview, weil die Künstler wissen, sie verkaufen in Deutschland nur sehr wenige Platten. Das ist für die ein Witz. Das Gleiche gilt für HipHop. Jay-Z geht vielleicht zu Stefan Raab, aber der würde nie extra für Print-Interviews rüberkommen. Das war in den 90ern anders.

K.WEST: Die Misere der Plattenfirmen hat zum Großteil mit dem Internet zu tun. Hat das Netz dem Pop mehr geholfen oder mehr geschadet?

VENKER: Sowohl als auch. Auf der Plus-Seite wird heute viel mehr Musik viel früher gehört. Kleineren Acts hilft das – das sieht man daran, dass heute viel schneller der Durchbruch möglich ist. Aber für die Plattenfirmen ist das Netz natürlich ein Desaster, weil ein großer Teil der Einnahmen weggebrochen ist.

K.WEST: Ist es nicht komisch, dass überhaupt noch die Rede von Musikindustrie ist? Viel ist davon ja nicht übrig.

VENKER: Da gibt es schon Unterschiede. Ich habe viele Freunde in England, dort ist die Industrie wirklich noch eine. Da wird noch nach alten Maßstäben geprotzt und gefeiert. So jemand wie Florence & the Machine verkauft in England aber auch noch zwei Millionen Platten.

K.WEST: Ist die Absatzkrise ein speziell deutsches Problem?

VENKER: Sie ist ein Problem von kleinen Ländern, in denen die Popkultur nicht so im Alltag angekommen ist. In England hat Pop eine ganz andere Bedeutung. Und Amerika macht allein mit seiner Größe den Unterschied. Dementsprechend treten bei Letterman, Fallon und wie sie alle heißen, Bands auf, die man hier nie im TV zu sehen bekommt, was sich wiederum darauf auswirkt, wie die Popkultur im Alltag der Bevölkerung ankommt.

K.WEST: Bedauern Sie die geringere Bedeutung von Pop in Deutschland?

VENKER: Aus Heftmachersicht wäre es natürlich schön, wenn sie größer wäre – wenn auch bei uns ein Battle in der Art Oasis-vs.-Blur, wie es in England in den 90ern stattfand, möglich wäre. Aber das ist eine Frage von jahrzehntelanger Sozialisation. Da sind die Verhältnisse nicht vergleichbar.

K.WEST: Was ist die Aufgabe eines Pop-Magazins wie der Intro im Jahr 2012?

VENKER: Das siehen Sie an unserer letzten Ausgabe ganz gut. Da hatten wir den Dubstep-Künstler Skrillex auf dem Cover. Aber wir reden nicht nur über ihn, sondern haben ein ganzes Dubstep-Special im Heft, in dem wir die Musik kontextualisieren und die Szene im Großen erklären. Manchmal nehmen wir auch Geschichten ins Heft, die nicht unbedingt einen Musikkern haben – neulich z. B. eine Reportage über Mittzwanziger in Brooklyn und Williamsburg, die sich das Schlachten beibringen lassen oder in der aktuellen Ausgabe eine Reportage über alternative Lebensformen. Sehr wichtig ist auch, dass wir nicht mehr printorientiert denken.

K.WEST: Wie meinen Sie das?

VENKER: Wir denken im Sinne des ganzen Hauses. Wir haben eine wöchentliche Redaktionssitzung, in der alle vertreten sind, die bei uns an Inhalten arbeiten. Das ist das »Media & Content«-Department. Da diskutieren wir die anstehenden Themen und überlegen explizit, wo wir sie fahren wollen: In Intro, Splash Mag oder Speaker Freaker, zum Beispiel. Außerdem denken wir die Themen gesamtheitlich, ergänzen sie um Videoplaylisten via Putpat und integrieren diese in unsere iPad-Ausgabe. Das ist der große journalistische Kick, den unsere Firmenstruktur mit sich bringt.

K.WEST: Eure Redaktionen sitzen hier in Köln. Habt Ihr je mit dem Gedanken gespielt, nach Berlin zu gehen?

VENKER: Das haben wir zum Teil gemacht. Das Event-Department mit dem »Melt!« ist in Berlin, unsere hauseigene Werbeagentur auch. Wir haben auch teilweise redaktionelle Mitarbeiter dort sitzen.

K.WEST: Jubiläen sind ja immer Anlass zum Rückblick. Was waren Ihre persönlichen Highlights in zwölf Jahren Intro?

VENKER: Ein persönliches Highlight war auf jeden Fall das Interview mit Morrissey. Der war für mich als Teenager sehr wichtig. David Bowie war auch sehr nachhaltig. Er war wahrscheinlich der konzentrierteste Gesprächspartner von allen. Der hat mich eine Dreiviertelstunde fixiert und sich Notizen gemacht.

K.WEST: Kann es desillusionierend sein, alte Helden zu treffen?

VENKER: Ja. Beim dritten Gespräch mit Depeche Mode war das so. Da stand fest, die werde ich nicht mehr interviewen.

K.WEST: Warum?

VENKER: Die Musiker haben in getrennten Gesprächen übereinander hergezogen. Da war klar, die Band ist nur noch ein Businessmodell. Das tut einem schon weh, wenn man sie als Jugendlicher sehr mochte

K.WEST: Was ist das Interessante am Pop? Sie haben ihm ja einen wichtigen Teil Ihres Lebens gewidmet.

VENKER: Das Spannende ist für mich der Kontext. Also nicht nur die Frage: Welche Musik macht ein bestimmter Künstler, sondern: Wo kommt er her, wofür steht er ein, welchem Milieu gehört er an? Das war immer unsere Haltung. Wir haben nie gesagt: Hier ist der Künstler, und das da unten seid ihr, die Leser. Der Kern von Intro ist der Glaube, dass Pop eine gemeinsam geprägte Welt ist.

K.WEST: Zum Schluss die Orakel-Frage: Was ist der Trend, den man 2012 nicht verpassen darf?

VENKER: Der Trend, dem man nicht entgehen können wird, das sind die Reunions: Stone Roses, At The Drive-In etc. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass wir einen regressiven Markt haben. Darüber hinaus wird der Dubstep sicher im Mainstream ankommen. Skrillex hat das in Amerika ja schon geschafft. Ansonsten kommen ein paar tolle Alben – das neue von The XX, zum Beispiel. Da bin ich schwer gespannt.


Zum 20-jährigen Jubiläum richtet die Intro einen Konzertabend aus. Mit dabei: Maximo Park, Thees Uhlmann, M83, Mouse on Mars, Simian Mobile Disco u.v.a. 3. März 2012, Köln, E-Werk, Infos unter www.intro.de

 

Musik, Medien
02 / 2012

»POP IST EINE GEMEINSAM GEPRÄGTE WELT.«

Von: INGO JUKNAT


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